Klaus Hoffmann, ein in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannter Musiker, lobte Heike Makatschs Darstellung der Knef in dem Film Hilde. Hoffmann, der die Knef persönlich kannte, lobte vor allem die Sanftheit, mit der Makatsch ihre Film-Hilde gegeben habe. Die harsche Art der echten Hilde lasse auch nur den Schluss auf eine zarte Künstlerseele zu. Definitionem per contradicio, wenn irgendetwas fehlt, dann beweist das Fehlen allein die Existenz des Gegenteils – eine Denkschule, die seit der Veröffentlichung der "Cautio Criminalis" von Friedrich Spee im Jahr 1631 immer mehr an Bedeutung abnimmt.


Bombenkrieg und Hungerwinter

Hilde war ein Star. Ein deutscher Weltstar. Nackedei in Schwarz-Weiss. Sie war eine skandalöse Grande Dame. Sie war eine "öffentliche Frau" zu einer Zeit, als Frauen noch Kinder für das Wirtschaftswunder gebaren und Heim und Herd und Ehemann versorgten. Es war die Zeit, während der sich der politische Druck erst noch aufbaute. Angefeuert durch die Bigotterie der Fünfziger Jahre, das Verdrängen der neueren deutschen Geschichte und die fehlende Modernisierung der Gesellschaft. Weltstar Hilde lebte da schon einen Gegenentwurf zum traditionellen Rollenverständnis.

Die Knef lebte öffentlich. Die Knef liebte öffentlich. Ihre Triumphe waren so öffentlich wie ihre Niederlagen. Sie gehörte einer ganzen Nation. Sie spiegelte Traum und Trauma der Westdeutschen wieder:

Wie Phoenix war sie aus der Asche Berlins entstiegen, ein Kellerkind das in der Welt gefeiert wurde. Sie war die tapfere (deutsche) Frau, die ihre Niederlagen auslebte wie andere nur ihre Triumphe. Sie zeigte den Leserinnen der HörZu und der Bunten Illustrierten , dass Frau auch nach dem Krieg noch ihr eigenes Leben selbst bestimmen konnte.

Das Boulevard liebt Persönlichkeiten – die alle Facetten des Lebens mit dem Publikum teilen. Hildegrad Knef verkörperte in ihren Triumpfen die Sehnsucht der Westdeutschen, wieder dazu zugehören. Ihre Niederlagen aber ließen sie bleiben, was sie war. Eine aus dem Volk der Nachkriegsdeutschen. Ein Kriegskind. Eine Nachkriegsfrau. Und wenn sie sich aus ihren Niederlagen selbst wieder erhob, dann vollzog sie öffentlich den Mythos des wirtschaftsgewunderten Bundesdeutschland am eigenen Leben nach: Wie ein Profiboxer richtete sie sich aus eigener Kraft wieder auf und stellte sich erneut dem Kampf ihres (Über)-Lebens.

Und da heraus spielte sie, sang ihre Lieder und schrieb ihre Bücher.

"Hart ganz hart, zart ganz zart." Klaus Lage hätte seinen Schimanski-Song auch der deutschen Hilde widmen können.


Tapferkeit vor dem Lied

Bombenkrieg und Hungerwinter sind sicherlich Aspekte, die sich dem Kunstgriff des "method acting" beinahe ausnahmslos verschließen. Die Makatsch hat das klugerweise im Film auch gar nicht erst versucht:
Da lebt und liebt die Hilde aus Berlin und in der Pracht der Köstume und der Etuikleider und der Träume der Hutmacherinnen der fünziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts fällt den Zuschauern das Fehlen mancher Aspekte der Persönlichkeit von Hildegrad Knef auch nicht weiter auf. Niemals ist im Film der Schauspieler ganz auf sich gestellt. Schnitt, Kamera, Beleuchtung, Sound und Musik helfen ihm über die Klippe der Glaubwürdigkeit zu kommen. Den Zuschauer mit filmischer Authentizität zu blenden. Beim Lied fehlen dem Schauspieler, fehlen der Schauspielerin all die Hilfen, die der Film bietet. Allein die Stimme bleibt. Und sie gewinnt oder sie gewinnt nicht. Bei Amazon hat man klugerweise ein Video als Kostprobe eingestellt. Ja. Heike Makatsch versucht das Unmögliche, sie versucht die Knef so zu singen wie als wäre sie die Knef. Sie geht nicht den leichten Weg, lässt keine Soundalikes ihre Passagen synchron einspielen. Sie singt selbst. Sie interpretiert nicht, sie singt wie vor fünfzig Jahren die Hilde, macht wenigstens den tapferen Versuch so zu singen wie die Knef. Selbst wenn manche Kritiker das Ergebnis weit mehr als mutig , ja übermütig nennen würden, zeugt es von der Courage einer mutigen und ernsthaften Schauspielerin. Chapeau, Hut ab Frau Makatsch!

Solls doch rote Rosen regnen

Die Hörer, deren audiophile Erinnerungen an Hildegard Knef aus der Aufnahme mit Extrabreit (1993) stammen, werden von der jungen Stimme enttäuscht sein. Auf der CD zum Film Hilde hören wir eben Heike Makatsch, Jahrgang 1971 aus Düsseldorf und nicht Hildegard Knef, Jahrgang 1925 aus Berlin. Zwischen diesen Stimmen liegt mehr gelebtes oder noch nicht gelebtes Leben als man Platz bräuchte für den geschenkten Gaul, der die Vorlage des Films ist.

So bleibt bei aller Kritik eine Empfehlung übrig: Wer die Knef liebt, wird von Heike Makatschs Einspielung in seinen Erwartungen enttäuscht werden. Um aber von der Einspielung dieser alten Lieder beeindruckt zu sein, muss man die Makatsch nicht einmal lieben. Neu arrangiert, moderat modernisiert. Hörbar gemacht für die Gegenwart. Gute Songs und alte Lieder. Soll´s Heike rote Rosen regnen! Die Lieder haben es verdient.

Informationen zu Hildegard Knef gibt es hier.

Lest hierzu auch unsere Besprechung von HILDE-Das Beste von Hildegard Knef.

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