„Stummfilm war nie stumm“ – mit diesen Worten leitete der Musikwissenschaftler Ulrich Wilker den Abend ein. Die musikalische Untermalung durch Pianisten, Organisten und schließlich ganze Orchester war als Bestandteil der Filmaufführung in den Kinos bereits von Anfang an selbstverständlich. Stilistisch wurde die Nähe zur Oper gesucht, um schnell verbindliche Kompositionen für einzelne Filme bieten zu können. Heute ist diese Art der Aufführung natürlich äußerst selten geworden, und für Kinogänger ist die Beigabe einer Tonspur selbstverständlich. Das Beethoven Orchester Bonn betrat bei seinem dritten Sonntagskonzert der aktuellen Spielzeit also relatives Neuland: Unter Leitung des erfahrenen Stummfilm-Dirigenten Frank Strobel wurde Charlie Chaplins Komödien-Klassiker „The Gold Rush“ mit der richtigen Vertonung versehen. Nicht nur das Publikum zeigte sich begeistert – auch das Orchester wünscht sich in Zukunft weitere Ausflüge der cineastischen Art.

„The Gold Rush“, den Chaplin 1925 in die Kinos brachte, ist eindeutig ein dankbarer Film für seine Zuschauer. Einer authentischen Darstellung der Klondike-Region, in der zum Ende des 19. Jahrhunderts der große Goldrausch Nordamerikas ausbrach, steht die absurd-komische Gestalt von Chaplins „Tramp“ entgegen. Der namenlose kleine Mann mit Schnauzbärtchen, Melone und Spazierstock ist ein Verlierer, der nicht unterzukriegen ist. Kein Wunder also, das auch er zum Yukon spaziert, um Glück und Reichtum zu finden. Während andere Männer jedoch aus Habgier zu Kriminellen werden, aus Verdorbenheit die Schwachen quälen oder aus der Not heraus gar zum Kannibalen werden könnten, bleibt der Tramp aufrecht. Durch seine Menschlichkeit bleibt er stets sympathisch, und oft genug zeigt sich, dass eine schützende Hand über ihm liegen muss. Saloon-Schlägereien, abstürzende Hütten, erbarmungslose Schneestürme – alles überlebt er, auch wenn er dafür schon mal seinen Schuh essen muss.

Die Lieblingsszene war das Publikum

Für das begleitende Orchester ist Chaplins Werk schon deutlich anstrengender. „Film ist erbarmungslos“ offenbart Strobel im Nachgespräch mit dem Publikum. Um die Synchronizität zum Filmbild zu gewährleisten, wurden 1400 Szenenbeschreibungen in die Partitur gesetzt. Über diese kann abgeglichen werden, ob das Orchester mit der richtigen Geschwindigkeit voranschreitet. Hilfsmittel wie eine technisierte Zeitcodierung lehne Strobel ab, er dirigiere lieber direkt nach dem Film: Nur so könne die Bewegung auf der Leinwand lebendig in die Bewegung der Musik übersetzt werden. Das Orchester muss sich währenddessen ganz auf seine Leitung verlassen, den Film sehen die Musiker während der Aufführung selber nicht. Auch während der Proben blieb nur wenig Zeit zum Blick auf die Leinwand, und inklusive der Generalproben gab es auch nur zwei Testdurchläufe des kompletten Werkes am Stück.

Auf die Frage nach seiner Lieblingsszene konnte Orchestermitglied Christian Brunnert daher auch nur bedingt antworten – seine Lieblingsszene sei das Publikum. „So selten wird gelacht“ bei klassischer Musik, ganz anders bei „The Gold Rush“. Brunnert konnte natürlich noch nicht einmal genau sagen, bei welcher Szene am herzlichsten gelacht wurde. Zur Auswahl standen aber auch einige, denn sobald das Publikum aufgetaut war, häuften sich neben den Lachern auch der Szenenapplaus. Sowohl für die Leistungen des Orchesters als auch für die Chaplins, dessen Gespür für Timing auch nach 85 Jahren offensichtlich noch für Begeisterung bei den Zuschauern sorgte. Zu Dirigent Strobels Favoriten gehörte dementsprechend auch die humoristische Szene, in der der Tramp sich aus einer Hütte retten muss, die äußerst wackelig auf der Kante eines Abhangs steht. Dem stellt er eine emotionale Szene entgegen, in der Georgia – die Angebetete des Tramps – zuerst Teil eines Streiches gegenüber dem kleinen Mann ist, dann jedoch bemerkt, wie falsch sie sich verhält.

Anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich, so zeigten sich Film und Musik. Der Beifall für das Orchester und seinen Dirigent schien kein Ende nehmen zu wollen. Mit großer Vielseitigkeit und einigen Überraschungen bis hin zu einem aus verschiedenen Instrumentalisten zusammengestellten Männerchor, der eine Neujahrsszene mit dem traditionellen „Auld Lang Syne“ begleitete, meisterte das Beethoven Orchester die Herausforderung. Stammbesucher der Beethovenhalle betonten im Anschluss, der Abend sei „mal etwas ganz anderes“ gewesen. Und da auch Brunnert stellvertretend für das Orchester mit einem „ich hoffe, wir machen so was öfters“ reagierte, kann man davon ausgehen, dass in naher Zukunft häufiger die Leinwand auf der Bühne ausgerollt werden wird.

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