Chile, 1973 Tausende Regimegegner versammeln sich auf den Straen und protestieren gegen die Militrdiktatur um Augusto Pinochet. Allgegenwrtig erklingt der Schlachtruf des Widerstandes: "El pueblo unido, jams ser vencido!" - "Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden!".

Vier Jahrzehnte spter findet sich eine vergleichbar berwltigende Menschenmenge zusammen, doch der Anlass steht in starkem Kontrast zu den Aufnahmen aus Chile: 22.000 Fans bejubeln von den Rngen der restlos ausverkauften Berliner Waldbhne ihre Idole: "Die rzte" - eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands unserer Zeit. Unverhltnismig klein und bescheiden wirkt der Bassist Rodrigo "Rod" Gonzlez, als er auf der Akustikgitarre die Ballade "1/2 Lovesong" vortrgt, umringt vom unberschaubaren Wall aus Menschen und abendlicher Sptsommerromantik. Zwei Szenen, die auf den ersten Blick schwer vereinbar wirken, sind die Grundsteine fr die Dokumentation "El Viaje Ein Musikfilm mit Rodrigo Gonzlez".

Eine Reise ins Ungewisse

In "El Viaje" begibt sich Rod auf die titelgebende Reise in seine Heimat Chile, auf die Spuren seiner musikalischen Wurzeln. 1974, im Alter von sechs Jahren, floh er mit seiner Familie vor dem Terrorregime nach Deutschland ins Exil. Zum Ziel setzt er sich, sowohl namhafte Vertreter der ersten Generation chilenischer Protestmusiker, der "Nueva Cancin Chilena", als auch junge Musiker fr ein gemeinsames Album zu gewinnen. Was genau er aber von dieser Expedition quer durch die Geschichte und die Kultur seines Herkunftslandes erwarte, so gibt er mit einem Augenzwinkern zu, wisse er selbst nicht genau.

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El Viaje - Ein Musikfilm mit Rodrigo Gonzlez
Verleih: mindjazz pictures
Genre: Dokumentation
Darsteller: -
Regie: Nahuel Lopez
Filmlaufzeit: 98 Min.
Von Beginn seiner Reise an wird klar, dass dieser Film nicht den mehrfach mit Platinschallplatten bedachten Rockstar ins gewohnte Rampenlicht stellt. Wenn der Protagonist auf dem Motorroller das Haus seines Vaters in Hamburg erreicht, um sich ein letztes Mal vor dem Flug mit Fotos und Geschichten aus lngst vergangenen Tagen auf sein Vorhaben einzustimmen, dominiert das Bild von einem aus dem Leben gegriffenen Jedermann, der schon fast ehrfrchtig ber die Protestsnger spricht, die sein Leben so mageblich prgen sollten. Noch gemeinsam mit Papa einen Song spielen, dann kann es losgehen. Der Zuschauer sieht eine ganz andere Seite des Stars. Ruhig und bescheiden, voller Ehrfurcht und Respekt vor seinem Vater und der Vergangenheit so privat fhlt man sich fast schon als stre man ein eingespieltes Familienidylle.

Mit nichts als seinem Rucksack und dem Kamerateam in Chile angekommen, findet sich Rod in einer fremden Welt wieder. Als einziger Anhaltspunkt dient ihm lediglich die Adresse seines langjhrigen Freundes Macha, Kopf der Band "Chico Trujillo", den er bei einer Jam-Session in einem kleinen Hinterhof findet. Sofort zeichnet sich eines der Motive ab, die den Film wie ein roter Faden durchzieht: das gemeinsame Musizieren und Schwelgen in Erinnerungen schafft familire Verbundenheit. berhaupt merkt man, dass Familie und Zusammenhalt eine groe Rolle spielen.

Einzelschicksale, verbunden durch eine Landesgeschichte

Ab hier verluft "El Viaje" fast episodisch. Rod besucht die unterschiedlichsten Musikerinnen und Musiker Chiles. Sie unterhalten sich ber die noch heute bemerkbaren Spuren, die das Pinochet-Regime und die damit verbundenen Widerstandsbewegungen hinterlassen haben, ber die aktuelle Musiklandschaft und ihre Wegbereiter. Untermalt wird das Ganze diversen musikalischen Kostproben. Die Kamerafhrung ist so gewhlt, dass der Zuschauer zu jeder Zeit das Gefhl hat, ganz nah dran zu sein. Er steigt mit auf den steilen Hgel zu einem kleinen verwinkelten Haus eines fremden Freundes oder reist im Rcksitz eines Taxis durch Valparaso.

Die Auswahl der Etappen gestaltet sich abwechslungsreich. Die neue Generation chilenischer Liedermacher, die geistigen Erben der "Nueva Cancin", lernt der Zuschauer durch moderne Vertreter wie Camila Morena und Chinoy kennen. Lndliche Idylle folgt auf Grostadtleben, der Trubel eines Wochenmarktes lst das Flair eines staubigen Proberaums ab. Stets mittendrin: der Zuschauer und ein neugieriger und beraus sympathischer Rodrigo Gonzales. Da ist sie wieder, diese Bescheidenheit, wenn Rod erwhnt, dass er ja brigens auch in einer Band spielt. Der Eindruck vom kleinen Mann ist nicht gespielt. Er fhlt sich wirklich nicht wie ein groer Rockstar. Das wird bei einem Treffen mit Eduardo Carrasco, einem der Grnder der legendren Folk-Gruppe "Quilapayn" deutlich. Im Vorfeld kriegt der Reisende vor Aufregung kaum einen weiteren Kommentar ber die Lippen. Noch sympathischer: Diese Nervositt versucht er gar nicht erst zu berspielen.

Der Film lebt aber nicht nur von seinem einnehmenden Hauptdarsteller, sondern auch davon, wie sehr sich die Tradition Chiles in der zeitgenssischen Musik gehalten hat. Der Mix aus Musik, Geschichte und irgendwie auch Homestory ist einzigartig. Es wird nie langweilig, den hinter jeder Tr wartet ein neues menschliches Schicksal oder zumindest ein musikalisches Abenteuer. Dieser Film ist wrmstens zu empfehlen fr alle, die Lateinamerika, Geschichte und/oder Musik mgen.



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