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Nachbarn sind ja hufig ein etwas heikles Thema und gerade in den Sommerferien, die sich zum Umziehen gut eignen, ist man oft mit neuen konfrontiert. Man mag sie nun lieben oder hassen; ihnen vllig aus dem Weg gehen kann man nicht. Das hat auch Wladimir Kaminer erkannt und seine Erfahrungen mit Nachbarn wieder einmal zu Feldstudien ber den Menschen, besonders den russischen, verarbeitet.

Wladimir Kaminer - Meine russischen Nachbarn

Verlag: Manhattan
Erschienen: August 2009
Genre: Roman
ISBN: 3442545765
Bindung: Gebunden
Preis: 17,95
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Wladimir Kaminer ist ein Autor, der polarisiert. Fr die einen mgen seine Geschichten blo seichte Unterhaltungslektre sein, die mit den altbekannten Klischees des Kalten Krieges spielt und dabei lustig sein mchte. Fr die anderen sind sie ein ironisches und lakonisches Zeugnis eines multikulturellen Alltags, der manchmal vllig aus dem Rahmen zu fallen scheint. Die Besucher seiner Lesungen beweisen jedoch, dass nicht nur gefhlsduselige russische Einwanderer seine Bcher kaufen und lesen, auch Nicht-Osteuroper finden Gefallen an ihnen. Irgendetwas scheint also vielleicht doch etwas dran zu sein, am Phnomen des Wahlberliners, der von dort aus das Land mit seiner Russendisko beschallt.

In Meine russischen Nachbarn geht es also um die Nachbarschaft im groen und kleinen Sinne. Da wre einmal die neue Russen-WG im Haus, die aus Andrej und Sergej besteht, und in der lauter Kuriositten passieren. Whrend Andrej sehr gerne Besuch bekommt und dafr auch einmal drei Zeugen Jehovas kapert, um mit ihnen in aller Ausfhrlichkeit ber Gott zu diskutieren, signiert Sergej alte Ausgaben des Kapital als Karl Marx, bevor er sie dann als Raritt auf Ebay versteigert. Gerne wird in dieser WG auch Entspannungsmusik mit Froschquaken oder Wann wirds mal endlich wieder Sommer in Endlosschleife aufgelegt, bis der Hausmeister kommt, der im Haus unter anderem fr Frieden und Vlkerverstndigung zustndig ist.

Aber es geht auch um die Nachbarschaft im groen Sinne, so beispielsweise die Konkurrenz zwischen St. Petersburg und Moskau, ber die der gebrtige Moskauer Kaminer einiges zu berichten wei. Auch ber die Sitten und Kuriositten der jeweiligen Nachbarstdte oder Lnder, wie ber die akute Unfreundlichkeit der Moskauer, an welcher der Autor selbst leidet, erfhrt der Leser einiges. Oder ber das Parfmierungsverhalten der Russen, denen in der SU nur fnf Parfmsorten zu Verfgung standen, weswegen sie einem heute so Kaminer oft als eine ihren Konsumrausch versinnbildlichende Parfmwolke auf der Strae entgegenkommen.

Leider weist dieses Buch weniger Stringenz als seine Vorgnger auf, da der Nachbarschaftstopos nicht immer eingehalten werden kann und die Geschichten oft aus dem Rahmen fallen. Nicht dass es notwendig wre, sich streng an einen roten Faden zu halten, dennoch zeigen andere Bcher von Kaminer, dass sie sich dann mit mehr Schwung geradezu von selbst erzhlen. Aber auch dies ist eine schne Sammlung von absurden und irgendwo doch wahren Geschichten, die von einem geschrieben sind, der wirklich gut erzhlen kann.


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