John Ford (1894 - 1973)
   
"My name is John Ford and I make Westerns." Diese oft zitierte Selbsteinschtzung wird dem gesamten Schaffen des amerikanischen Regisseurs zwar nicht vollends gerecht, bringt es aber auf den Punkt: Seinen bis heute anhaltenden Weltruhm verdankt John Ford ganz klar seinen Western.

Am 31. August jhrt sich John Fords Todestag zum 40. Mal. Er starb 1973 im Alter von 79 Jahren an Magenkrebs. Auch wenn Ford als Privatperson ihm wird unter anderem nachgesagt, am Filmset ein sadistischer Tyrann gewesen zu sein ausreichend Stoff zum Befllen eines Nachrufs bieten wrde, sollen an dieser Stelle ganz im Sinne des einleitenden Zitats seine Western im Mittelpunkt stehen. Zumindest eine Handvoll seiner Western. Ford drehte in knapp 50 Jahren rund 140 Filme Fr eine ausfhrliche Beschftigung mit Fords kompletter Filmographie empfehle ich entsprechende Literatur. Auszugsweise mchte ich Euch meine drei persnlichen Ford-Favoriten (sofern ntig) vorstellen und ans Herz legen.


Ende der Dreiiger Jahre hatte Ford bereits zahlreiche Filme gedreht, neben einigen Western auch Kriegsfilme, Dokumentationen und zahlreiche Dramen. Doch dann erschien der Film, mit dem sich John Ford auf eindrucksvolle Weise und bis in alle Ewigkeit als Meister des Westerngenres etablieren sollte: "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" (Stagecoach, 1939). Der Film erzhlt die Geschichte einer bunt zusammengewrfelten Reisegesellschaft (Animiermdchen, Arzt, Whiskeyhndler, Offiziersfrau, Spieler, Bankier, Marshal und der vermeintliche Ganove Ringo) deren Route nach Sante F sie durch die imposante Landschaft des Monument Valley fhrt. Was zuerst romantisch klingen mag, hat zwei Haken: So dauert es erstens nicht allzu lange, bis sich die grundverschiedenen Reiseteilnehmer erstmals gegenseitig in die Haare geraten, zweitens befinden sich die Apachen unter Fhrung Geronimos auf dem Kriegspfad und beanspruchen genau jenes Gebiet. Weie sind folglich nicht besonders willkommen. Whrend die Gruppe ihre Unstimmigkeiten berwindet und allmhlich zusammen wchst, lsst sich die Konfrontation mit den Apachen hingegen leider nicht vermeiden. Doch als Geronimo mit seinen Kriegern angreift, knnen sich die Reisenden als wahre Gemeinschaft bewhren und berleben wie durch ein Wunder (in Gestalt der heran eilenden US-Kavallerie).

In "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" griff John Ford diverse Motive auf, die heute nicht zuletzt dank dieses Films als "klassisch" gelten: verschiedene Individuen finden zusammen, bilden eine Gemeinschaft und trotzen gemeinsam allen ueren Bewhrungsproben, die Natur und Wildnis ihnen auferlegen. Das Motiv der "Gemeinschaft" bot Ford die Mglichkeit, den Western um mehr dramatische Elemente zu bereichern. Die Western der vorherigen Jahrzehnte waren eher naiv, erzhlten von heldenhaften Einzelgngern wie Billy the Kid oder (dem fiktiven) Broncho Billy und unterftterten primr den nationalen Mythos vom Westen und dessen Entdeckung und Landnahme Ford setzte dem "echte" Charaktere mit Emotionen und der Fhigkeit zur Entwicklung entgegen, freilich ohne dabei mit irgendwelchen Mythen zu brechen - Tatschlich war "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" einer der ersten Filme, welche den Nationalmythos der USA nicht blo bebilderten, sondern in denen sich dieser Mythos auch dramaturgisch deutlich wiederspiegelte. "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" beeinflusste das Genre nachhaltig. Was den Film auerdem filmhistorisch interessant macht, sind folgende Tatsachen: Ford drehte zum ersten Mal im Monument Valley (Ford drehte dort zahlreiche weitere Filme man spricht heutzutage vom Monument Valley auch als "John Ford-Country") und eine Schauspiellegende erlebte in seiner Rolle als Ringo den groen Durchbruch: John Wayne.

Der schwarze Falke

"Der schwarze Falke" (The Searchers, 1956) ist ein weiterer Westernklassiker, in dem John Wayne fr John Ford in den Sattel stieg. Wie in "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" spielt die Gemeinschaft eine gewisse Rolle - Diesmal geht es um Menschen, welche der Gemeinschaft entrissen werden und andere, welchen diese keine Zuflucht gewhrt. Ethan Edwards ist so ein Mensch ein einsamer Westerner. Nachdem seine Nichten vom Huptling "schwarzer Falke" und seinem Stamm entfhrt wurden, begibt sich der soeben heimgekehrte Kriegsveteran auf eine langjhrige Suche, die einer Odyssee gleicht. Je mehr Zeit vergeht, desto verbitterter wird Ethan, der Hass auf die Indianer verzehrt ihn regelrecht In einer berhmten Szene zerschiet Ethan die Augen eines toten Indianers, da nach indianischem Glauben Augenlosen der Zutritt zum Himmel verweigert werde. Als er eine seiner Nichten (die andere wurde zwischenzeitlich tot aufgefunden) in einem Indianerdorf wiederfindet und feststellen muss, dass aus ihr eine waschechte "Comanchenbraut" geworden ist, mchte er sie auf der Stelle erschieen. Sein Begleiter Martin kann Ethan zwar vorerst vom Mord an seiner Nichte abhalten, doch der gibt nicht auf. Zusammen mit einer Strafexpedition strmt Ethan das Comanchenlager und ttet den Huptling. Whrend er den "schwarzen Falken" skalpiert, fallen seine Begleiter ber die Indianer her. Als Ethan nun ein weiteres Mal seiner Nichte gegenbersteht, schliet er sie liebevoll in die Arme und bringt sie anschlieend endlich zurck nach Hause. Nachdem er das Mdchen abgeliefert hat, verschwindet er wieder in der weiten Ferne des Monument Valley, aus der er anfangs kam.

Im Vergleich zum ungleich optimistischeren "Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" wirkt "Der schwarze Falke" uerst dster. John Ford zeigte nun die Schattenseiten des US-Mythos auf und schuf ein vielsichtiges und vielschichtiges Meisterwerk, das viele Fragen aufwirft und nicht unbedingt alle beantwortet: Was ist moralisch richtig, was ist falsch? Ist Ethan Edwards ein Held? Kann ein brutaler Rassist berhaupt der Held eines Western sein? Ist "Der schwarze Falke" ein rassistischer Film? Oder ein antirassistischer, weil er die Ausrottung von Amerikas Ureinwohnern thematisiert? Ist Huptling "schwarzer Falke" Ethans Alter Ego? Ist der Indianerhasser etwa deshalb ein Selbsthasser? Und die wichtigste Frage: Was mchte der Regisseur mit seinem Film ber Amerika aussagen?

"Hllenfahrt nach Santa F / Ringo" und "Der schwarze Falke" reprsentieren zwei Seiten einer Medaille Erster glorifiziert den Mythos der Gemeinschaft als Keimzelle individuellen Glcks, der zweite zeigt, welch hohen Preis jenes Glck kosten kann und dass sich John Fords Wahrnehmung von Amerika in den 17 Jahren, die zwischen beiden Filmen lagen, gendert hatte. Doch " Der schwarze Falke" ist nicht blo Fords kritischster, komplexester und wahrscheinlich bester Beitrag zum Westerngenre. John Wayne zeigte ebenfalls sein ganzes Knnen. Seine Darstellung des innerlich zerrissenen, heimatlosen Ethan Edwards ist monumental Wer behauptet, "der Duke" sei ein mittelmiger Schauspieler gewesen, hat "Der schwarze Falke" nicht gesehen. Oder gehrt mit Blei gefttert! Eine Wiederentdeckung des Films lohnt brigens speziell auf Blu-ray. Der bald 60 Jahre alte Film sieht in HD unfassbar gut aus.

Der Mann, der Liberty Valance erschoss

In seinem Sptwestern "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" (The Man who shot Liberty Valance, 1962) widmete sich John Ford der Entstehung, Wirkung und Daseinsberechtigung von Mythen. Am Beispiel des Juristen Ransom Stoddard, der in den Wilden Westen kommt und (unfreiwillig) zum Revolverhelden (und anschlieend zum Senator) avanciert, machte Ford deutlich, dass Legenden nicht immer wahr sein mssen und kommentierte damit ein weiteres Mal sowohl die amerikanische Geschichte als auch das Westerngenre: Zur Beerdigung seines alten Freundes Tom Doniphon kehrt Senator Stoddard zurck nach Shinbone, wo man ihn als den "Mann, der Liberty Valance erschoss" kennt und respektiert. Valance war einst der gefrchtetste Outlaw der Gegend. Natrlich bekommt auch die lokale Presse vom hohen Besuch des Senators Wind. Man mchte wissen, in welcher Verbindung Stoddard und der Verstorbene zueinander standen. Der Senator erzhlt ihnen die Geschichte, an derem Ende folgende Wahrheit ans Tageslicht kommt: Liberty Vallance wurde tatschlich von Tom Doniphon erschossen unehrenhaft aus dem Hinterhalt. Um Stoddards Leben zu retten. Die Journalisten sind zwar berrascht, kommen aber schlielich zur berzeugung: "Dies ist der Westen [...]. Wenn die Legende zum Fakt wird, drucken wir die Legende." Die Wahrheit ist unrelevant. Ransom Stoddard ist und bleibt "der Mann, der Liberty Valance erschoss"!

"Der Mann, der Liberty Valance erschoss" macht eines deutlich: Menschen brauchen Mythen und Legenden. Da diese Legenden oft auf unschnen Wahrheiten basieren, ist es notwendig, diese Geschichten fr eine zivilisierte Gesellschaft aufzubereiten anders ist es dem amerikanischen Volk anscheinend nicht mglich, sich mit der eigenen, blutigen Vergangenheit auseinander zu setzen. John Ford hatte das erkannt, wobei seine Sympathie auch denjenigen galt, die darunter zu leiden haben, dass sie die Wahrheit kennen Random Stoddard wird von James Stewart als nachdenklicher Intellektueller mit Gewissensbissen dargestellt. Dem gegenber verkrpert John Wayne als Tom Doniphon die Opfer der Legendenbildung: Er, der Liberty Valance tatschlich erschoss und die Legende somit begrndete, stirbt verarmt und alleine. Seine ehemals Angebetete ist heute die Ehefrau des Senators.

"Hllenfahrt nach Santa F / Ringo", "Der schwarze Falke" und "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" sind klassische John Ford-Western: Zentrales Motiv ist die Gemeinschaft, die auf dem Weg zur Gesellschaft Opfer fordert und unschne Wahrheiten im Sinne des allgemeinen Wohlbefindens auch mal verschleiert. So entstehen Legenden. Anhand dieser Auswahl, die bekanntlich nur einen Bruchteil seiner Filmographie ausmacht, lsst sich auerdem John Fords Wandel nachvollziehen: seine Filme wurden zunehmend kritischer und in Bezug auf Western als auch den Mythos dahinter selbstreflektiver. Zudem gehren sie zu dem Besten was der Westernfilm zu bieten hat und sind eigentlich Pflicht fr jeden, der sich als Cineast bezeichnet.

Sein Name war John Ford. Er machte Western. Seht sie Euch an!

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