Jerry Bauer
   
In Zeiten, in der sich der Brger immer schlechter von den einzelnen Politikern vertreten fhlt, gibt es verschiedene Mglichkeiten damit umzugehen. Die Einen reagieren mit Politikverdrossenheit. Sie gehen nicht mehr zur Wahl und sind sich sicher, dass ein Einzelner nichts mehr bewirken knne. Die Anderen werden zu Protestwhlern, in der Hoffnung die Alteingesessenen aufzurtteln. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe. Diejenigen, die es nicht mehr auf der Couch hlt und die auf der Strae fr ihre berzeugungen einstehen. Dies ist die Gruppe, mit denen sich Judith Butler in ihrem neuen Werk "Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung" auseinandersetzt.

Survival of the Fittest

Judith Butler - Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: Oktober 2016
Genre: Sachbuch
ISBN: 978-3-518-58696-9
Bindung: Gebunden
Preis: 28,00
In Butlers Werk dreht sich alles um den Begriff der "Prekaritt", also um die Bevlkerungsgruppen, die sozial abgestiegen sind. Dabei kritisiert sie vor allem die neoliberalen Moralvorstellungen, bei denen jeder sich selbst der Nchste ist. Wer nicht fr sich selbst sorgen kann, gilt als ersetzlich und wird zurckgelassen. Diesen Egoismus der Eliten sieht sie als Auslser fr den Drang der Menschen auf die Straen zu gehen. Die Menschen wollen laut Butler ein Zeichen setzen: "Wir sind nicht frei verfgbar" oder prziser: "Wir sind noch hier, wir harren aus, wir fordern mehr Gerechtigkeit, die Befreiung aus der Prekaritt und die Aussicht auf ein lebbares Leben." Fr die Autorin ist dabei die krperliche Prsenz von entscheidender Bedeutung und dabei noch wichtiger als der Inhalt eines Protestes.

Der Titel ist Programm

Judith Butler ist keine Frau wie jede andere. Sie ist Philosophin, Philologin, Professorin und Feministin, um nur einige ihrer Ttigkeitsfelder zu nennen. Zudem sorgte sie bereits in der Vergangenheit mit Werken wie "Das Unbehagen der Geschlechter" und "Krper von Gewicht" fr Aufsehen. Dort gab sie ihre Ansichten zum Thema Geschlechter wieder. Doch Butlers neuestes Werk ist keine Lektre fr gemtliche Leseabende, denn der Name ist Programm. So sperrig wie der Titel ist leider auch die Sprache. Hinzukommt, dass das Gefhl entsteht, der Text bestehe aus einer Aneinanderreihung von diversen Anmerkungen. Dadurch bekommt der Leser einen relativen guten Eindruck in Butlers Denkweise, allerdings wird oft nicht klar, was ihre Kernaussagen sind. Zudem schafft sie es nicht, sich frei von ihren lteren Werken zu machen. Zum einen macht sie gerne Werbung in eigener Sache und verweist auf ihre vorherigen Publikationen oder Vorlesungen. Zum anderen flieen immer wieder ihre Gedanken zum Thema Gender ein. Die Thematik hat durchaus einen Platz im Werk verdient, sie wirkt jedoch zu krampfhaft ins Buch untergebracht. Hier hat die Autorin die Chance vertan eine neue Seite von sich zu zeigen, fernab des omniprsenten Themas Gender.

Alles drin und doch fehlt etwas

In ihrem Werk ist von der Frage nach der Verschleierung der Frauen bis hin zum Nahost-Konflikt und der Holocaust alles thematisch angeschnitten. Hier gilt, weniger ist oftmals mehr. Auerdem wirft sie in ihrer Arbeit viele Fragen auf, doch Lsungen kann auch sie keine anbieten.

Die Erwartungen hat die Professorin fr Rhetorik und Komparatistik vor allem sprachlich nicht erfllt. Es fehlt ein roter Faden und der Fokus auf die wesentlichen Aspekte. So ist der Leser am Ende nicht viel weiter als vorher. Die Thematik besticht vor allem durch Aktualitt. Auerdem bringt Butler viele Facetten und interessante Denkanstze an. Auf dem Weg geht jedoch viel in einem Labyrinth von Worten und Gedanken verloren. Am Ende bleibt die Frage: Alles muss besser werdenaber wie?

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