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Jngst noch mit ihren streitbaren uerungen zur Politik Israels im Gesprch der vor allem anti-deutschen Linken, geht es nunmehr wieder um Judith Butlers geschlechtertheoretisches Programm. In den USA unlngst 2004 als Undoing Gender erschienen, liegt Butlers Aufsatzsammlung, ein Potpourri aus dem Themengebiet der gesellschaftlichen Normierung von Geschlecht und Sexualitt, etliche Jahre spter in deutscher Sprache vor. Nichtsdestotrotz hat das Buch nichts an Aktualitt verloren. Insgesamt elf Beitrge reflektieren den State of the Art feministischer und queerer Theorie.

Judith Butler - Die Macht der Geschlechternormen

Verlag: Suhrkamp Verlag
Erschienen: Mrz 2009
Genre: Gender Forschung
ISBN: 3518585053
Bindung: Gebunden
Preis: 24,80
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In den verschiedenen Aufstzen der neuen deutschsprachigen Verffentlichung befasst sich Butler mit den Themen Verwandtschaft, Psychoanalyse, Transgender-Community, Intersexualitt, diagnostische Praxen, soziale Gewalt und der Frage nach sozialer Vernderbarkeit. Wie so oft geht bei der bersetzung ins Deutsche einiges verloren. In diesem Fall der geschlechterpolitische Verweis des englischen Titels auf ein strategisches Undoing Gender, Praktiken des Wiederauflsens normativer Modi von Geschlecht und Sexualitt. Wichtig zu beachten ist dabei, dass mit Butler kein einfacher Weg aus der Macht der Geschlechternormen heraus fhrt. Als Praxis des Improvisierens kann die geschlechtliche Existenzweise niemals auerhalb von sozialem Kontext und Ideologie begriffen werden.

Wo setzen also gesellschaftliche Normen die Grenzen der kulturell vorstellbaren und materiell berlebensfhigen (Geschlechts-) Person fest? Wie kann soziale Transformation stattfinden, ohne die durchaus materiell verstandene berlebensfhigkeit eines Menschen aufs Spiel zu setzen? Am Beispiel des gesellschaftlichen Umgangs mit Transidentitt (in medizinischen Begriffen Transsexualitt) bespricht Butler diese, das Buch durchziehenden, Problematiken. Die Diagnostizierung von Transsexualitt als medizinisch-psychologische Abweichung unterwirft verschiedenste Menschen einer pathologisierenden Identittskategorie. Die eigene Unterwerfung unter dieses Zeichen wird jedoch zugleich zu einer konomischen berlebensstrategie: Nur wer sich als medizinische Strung diagnostizieren lsst, hat die Chance auf Mittel, Operationen zur geschlechtlichen Verwirklichung zu finanzieren.

Das Paradox von Autonomie und Unterwerfung bezeichnet dabei das ewige Verwobensein mit der sozialen Umgebung. Handlungsfhigkeit kann nur dort erweitert werden, wo soziale Bedingungen umfassend erkannt und als Teile des subjektiven Selbst verstanden werden. Das Buch ist nicht nur fr feministische, queere und transgender-motivierte Analysen der sozialen Normierung von Geschlecht unerlsslich, sondern bietet handlungsweisende Anstze zur Realisierung sozialer Vernderung. Die Aufgabe, anti-heterosexistische Held_innen zu sein, liegt bei uns selbst.

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