campus-web-Bewertung: 2 von 5 Sternen
   
 

   
 

   
Erst der dunkle Psychothriller "Antichrist" (2009) ber Trauerarbeit, dann der bildgewaltige Endzeitfilm "Melancholia" (2011) - Wir sind ja einiges gewohnt vom Regisseur und Drehbuchautor Lars von Trier und seiner Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg. Jetzt ihre neue Provokation: ein Abgesang auf die Sexualitt. Der franzsische Chansonnier Serge Gainsbourg zeigte mit seiner Kunst und seinem Lebenswandel der ffentlichkeit an, dass es bei Sexualitt nicht mehr um Fortpflanzung, sondern um Lust gehe. Konsequenterweise ist es hier seine Tochter, Charlotte, die nun das Ende des Zeitalters sexueller Selbstverwirklichung und Lust aufzeigt. Getreu dem Motto: Wir amsieren uns zu Tode. Und das ist keinesfalls lustig. Nach der sexuellen Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte erscheint nun eine Frau wieder als Gespenst chauvinistischer Mnnerphantasien, nmlich als sexuell entfesselte, hysterische Bestie, ein wandernder Uterus, vor dem keiner mehr sicher ist. In einer Aneinanderreihung drastischer Bilder erzhlt in "Nymphomaniac" Joe (Charlotte Gainsbourg) ihren Lebensweg als sex- und lusthungrige Frau. Sie berrascht Seligman (Stellan Skarsgrd) immer wieder mit ihren Schilderungen. Er ist ein Gutmensch und hat sie auf der Strae aufgelesen, wo sie blutig-verletzt, ohnmchtig und stinkend im Schneeregen lag. Da sie weder Hilfe durch einen Krankenwagen noch von der Polizei erhalten will, nimmt er sie mit in seine ostentativ rmliche Wohnung, die sich wie die von Carl Spitzwegs "Der arme Poet" ausnimmt.

Pseudo-Provokation zwischen Eugen Drewermann und Altherrenphantasie

Seligman stellt Joe seinen Schlafanzug und sein Bett zur Verfgung, kocht Tee und reicht Gebck. Whrend drauen vor Backsteinwnden weiter Schneeregen fllt, sitzt Seligman neben dem Bett und hrt sich ihre Lebensbeichte an. Und wir sitzen im Kino und schauen zu. Anfangs kommt er ihr mit Vergleichen aus seinen Erfahrungen mit dem Fliegenfischen. Nachdem dieses Terrain erschpft ist, begegnet er ihr nur noch mit grenzenlosem Verstndnis fr all ihre schaurig-abscheulichen und erotischen Erfahrungen. Es scheint, als habe er eine Wette mit Gott abgeschlossen, um ihr whrend der Tasse Tee die Schuldgefhle auszureden. Immer wieder wechseln die Sequenzen zwischen besagter "Bett-Szene" bei Seligman, als scheinbar sicherem Ort, und ihrem sexuellen Lebensweg, auf dem die junge Joe (nun gespielt von Stacy Martin) vllig rcksichtslos nach Lust sucht. Eindrcklich ist das Gesicht von Gainsbourg, das leutselig das Eintauchen in die sexuellen Abgrnde beschreibt, sich dabei schuldig sieht, nicht aber unter Schuldgefhlen leidet, sondern unter ihren Exzessen. Dass Joe unter einem sexuellen Burn Out leidet, scheint Seligman nicht zu verstehen, wenn er immerfort versucht, sie mit Verstndnis zu heilen. Wie Eugen Drewermann gibt er sich als ein Versteher des Menschlichen.
Nymphomaniac
Verleih: Concorde
Genre: Erotikdrama / Thriller
Filmlaufzeit: 231 min
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgrd, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Connie Nielsen, Daniela Lebang u.v.a.
Filmstart: 20.02.2014



Konflikte hufen sich an, ohne dass es zu ihrer Klrung kommt

Eine Aneinanderreihung lustvoller Erlebnisse der jungen Joe bei Masturbation oder Masochismus wird visuell oft mit Naturbildern wie etwa dem Wind, der durch bedeckte Baumkronen zieht, verknpft. Whrend die Liebhaber (u.a. Shia LaBeouf als Jerme) gehuft mit ihren prgnantesten Attributen oder Stimulierungsfhigkeiten portraitiert werden, behandeln andere Szenen auf berzogene Weise Eifersucht. So steht pltzlich Mrs H. (Uma Thurman) vor Joes Wohnungstr, die mit ihren drei Shnen um Einlass bittet, um ihren Ehemann zu konfrontieren, der sie und ihre Familie fr Joe verlassen mchte. Als Betrachter ist man hin- und hergerissen zwischen Solidaritt mit der Mutter und Mitleid mit den Shnen in dieser fr sie irritierenden Situation. Diese unklare Schwebe ist das, worauf es von Trier abzielt. Eine Stimmung, Verwirrung und Ratlosigkeit zu erzeugen und dabei alles zu vermeiden, was zu einer inhaltlichen Klrung beitragen knnte.

Sex und Philosophie - Bitte um Kotztten fr die Achterbahnfahrt

Seligman bzw. von Trier schreckt auch nicht davor zurck, Johann Sebastian Bach zu bemhen, um in Joes Tun eine Tiefe und damit Erhabenheit zu finden. Fr mich als Zuschauer war an dieser Stelle Schluss, denn ich liebe Bachs Musik zu sehr, als dass ich das noch weiter htte ertragen knnen. Stattdessen werde ich einen derartigen Effekt suchen, indem ich einen Kaffee trinke, mit einem halben Teelffel Salz darin, mir aufmerksam die Geschmacksnuancen auf der Zunge zergehen lasse und vielleicht bekomme ich ja einen Bezug zu Modern Talking hin. Doch Seligman hlt aus. Im zweiten Teil von "Nymphomaniac" kann man dann sehen, was er davon haben will und was er davon hat. Den Kinobetreibern sei jedenfalls empfohlen, Kotztten an den Sitzen bereitzulegen wie in Flugzeugen. Lars von Trier schickt uns wieder einmal auf eine Achterbahnfahrt, bis es uns schlecht wird. Und so ist in "Nymphomaniac" ebenso wenig ber das Leben, die Liebe und den Sex zu erfahren wie auf einer Achterbahnfahrt. Aber viele Menschen werden den Zweiteiler trotzdem mgen.




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