Jeder, der einmal spezielle Forschungsbeitrge zu wissenschaftlichen Fachthemen lesen wollte, kennt das Problem. Die meisten Artikel sind ber die Universittsbibliotheken oft nur umstndlich ber eine kostenpflichtige Fernleihe innerhalb von Tagen beschaffbar. Doch glcklicherweise verndert sich auch die Wissenschaftskultur im Zuge der Digitalisierung. Ein Phnomen, das dies verdeutlicht, ist die Informationsstruktur von Open Access (englisch fr offener Zugang). Die internationale Open-Access-Bewegung bildete sich insbesondere aufgrund der Zeitschriftenkrise Anfang der 1990er Jahre. Open Access mchte Forschungsergebnisse barrierefrei zugnglich machen und erffnet so neue Mglichkeiten von Austausch und Internationalitt. Das Prinzip der freien Zugnglichkeit erleichtert eine Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und die Erkennung von Plagiaten. Die wissenschaftliche Community, Studierende, Forschungsabteilungen von Wirtschaftsunternehmen, rzte, Patienten oder auch staatliche Gutachter und Institute profitieren hier von frei verfgbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Mit der Verbreitung des Open-Access-Publizierens haben neue Fragestellungen in den Bibliotheken Einzug gehalten, wie das von Konstanze Sllner und Bernhard Mittermaier 2017 herausgegebene Praxishandbuch Open Access dokumentiert. Der barrierefreie Zugang zu wissenschaftlichen Informationen ist weltweit ein Zukunftsthema in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen. Die Bedeutung des Themas fr die zuknftige Entwicklung der Wissenschaft lsst sich daran ermessen, dass die Regierungen sterreichs, der Schweiz und Deutschlands aktuell an nationalen Open Access-Strategien arbeiten. Ab 2020 sollen zudem alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen ffentlich finanzierter Forschung in der EU frei zugnglich sein, so ein Ziel des EU-Rats. Fr eine Open-Access-Verffentlichung reicht es jedoch nicht aus, eine Publikation lediglich online zu stellen. Es bedarf einer geeigneten, sogenannten Freien Lizenzierung (mittels CC-Lizenzen oder anderen Standardlizenzen), damit Nachnutzungen der Publikation urheberrechtlich zulssig sind.

Konstanze Sllner, Direktorin der Universittsbibliothek der FAU Erlangen-Nrnberg, belegt in Ihrem einleitenden Beitrag zum Buch anhand einer Reihe von Studien, dass eine bessere Auffindbarkeit von Open-Access-Zeitschriftenartikeln zu einer verstrkten Nutzung und einer hheren Zitationshufigkeit fhrt, als dies bei herkmmlichen Fachzeitschriften der Fall ist. Aktiv umgangen werde eine Onlinepublikation nur dann, wenn beispielsweise in den Ingenieurswissenschaften wirtschaftlich verwertbare Erkenntnisse zurckgehalten werden sollen. Die Autoren treten die Rechte an Zeitschriftenartikeln bisher in der Regel befristet und jene an Buchpublikationen in der Regel unbefristet ausschlielich an den Verlag ab, so die Autorin. Sllner verweist darauf, dass ein systematisches Hosting und eine Archivierung bei herkmmlichen Zeitschriften oft nur ungengend oder gar nicht adressiert (S. 6) sind. Publikationen, die auf dem sogenannten Goldenen Weg erschienen - also erstmals in Open-Access-Zeitschriften, als Open-Access-Monografie oder als Beitrag in einem Open Access erscheinenden Sammelwerk oder Konferenzband verffentlicht wurden - knnen hingegen ohne explizite Erlaubnis auch von Dritten archiviert werden. So steige auch die Ausfallsicherheit, erklrt Sllner. Whrend viele Wissenschaftler die fehlende Reputation von Open Access-Publikationsorganen abschreckt, motivieren insbesondere der dauerhafte Zugang zu und die Speicherung von Online-Publikationen Einrichtungen, Open Access zu untersttzen.

Konstanze Sllner und Bernhard Mittermaier (Hgg.) - Praxishandbuch Open Access

Verlag: Walter de Gruyter
Erschienen: Mai 2017
Genre: Fachbuch
Fachgebiet: Bibliothekswissenschaften, Informationswissenschaften, Buchwissenschaften
Zielgruppe: Wissenschaftler, Studierende, Bibliothekare, im Wissenschaftsmanagement ttige Personen
ISBN: 978-3-11-049406-8
Bindung: Hardcover
Seiten: 353
Preis: 119,95 Euro
Direkt bestellen
Ein Directory of Open Access Journals (DOAJ) listet Zeitschriften, in denen gefrderte Verffentlichungen erscheinen knnen. Die Bealls List of Predatory Publishers listet hingegen potentielle, mgliche oder wahrscheinlich unserise Open-Access-Verlage. Arvid Deppe und Daniel Beucke beschftigen sich in ihrem Beitrag mit den Ursprngen und der Entwicklung von Open Access. Whrend frher Autoren die Verwertungsrechte ihrer Beitrge oft komplett an den publizierenden Verlag abtraten, kategorisiert das Online-Angebot SHERPA/RoMEO Verlage in vier Rubriken dahingehend, ob und in welcher Form sie Parallelpublikationen erlauben.

Ulrike Eich widmet sich in ihrem Aufsatz Open Access und akademischen Reputationssystemen. Sie zhlt akademische soziale Netzwerke wie Research-Gate, Academia oder Mendeley auf, in denen Wissenschaftler sich zunehmend bewegen und ber die wissenschaftliche Leistungen auch gemessen und verglichen werden. Sie pldiert fr mehr anwendungsbezogene Forschung ber den disziplinspezifischen und auch akademischen Bereich hinaus. Dies erleichtere nicht nur durch das Format der pre-prints, die auch eine Art vorgeschaltetes peer-review darstellen (S. 29). Auch Open Access erhhe die Sichtbarkeit wissenschaftlicher Artikel etwa ber die einhergehende Auffindbarkeit in Suchmaschinen.

Mit bibliometrischen Aspekten setzt sich Dirk Tunger in einem Beitrag zur Sichtbarkeit und Wahrnehmung von Open Access-Verffentlichungen auseinander. Der Einfluss wissenschaftlicher Verffentlichungen in der Community bemisst sich daran, wie hufig sie zitiert werden. Der Informationswissenschaftler Tunger weist zudem anhand bibliometrischer Analysen des Angebotes Academia oder Web of Science nach, wie sich Publikationsprozesse stark disziplinspezifisch fr oder gegen Open Access verhalten. Viele Aspekte sprechen dabei fr Open Access, etwa das der sichere Zugriff auf die Links Social Media-Postings erleichtert.

Uwe Mller beleuchtet Standards und Best Practices im Kontext von Open Access. Zu den Anforderungen und Standards fr wissenschaftliche Publikationssysteme zhlen hier Zugnglichkeit, Nachhaltigkeit, Nachvollziehbarkeit, Authentizitt und eine Qualittssicherung. Mglichst ungehinderte Zugnglichkeit zu wissenschaftlichen Publikationen erleichtert eine eindeutige Kennung fr Autoren durch sogenannte Persistent Identifiers (kurz PID). Hierbei handelt sich dann um eindeutige Referenzierungen digitaler Ressourcen.

Neben den Rahmenbedingungen fr Open Access beschftigen sich die insgesamt 38 unterschiedlich gut verstndlichen Beitrge auch mit Geschftsmodellen, Finanzierungsstrategien, der internationalen Situation, fachspezifischen Perspektiven, Infrastrukturen und Werkzeugen in einzelnen Schwerpunkten. Das voraussetzungsreiche Praxishandbuch Open Access richtet sich insbesondere an fachkundige Interessierte. Neben einer detaillierten Vorstellung verschiedener Workflows, Werkzeuge und Geschftsmodelle im Open Access-Bereich bietet das Handbuch auch einen Ausblick auf den Themenbereich Data Publishing und einen Index zum Nachschlagen. Das informative wissenschaftliche Fachbuch, in dem sich inhaltliche Aspekte manchmal aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiederholen, ist brigens voraussichtlich ab Mai dieses Jahres unter der Lizenz CC BY 4.0 komplett kostenlos auf der Website zum Buch einsehbar, sprich Open Access verfgbar.

Artikel drucken