campus-web Bewertung: 3,5/5
   
 

Berg und sein "Zwangskollege" Moerer
   
 

Die neue Chefin - Lieke van der Stock
   
Einfrieren - Auftauen, und dabei zhlt Zeit. Und die exakte Temperatur. Mit Tiefkhlkost kennt Rainer Berg sich aus und ist dabei selbst zum Eisblock geworden - fr seine Umwelt und fr sich selbst. Gefhle und Sentimentalitten hat er kalt gestellt. Die Firma seines Vaters hat er in die Pleite gefhrt. Jetzt luft er Tag fr Tag von Tr zu Tr, um seine Tiefkhlkost an den Mann zu bringen und von der Provision das Luxus-Altersheim fr seinen Vater zu finanzieren. Dieser wei nmlich nichts von der Pleite seines Juniors und plant schon das angehende Firmenjubilum.

Das bleibt nicht das einzige Problem fr Eigenbrtler Berg. Die neue Firmenchefin Lieke van der Stock setzt ihm kurzerhand den tolpatschigen Tobias Moerer vor die Nase, der soeben mit einer Gabelstapler-Attacke fr einen Stromausfall im Tiefkhlhaus gesorgt hat und auch sonst das Pech magisch anzieht. Trotz aller Missgeschicke lsst Moerer sich die Lebensfreude nicht nehmen und will den ewig grimmigen Berg damit anstecken - zwei Welten prallen aufeinander. Der eine trinkt Kaffee, der andere Tee. Berg hrt nur Wetterberichte, Optimist Moerer "Radio Sunshine". Da wird es verdammt eng in einem Tiefkhlwagen. In der norddeutschen Provinz sind die Wege manchmal sehr lang und so bleibt Berg nichts anderes brig, sich seinem Schicksal zu ergeben.

"Manchmal wnschte ich mir, ich wre ein Fischstbchen. Frher oder spter wrde ich in der Pfanne landen, aber bis dahin htte ich wenigstens meine Ruhe."(Berg)

Andr Erkau ist mit "Arschkalt" ein kleines feines Filmchen mit wunderbaren Untertnen und ganz viel Weisheit gelungen. Der Film lebt von seinen drei Hauptfiguren. Jeder fr sich ein Einzelkmpfer und dabei doch auf der Suche nach Gemeinschaft. So amsant und doch so tieftraurig ist es, wenn Herbert Knaup als desillusionierter Berg mit mrrischem Gesicht und zynischen Einzeilern seine Mitmenschen vor den Kopf stt. Um so rhrender mutet es an, wenn er alles dafr tut, dem todkranken Vater einen letzten Wunsch zu erfllen und diesem die Illusion einer heilen Welt inklusive gutgehendem Unternehmen vorzuspielen. Seine zaghaften und unbeholfenen Annherungen an seine Chefin Lieke wirken viel echter, viel ehrlicher als jede romantische Liebeserklrung vor Sonnenuntergangkulisse am Strand. Und immer bleibt ein leiser Zweifel: Schafft Berg es raus aus der Isolation oder wird er doch noch zum tiefgekhlten Fischstbchen?
Arschkalt
D 2011

Verleih: NFP & Wste Film West
Genre: Komdie
Filmlaufzeit: 90 min
Regie: Andr Erkau
Darsteller: Herbert Knaup, Johannes Allmayer,
Elke Winkens, Peter Franke, Thorsten Merten
Kinostart: 21.07.2011


Johannes Allmayer knpft an seine Rolle des nervigen Zwangsneurotikers aus "Vincent will meer" an und bringt sein Umfeld mit seinen permanenten Migeschicken zur Weiglut. Bei all seiner Unbeholfenheit in praktischen Dingen steckt so viel Lebensfreude, Optimismus und schlichte Weisheit in ihm, die ansteckend ist und den Glauben an das Gute zurckbringt. Elke Winkens ist einfach zuckers als neue Firmenchefin, die stets auf der Suche nach Balance zwischen beruflicher Karriere und familirer Geborgenheit ist. Beides scheint unvereinbar. Ihre ngste, ihre Zweifel versteckt sie hinter einem frhlichen Lachen und herzlichen hollndischem Charme. Bei allen privaten und beruflichen Schwierigkeiten auch noch das Gesicht der knallharten Chefin zu wahren - kaum mglich.

Mit all ihren Fehlern und Schwchen ergnzen sich die drei am Ende perfekt, finden einen Weg zueinander und zu sich selbst. Bei allem Tiefgang ist "Arschkalt" auch ein Film voller Wortwitz und komischen Situationen. Moerers Teebeutelsprche und Bergs Tiefkhlweisheiten sind herrlich sprde Zitate fr jede Alltagssituation, die man sich merken sollte.

Einziger Kritikpunkt des Films ist der viel zu monoton und schne angelegte Soundtrack. Wenn zum gefhlt hundertsten Mal das gleiche langsame Gitarren-Intro eine Szene einleitet, pat dies nur selten zur "arschkalt"-frhlich-zynischen Grundstimmung. Bergs Vorstellung als Menschenhasser besteht aus kurzen Versatzstcken, winzigen Szenen voller fieser Sprche, die ruhig etwas lnger dauern knnten, doch diese kleinen Mngel verderben den Spa am Ganzen nicht. Nach dem Kino wird es viel eher warm ums Herz, als "Arschkalt".


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