campus-web Bewertung: 4/5
   
Der Beweis, dass alle noch so angestaubten Sujets Revivalpotential bergen, muss an dieser Stelle wohl nicht mehr angefhrt werden. Schlielich kann man ohne bertreibung sagen, dass sich der geneigte Kulturkonsument mittlerweile mit mehr sogenannten Remakes als Newmakes konfrontiert sieht und hierbei mitunter Plagiate und Qualittsverluste epischen Ausmaes hinnehmen muss. Und ja, auch wenn man das Cover von Will Elliotts Roman Hlle mal so berfliegt, arbeitet der Abklatsch-Detektor auf Hochtouren. Gruselige Clowns, die dem Protagonisten gnzlich unkomdiantisch nach dem Leben trachten, die Kategorisierungskeule Thriller zielgruppenfreundlich auf dem Umschlag platziert und ein Coverbild, das sich irgendwo zwischen Ronald McDonald und dem Pulp Fiction Latex-Sklaven Hinkebein einreiht. Der obligatorische Stephen King-Verweis sowie der schlimm plakative Titel runden die Schmierenkomdie dann vollends ab. Aber der Abgedroschenheitsfaktor der Rezensentenphrase dont charge a book by its cover ist schlielich nicht weniger gewaltig und verhindert dennoch nicht ihren immer wiederkehrenden Einsatz oder ihre Gltigkeit. Es gibt also noch Hoffnung.

Will Elliott - Hlle

Verlag: Piper Verlag GmbH
Erschienen: August 2008
Genre: Roman
ISBN: 3492701590
Bindung: Broschiert
Preis: 16,90
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Zum Inhalt: Jamie ist wahrlich nichts Besonderes nicht besonders smart, nicht besonders beliebt und nicht besonders erfolgreich. Weiter als bis zum lethargischen Garderobisten eines Szeneclubs hat er es beruflich nicht gebracht, seine Wohnung teilt er sich mit einem Junkie und einer weiteren Gesellschafts-Niete. Die Hoffnung, irgendwann mal eine Frau aufzureien, hat er schon lngst begraben. Doch sein trostloses Leben erhlt eine dramatische Wende, als er mitten in der Nacht beinahe einen Clown berfhrt, der, von der vermeintlichen Nahtoderfahrung jedoch vollkommen ungerhrt, wortlos verschwindet. Dies sollte nicht Jamies letzte Begegnung mit dem Clown gewesen sein. Die nchsten Tage werde zum puren Horror. Mysterise Clowns verfolgen ihn in seinen Trumen und im wirklichen Leben, verwsten (auf sehr originelle Art und Weise) seine Wohnung und verschleppen ihn schlielich zum geheimnisvollen Pilo-Zirkus. Schnell wird Jamie klar, dass dieser mit bizarren Geschpfen bevlkerte Ort nicht viel mit der Welt zu tun hat, die er kennt. Er wird zum Lehrling der grotesken Clowns und muss hilflos mit ansehen, wie er mit dem Auftragen seiner Schminke zu einer anderen, bsen Persnlichkeit mutiert. Doch Jamie ergibt sich keinesfalls wehrlos in sein Schicksal und beginnt den Kampf gegen den geheimnisvollen Zirkus, in dem perfide Intrigen und Mordkomplotte geschmiedet werden, aber auch den Kampf gegen seine eigene dunkle Seite: den Clown JJ.

Man begibt sich schon in reichlich groe Fustapfen, wenn man einen Roman konzipiert, dessen Bsewicht zwangslufig mit einer legendren Kultfigur eines legendren Kultautoren verglichen wird. Der Horrorclown Pennywise aus Stephen Kings It stellte damals das gelufige Clown-Klischee des kauzig-witzigen Tollpatschs grndlich auf den Kopf und bescherte so manchen Lesern (zum Beispiel dem Rezensenten) schlaflose Nchte. Ganz ausklammern wollen wir den aktuellen, sicherlich nicht ganz unwillkommenen, Trubel um den grandiosen Batman-Bsewicht Joker, der zwar kein Vertreter der klassischen Clown-Zunft ist, seine Unheimlichkeit jedoch aus ganz hnlichen Motiven bezieht. Elliotts Clowns sind allerdings anders. Treten sie anfangs noch als die bersinnlichen Heimsucher von Jamies Realitt auf, wandelt sich ihre Rolle innerhalb der fantastischen Zirkus Pilo-Welt bald zum eher kleineren bel inmitten von monstrsen beln. Eine geschickte Finte des Autors, denn der wahre Villain des Romans ist schlicht und ergreifend der Zirkus selbst. Diese obskure, bizarr gezeichnete Welt mit ihren ominsen Akrobaten, Zigeunern und dem restlichen dubiosen Personal macht den wahren Reiz des Buches aus. Mit Stephen King hat das alles ehrlich gesagt reichlich wenig zu tun.

Der australische Debtant Will Elliott begibt sich vielmehr gar nicht erst in das gefhrliche Fahrwasser der Horrorikone, sondern schafft einen ganz eigenen Mix aus Tim Burtonscher Bizarr-Atmosphre, modifiziertem Jekyll und Hyde-Plot und sogar wirklich gelungen komdiantischen Einlagen. Dass Hlle hierbei einige Lngen aufweist, ist ganz gut zu verschmerzen, zumal Elliotts Erzhlstil sehr unterhaltsam ist. Kaum zu glauben, dass der Herr erst 29 Lenze zhlt und das Manuskript zu Hlle sein mit wenig Hoffnung eingeschickter Beitrag zum ABC Fiction Award war, den er dann aber prompt gewann.

Weit weniger gut zu verschmerzen ist allerdings das Kapitalverbrechen, dass sein deutscher Verlag beging oder aber zumindest zulie: dem Originaltitel The Pilo Family Circus nmlich die an trivialer Ideenlosigkeit und effekthascherischem Kalkl kaum zu bertreffende bersetzung Hlle zu verpassen. Solche leicht vermeidbaren Selbst-Degradierungen werden mir immer ein Rtsel bleiben. Der Roman htte nmlich Besseres verdient. Hlle ist tatschlich eine angenehme berraschung. Er findet einen eigenen, zum Glck subtilen, Stil zwischen Horror, Fantasy und Thriller und berzeugt sogar mit einer recht ausgereiften Charakterzeichnung, was fr die eben aufgefhrten Genres doch eher unblich ist.

Die groartige Hrbuchumsetzung muss an dieser Stelle ebenfalls erwhnt werden, denn kein Geringerer als Oliver Rohrbeck, die Stimme von Justus Jonas sowie deutscher Synchronsprecher von Ben Stiller, nahm sich der Bearbeitung mit seiner Lauscherlounge an. Mit ungewohnt vielen und virtuos vorgetragenen Facetten schafft es Rohrbeck, den Hrer binnen krzester Zeit in die bizarre Geschichte hineinzulesen. Die Lesefaulen unter uns knnen also getrost zur CD-Alternative greifen und Gonko, Doopy, Goshy und JJ bei ihren morbiden Spchen im Zirkus Pilo belauschen.

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