campus-web Bewertung: 4,5/5
   
Wie sieht der perfekte Weltuntergang fr das Kino aus? Die Antwort: gar nicht. Denn wenn es nichts mehr zu sehen gibt, dann ist der Kinofilm so ziemlich am Ende seiner Mglichkeiten angelangt. "Perfect Sense" bedroht die Welt, den Zuschauer und sich selbst nun mit genau dieser Aussicht: Gibt es die Dinge noch, wenn sie niemand mehr wahrnehmen kann?

Dabei fngt alles recht harmlos an: Einzelne Menschen leiden unvermittelt unter Anfllen groer Trauer, danach verlieren sie ihren Geruchssinn. Die Wissenschaft kann die Vorflle nicht erklren auch nicht die Seuchenexpertin Susan (Eva Green "Casino Royale", "Die Trumer"), die in einem Labor im schottischen Glasgow arbeitet. Sie selbst erkrankt, als sie gerade mit dem Koch Michael (Ewan McGregor "Trainspotting", "Star Wars Episode I III") anbandelt, ihm ergeht es ein paar Stunden spter nicht anders und bald riecht kein Mensch mehr etwas. Die Welt findet sich damit ab und wartet darauf, dass der Spuk so schnell vorbergeht, wie er gekommen ist. Doch als berall gleichzeitig ein Ausbruch von Fresucht eintritt und danach die Geschmacksknospen ihren Dienst einstellen, steht ein groes Fragezeichen im Raum werden etwa noch weitere Sinne verlorengehen? Wie soll das Leben und der Film! weitergehen, wenn alle taub und blind werden?

"Perfect Sense" ist fr das 25. Fantasy Filmfest ein richtiger Glcksgriff, und verdient lief der Film als Centerpiece in Kln vor vollem Haus. Regisseur David Mackenzie ("Young Adam", "Hallam Foe") und Autor Kim Fupz Aakeson liefern einen berraschend starken Film ab, der den Zuschauer gleich auf mehreren Ebenen packt. Weltuntergangsdramen kennt man zu Genge aus Hollywood, Liebesgeschichten auch beide Handlungsstrnge sind hier jedoch gerade deswegen so stark, weil sie sich nicht in den Vordergrund drngen. Green und McGregor fllen ihre Leinwandromanze schnell mit realistischem Leben. Und whrend eine Erzhlerin die globalen Ausmae der Epidemie so es denn eine Krankheit ist in Zwischensequenzen vortrgt und man dazu auch Bilder aus Kenia und Indien sieht, geht es eben auch nicht darum, eine Lsung zu finden und die Welt zu retten. Das Unglck passiert einfach, genau, wie die Liebe zwischen Susan und Michael einfach passiert.

Vom gebrochenen Herzen bis zur Eiszeit

Perfect Sense, D/GB/S/DK 2011
Verleih: Senator Film
Genre: Drama
Filmlaufzeit: 92 Minuten
Darsteller: Eva Green, Ewan McGregor
Regie: David Mackenzie
Kino-/DVD-Start: noch unbekannt
Aus beidem resultiert die dritte Ebene, die wichtigste: die Wertschtzung des Lebens. Wie schon "The Tree Of Life" zeigt auch "Perfect Sense", das jedes noch so kleine Element der Welt ein kleines Wunder ist hier jedoch ohne die Verknpfung zu einem religisen Weltbild. Schon der Anfang des Films zeigt auf, wie vielfltig der Planet Erde sein kann und wie einfach die Dinge in ihr sind. Und wie wichtig. Der Verlust der Sinne weckt eine groe Melancholie; der Zuschauer wird sich bewusst, wie wichtig ihm die Wahrnehmung seiner Umgebung eigentlich ist. Die vernderte Welt aus Mackenzies Vision mag vielleicht nicht ganz realistisch sein, sie schafft es aber immer, die Hauptfrage in Erinnerung zu rufen: Was ist der Kern der Dinge, was macht das Leben aus, wenn wir weniger Mglichkeiten haben, es zu leben? Welche Mglichkeiten werden Menschen finden, weiterzuleben? Nirgendwo sonst wird dies so gut greifbar wie in Michaels Luxus-Restaurant, einem Ort, der die menschlichen Sinne zelebriert und sich im Rahmen der Krise stets neu erfinden muss. Und genau wie in der Liebesbeziehung findet man hier die Wertschtzung der Existenz, des Zusammenlebens die Gemeinschaft in der Kche profitiert nicht zufllig davon, dass Michaels Kollege James von Ewen Bremner gespielt wird, mit dem McGregor bereits in "Trainspotting" vor der Kamera stand, und fr die Rolle des Geschftsinhabers wurde sogar sein Onkel Denis Lawson gecastet.

Inmitten all dieser herzzerreienden Traurigkeit angesichts der Vergnglichkeit des Lebens mit all seinen schnen Seiten, allen voran der zerbrechlichen Vertrautheit der Liebe, steht jedoch pltzlich noch eine andere Frage im Raum. Und diese wird dem Zyniker gefallen: Sind Menschen denn nicht nur biologische Maschinen, bei denen man einfach einen Hebel umlegen kann, und pltzlich sind sie traurig, wtend oder unglaublich harmoniedrftig? Was ist dann noch das besondere an der Existenz, wenn eben nicht eine hhere Macht eingreift die Mglichkeit einer gttlichen Strafe, gleich welcher Religion, wird zwar angesprochen, jedoch erfrischenderweise nicht als Trumpfkarte ausgespielt sondern eben nur die ganz normalen Ablufe? Wenn alle Kunst, alle technischen Errungenschaften, alle Gefhle der Menschheit nichts bedeuten? Kann man dann immer noch Trost in der Weisheit finden, dass das Leben immer weitergeht, nach jeder Tragdie vom gebrochen Herzen bis zur Eiszeit? Wenn man dieses Fass aufmacht, wird man sich gut berlegen mssen, was man aus "Perfect Sense" mitnehmen will eindeutig ist die Botschaft jedenfalls nicht. Regisseur Mackenzie soll sich auf die Frage nach der Aussage seines Films irritiert gezeigt haben, diese lge im Ermessen eines jeden Zuschauers. Eins sollte man jedoch im Auge behalten: Mit "Perfect Sense" spielt der Titel ja eben nicht auf die Sinne des Menschen an sondern auf den Sinn, den alles macht, und den man vielleicht auch finden kann. Selbst oder gerade dann, wenn die Welt auf das wesentliche reduziert wurde.

Offizielle Homepage des Fantasy Filmfest noch bis zum 31. August in Kln


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