campus-web Bewertung: 4/5
   
Zwei Dinge knnten einem in den Kopf kommen, wenn man im Buchladen unverhofft auf Robert Schneiders neustes Werk Die Offenbarung trifft. Zum einen die Tatsache, dass die Literatur-Kritik nach seinem Welterfolg Schlafes Bruder kaum ein gutes Haar an dem guten Mann gelassen hat und ihn als schwlstig, historisch fragwrdig und selbstverliebt auf das Abstellgleis der literarischen One-Hit-Wonder manvrierte. Zum anderen die Gewissheit, das es auf dieser Welt eigentlich schon genug Romane gibt, die im semi-historischen Gewand Geschichten davon erzhlen, wie irgendwer irgendwo irgendwann die Aufzeichnungen, Tagebcher, Vermchtnisse, Prophezeiungen von einer bekannten, wichtigen Person findet und damit werweisswas (von Rettung der Welt bis Findung der eigenen Identitt) vollbringt. Denn genau darum geht es in diesem Roman: der Entdeckung eines bis dato unbekanntes Werkes von niemand Geringerem als Johann Sebastian Bach.

Robert Schneider - Die Offenbarung

Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: September 2007
Genre: Roman
ISBN: 3351032129
Bindung: Gebunden
Preis: 19,95
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Die Offenbarung erzhlt die Geschichte des Jacob Kemper, der das ist, was man allgemein hin als gescheiterte Knstler Existenz bezeichnen wrde. Nach karrieremigem Schiffbruch als Dirigent und Komponist, hat es den Mittvierziger als Klavierlehrer und ehrenamtlichen Organisten zurck in seine Geburtsstadt Naumburg gesplt. Hier fristet er sein eigenbrtlerisches Dasein, im Nacken den verhassten Nazi-Vater, im Herzen das Ziel es als Musikhistoriker doch noch zum wohl verdienten Ruhm zu bringen. Just am Heiligen Abend kommt es dann zu einem folgeschweren Ereignis, nmlich zu eben jenem Fund eines geheimnisvollen Schriftstcks, welcher in vorherigen Abschnitt schon angesprochen wurde. Und das hat es in sich. Die Lektre des Autographen, von Bach-Kenner Kemper zweifelsfrei als Sptwerk identifiziert, entfaltet in etwa die Wirkung einer hallizugenen Droge: Erinnerungsfetzen und Zukunftsvisionen versetzen denjenigen der sich ihr widmet in einen trancehnlichen Zustand. Und es scheint fast so, als ob sich diese bewahrheiten wrden!

Was also tun? Das Zauberwerk der elitren Bach-Gesellschaft in den Rachen werfen, in der Hoffnung, dass sie ihn endlich als einen der ihren akzeptieren? Oder lieber Stillschweigen bewahren und dem vielleicht spektakulrsten Fund in der Musikgeschichte in den eigenen vier Wnden frnen? Keine leichte Frage, vor allem wenn man als emotionaler Analphabet schon genug Probleme damit hat, der Angebeteten seine Gefhle zu zeigen. Womit wir auch direkt auf die besondere Strke dieses Romans zu sprechen kommen. Mit Jakob Kemper hat Robert Schneider einen Anti-Helden geschaffen, der in seiner introvertiert-unbeholfenen Verkorkstheit das Herz des Lesers, auf Umwegen zwar, aber schlielich eben doch, erreicht und dem Ganzen einen woody-allenesken Anstrich verleiht. Einziger Mitwisser und Zeuge des bahnbrechenden Fundes ist brigens Kempers Halbbruder, weniger als halb so alt wie dieser, aus der zweiten Ehe des Vaters. Geschickt webt Schneider die familiren Fden, so dass das Musikmrchen zum Miniatur-Familienepos avanciert.

Die Unkenrufe in Bezug auf den neuen Schneider sollten nach der Lektre des Buches verklingen. Statt Schmonzette und klebrig-ser Selbstbeweihrucherung wartet Die Offenbarung mit einer wunderbaren klaren und zeitlosen Sprache auf. Feinsinnig zeichnet Schneider seine unterschiedlichen Charaktere und enttarnt die Absurditten der Musik-Menagerie. Und wenn am Ende des Romans der gute Johann Sebastian auch noch seinen mehr oder minder groen Auftritt erhlt wird klar, dass es hier weder um ein Verbraten historischer Elemente, noch um ein intellektuelles Krftemessen geht. Es geht um das Fabulieren, das Erzhlen einer guten Geschichte. Und das gelingt Robert Schneider mit einem bewundernswerten Spagat zwischen feinem Humor und beiender Ironie auf der einen Seite, und Ernsthaftigkeit und Liebe zum Sujet auf der anderen.

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