campus-web Bewertung: 5/5
   
 

Der "Driver" am Tage
   
 

Nachbarin Irene und ihr Sohn Benicio wecken seine sanfte Seite
   
Tagsber schraubt er in einer Werkstatt an Autos rum oder bernimmt Stunts fr Filmproduktionen. Doch nachts erwacht die dunkle Seite des namenlosen "Drivers". Er stellt sich als Fluchtfahrer fr Bankruber zur Verfgung - fnf Minuten, in denen er seinem Auftraggeber gehrt. Alles was davor und danach passiert, spielt keine Rolle.

Der Driver ist kein Mann der groen Worte. Niemand wei, woher er kam oder wer er ist. Seinem Boss Shannon reicht, was er ber den Burschen wei und was er sieht: "Wenn man den Burschen hinters Steuer setzt, gibt es nichts, was er nicht kann!". Und dennoch hat der khle und stets gleichgltig wirkende Driver eine weiche Seite: Als er seiner Nachbarin Irene und deren Sohn Benicio begegnet, entwickelt sich schnell ein zartes Band zwischen den beiden. Doch Irenes Mann kommt aus dem Knast zurck und handelt sich schnell neuen rger ein. Er muss eine alte Schuld begleichen. Um Irene und Benicio zu helfen, lsst der Driver sich auf ein riskantes Unterfangen ein. Die Sache geht grndlich schief. Was folgt, lst eine Spirale der Gewalt aus, aus der es kein Entrinnen zu geben schein. Der Driver ist gefangen zwischen rivalisierenden Untergrundbanden. Nicht nur sein Leben ist in Gefahr, auch das von Irene und ihrem Sohn. Hier braucht es deutlich mehr als berragende Fahrknste.

Der dnische Regisseur Nicolas Winding Refn erregte schon mit seinem letzten Film "Valhalla Rising" groe Aufmerksamkeit und spaltete das Publikum. Die einen waren abgestoen von der expliziten Gewaltdarstellung und dem schwer zu greifenden, von bibllischen Allegorien berladenen Plot - andere feierten eine neue, reine Form des Autorenkinos. Winding Refn erzhlt seine Geschichte mit Bildern, Bewegungen, Farben. Kino in seiner reinsten Form. Worte spielen nur eine untergeordnete Rolle. Dafr fgt sich der berragende Soundtrack perfekt in diesen sorgfltig inszenierten und perfekt getimten Spielfilm ein. Die Songs erzhlen die Geschichte mit ("Nightcall") kommentieren und ironisieren ("Real Hero"). "Drive" lebt weniger von der Handlung, als viel mehr von seiner Stilistik, den sorgfltig komponierten Bildern und einer stetig ansteigenden Spannung.

Winding Refn zeigt ein Los Angeles in Bildern und Farben, die an Michael Manns Kultserie "Miami Vice" erinnern. Besonders die nchtlichen Fahrten durch die Stadt strotzen nur so vor Eleganz und Geschmeidigkeit. Die Kamera zeigt das Geschehen hufig aus der Untersicht - die Bilder drcken einen nahezu in den Kinosessel zurck, als wrde man in einem Rennwagen langsam anfahren und die wilde Fahrt auf sich zukommen sehen. Die Schnitte flieen ineinander ber, als wrde ein Profifahrer zrtlich den nchsten Gang einlegen. Schon lange gab es keinen Film mehr, der so sthetisch, so cool, so stylisch war.
Drive
USA 2011

Verleih: Universum Film
Genre: Action-Thriller, FSK 18
Filmlaufzeit: 101 min
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan,
Albert Brooks,Bryan Cranston, Oscar Isaac,
Ron Perlman
Kinostart: 26.01.2012


Winding Refn bereitet jede Szene gut vor, lsst sie erst langsam in Fahrt kommen, um sie dann um so heftiger auf den Hhepunkt zu treiben. Und Hauptdarsteller Ryan Gosling ist die Idealbesetzung fr den wortkargen Burschen, der nie die Ruhe verliert und stets die Kontrolle behlt. Wohl dosiert ist seine Mimik - manchmal regungslos, ohne ein Wimpernzucken - ungewiss, was im nchsten Moment passieren wird.

Goslings Figur ist voller Gegenstze - tagsber der Gute, Nachts der Bse. Zrtlich, frsorglich, liebevoll im Umgang mit Irene und Benicio, knallhart und rcksichtslos, wenn das was er liebt bedroht wird. Winding Refn zeigt beide Seiten in der schrfsten Ausprgung in nur einer Einstellung. So manifestiert er die Ambivalenz seiner Hauptfigur und seines Films. Winding Refn wird mit "Drive" endgltig in die erste Regie-Liga aufsteigen und Ryan Goslings Weg zum Superstar ist vorgezeichnet.

Hauptfiguren mit Schwchen und seelischen Abgrnden sind lngst beliebter als der strahlende Held mit der weien Weste und doch greift Winding Refn mit seiner Figur auf den beinahe vergessenen Typus des in sich gekehrten Einzelgngers zurck, der in der Not vollkommen auf sich gestellt ist und zu abwgigen Mitteln greifen muss. In den 60er und 70er Jahren waren Clint Eastwood ("Dirty Harry") oder auch Charles Bronson ("Ein Mann sieht rot") auf diese zwielichtigen Rollen abonniert. Selbst Stallones "Rambo" knnte man in dieser Reihe aufzhlen.

Und so ist Winding Refn eine wunderbare Hommage an das gute alte Actionkino gelungen. Er verneigt sich vor den Klassikern und erfindet das Genre zugleich neu. "Drive" hat das Zeug zum Kultfilm - trotz oder gerade aufgrund der expliziten Gewaltdarstellung, in erster Linie aber aufgrund der perfekten Kompostion aus Bildern, Tnen und einem beeindruckenden Hauptdarsteller, der einem den Atem verschlagen wird.



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