campus-web Bewertung: 3/5
   
Was verbindet die schrecklich zugerichtete Leiche der jungen Studentin Amy Mills mit der der beinahe 80-jhrigen, kauzigen Fiona Barnes? Auer der Tatsache, dass beiden Opfern mit brachialer Gewalt der Schdel eingeschlagen wurde, kann die karrierebesessene Polizistin Valerie Almond lange Zeit keinen Zusammenhang finden.

Charlotte Link Das andere Kind

Verlag: Blanvalet Verlag
Erschienen: August 2009
Genre: Roman
ISBN: 3764502797
Bindung: Hardcover
Preis: 24,95
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Charlotte Link, eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart, gelingt mit Das andere Kind erneut ein spannungsgeladener Roman, der die Leser mit auf eine turbulente Reise in die Abgrnde der menschlichen Psyche nimmt. Anstatt den Fokus auf kriminaltechnische Ermittlungen zu richten, konzentriert Link sich auf das anfnglich vllig undurchschaubare Beziehungsgeflecht ihrer Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein knnten.

Gemein ist ihnen jedoch, dass sie ihre unsympathischen Seiten hervorkehren, was es dem Leser schwer macht, sich mit ihnen zu identifizieren. Hinzu kommt, dass einige Figuren etwas blutleer erscheinen und in einer Art und Weise reagieren, die dem Leser nicht immer nachvollziehbar erscheint.

Kulisse des Dramas ist das beschauliche nordenglische Kstenstdtchen Scarborough, in dem nach dem Mord an einer jungen Studentin die Angst umgeht. Keine drei Monate spter kommt es erneut zu einem unerklrlichen Todesfall. Gerade haben die unscheinbare Gwen und ihr undurchschaubarer wie attraktiver Freund Dave ihre Verlobung auf der einsam gelegenen Beckett-Farm gefeiert, als ein familirer Streit eskaliert und im gewaltsamen Tod der gefhlskalten Fiona gipfelt. Kaum ist sie aus dem Leben geschieden, taucht die rege E-Mail-Korrespondenz zwischen ihr und Gwens Vater Chad auf, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Auf mehren Seiten hat sie vor ihrem Tod niedergeschrieben, welch grausames Geheimnis sie ihr ganzes Leben lang verfolgt und gleichermaen mit Chad verbunden hat. Anschaulich beschreibt Link das menschliche Zusammenleben in all seinen Facetten und Abgrnden und bt damit deutlich gesellschaftliche Kritik an zwischenmenschlichem Desinteresse, das allzu oft auf Egoismus fut.

Den gesamten Roman hindurch wechselt Link gekonnt die Perspektiven und verwebt auf einzigartige Weise die Vergangenheit zurckgehend bis in die Wirren des Zweiten Weltkrieges mit den grausigen Vorfllen der Gegenwart. Jedes Ereignis fr sich genommen mag die Faszination nicht auslsen, die der komplexe Plot jedoch regelrecht erzwingt. Immer wieder legt Link falsche Fhrten und lsst so den Leser aufgrund der bewusst drftig eingeflochtenen Informationen im Dunkeln tappen, wobei gegen Ende der Ausgang dann doch vorhersehbar ist.

Trotz dieses Mankos beweist Link mit Das andere Kind einmal mehr, dass sie zu Recht mit ihren psychologischen Spannungsromanen in englischer Erzhltradition bekannt geworden ist. Wie kaum eine andere zeitgenssische Schriftstellerin entfhrt sie ihre Leser in eine Welt, die einerseits so fern von der des Lesers ist und der es andererseits doch an Aktualitt nicht mangelt. Auf raffinierte Weise prsentiert sie ein Komplott, das durch und durch von Egoismus, Gleichgltigkeit, Schuldverdrngung und Lieblosigkeit geprgt ist.

Dabei hat sie ihr Werk in klarer, einfacher Sprache verfasst, so dass sich die Seiten nur so hintereinander weglesen lassen. An manchen Stellen htte es dem mitunter etwas langatmigen Roman jedoch keinen Abbruch getan, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die einzelnen Erzhlstrnge etwas zu straffen, da sie keine notwendigen Informationen transportieren, sondern vom eigentlichen Geschehen eher ablenken.

Was der Titel Das andere Kind bedeutet und welche Tragweite er fr den Roman hat, wird hier nun aber nicht vorweggenommen, schlielich ist das Werk ein empfehlenswerter Schmker, der nur darauf wartet, gelesen zu werden.


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