Wenn Wim Wenders eine Filmpremiere besucht, dann tut er das nicht umsonst. Der bekannte Regisseur ist an diesem Sonntag nicht der einzige gespannte Besucher im Cinenova in Köln-Ehrenfeld. Das Publikum im Saal 1 reicht vom Nobody bis zur Stadtprominenz, vom Röhrenjeans- zum Sakkoträger. Sie alle aber sind wegen des berühmten Fliegenträgers in ihrer Mitte hier: Dem Nobelpreisträger des Jahres 2000 für Medizin, Eric Kandel.
Auf der Suche nach dem Gedächtnis heißt Regisseurin Petra Seegers neuestes Werk, das dem amerikanischen Hirnforscher nicht nur ein wissenschaftliches, sondern vor allem ein biografisches Denkmal setzt (
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Stunden vor dem Premierenhype: Kandel und Seeger sitzen im Kölner Hotel Savoy an einem in schwarz-weiß gehaltenen Tischgedeck und stehen anwesenden Journalisten Rede und Antwort. Der 79-jährige sieht trotz des bevorstehenden Auftritts überhaupt nicht angespannt aus. Er schaut vielmehr interessiert durch die großen ovalen Gläser seiner Brille, während er sich seine obligatorische rote Fliege zurecht rückt. Dem üblichen Klischee des lebensfremden Genies entspricht Kandel ganz und gar nicht. Er fällt vielmehr mit einer Zufriedenheit ausstrahlenden Aura auf. In regelmäßigen Abständen schallt sein markantes Lachen durch den Raum, ein Lächeln folgt dem Nächsten. Schnell wird klar, warum der in Wien geborene Wissenschaftler auch als "Rockstar der Neurobiologie" bezeichnet wird. "Man muss leben, man muss lieben. Man kann nicht nur Bücher lesen", stellt Kandel in etwas gebrochenem Wiener Akzent mit englischen Einflüssen klar. Einige Anwesende nicken stumm.
Über die Umstände des ersten Zusammentreffens von Kandel und Seeger herrscht aber weniger Einigkeit. Petra Seeger erinnert sich daran, dass sie den Namen Kandel nur wenige Tage vor einem zufälligen Zusammentreffen in Berlin gehört habe und sofort fasziniert war: von dem Menschen und seiner Arbeit, der Erforschung des Gedächtnisses. Der Nobelpreisträger glaubt, jemand sei an ihn herangetreten und habe so die deutsche Regisseurin und den US-Wissenschaftler zusammengebracht. Bei wem das Gedächtnis in dieser Beziehung aussetzt, konnte nicht geklärt werden.
Petra Seeger war von Anfang an begeistert von der Idee, einen Film über die Verbindung des Menschen Kandel mit seiner Arbeit zu drehen. Die Verbindung scheint in Kandels Kindheit in Wien zu liegen. 1938 musste er als neunjähriger vor dem Terror der Nazis in die USA emigrieren. Ohne die Erinnerungen aus seinem letzten Jahr in Österrreich, so sagt Kandel heute, hätte er kein solches Faible für die Hirnforschung und die Suche nach den Speicherungsmechanismen im Gehirn entwickeln können.
So begibt Kandel sich
Auf der Suche nach dem Gedächtnis nicht nur in enge Labors und komplexe Gedankengebäude, sondern auch an Orte seiner Kindheit - begleitet von seiner Frau Denise, seinen Kindern und Enkeln. Herausgekommen ist das Portrait eines warmherzigen und lebensfrohen Genies, das trotz aller Liebe zur Wissenschaft das Leben nie vergessen hat. "Das interessante an Eric ist, dass er mit seinem bewegten Leben und seinem Umgang mit Erfahrungen zu dem 'role model' seiner eigenen Wissenschaft geworden ist", erklärt Seeger den Grund für ihre Faszination.
Warum er als "Rockstar der Neurobiologie" bezeichnet wird, wird nicht nur auf der Leinwand deutlich. Mit ungemeinem Charme und Witz weiß er die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Auf der anderen Seite ist auch einer der bedeutendsten Hirnforscher der Welt ein "King of Understatement". So sagt er in dem Film während eines Gesprächs mit befreundeten Wissenschaftlern: "Wir sind nicht klug genug, um Revolutionen zu planen, also machen wir Wissenschaft." Kandel selbst sieht sich sowieso nicht als Rockstar, sondern vielmehr als "neural entertainer". Soll heißen, dass die Wissenschaft an ein möglichst großes Publikum herangetragen werden sollte. Filme wie
Auf der Suche nach dem Gedächtnis wären dafür prädestiniert. Schließlich seien auch die kompliziertesten Facetten seiner Arbeit nicht so schwierig zu verstehen, als dass sie abends bei ein paar Gläsern Champagner nicht vermittelt werden könnten. Kandel lacht. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag.