Das ist ein grauer Sommer. Fr mich hlt er neben dem miesen Wetter dstere Ereignisse wie EM (rote Karte fr die pltzlich aus dem Boden sprieenden Fuballexperten), Masterarbeit und das Ende vom vertrauten Studium bereit. Als sei das nicht genug, erffnet mir meine beste Freundin aus Kindertagen, dass sie in einem Jahr in den weit entfernten Osten, nach Dresden, verschwinden will. Jetzt heit es verzweifeln oder die beste Freundschaft aller Zeiten noch einmal richtig hochleben lassen! Fr letztere Option hat der Groh-Verlag als htte er von meinem Unglck gewusst eine Anleitung mit dem simplen aber treffenden Titel "100 Dinge, die beste Freundinnen einmal im Leben getan haben sollten" herausgebracht. Na dann mal her mit der 100-Punkte-Liste! Ein Jahr bleibt uns noch

Sollte, wrde, knnte

Check. Check. Check. Als ich das handliche pinke Freundschafts-How-to aufschlage, kann ich die ersten fnf Punkte direkt abhaken: An den Ort unseres Kennenlernens, das ehrwrdige Gemuer eines Mdchengymnasiums, kehren wir in ein paar Wochen ohnehin zum Jubilumsfest zurck, Campen gehen hatte ich ihr eh zum Geburtstag geschenkt und in die Oper wollten wir sowieso schon immer mal gemeinsam. Freundschaftsarmbnder haben wir bestimmt in drei Variationen und Freundschaftstattoos werden wir uns ganz bestimmt nicht stechen lassen (Ich stimme dem Ratgeber hier voll zu: "Ja, es ist verlockend. Nein, es ist keine gute Idee.").
Joachim Groh (Herausgeber) - 100 Dinge, die beste Freundinnen einmal im Leben gemacht haben sollten
Verlag: Groh-Verlag
Erschienen: Mrz 2016
Genre: Geschenkbuch
ISBN: 978-3-848-51594-3
Bindung: Gebunden
Preis: 9,99


Aber Moment mal. Tatsache ist doch, dass ich es zum Jubilumsfest nicht schaffen werde, wir das Campen schon lange abgesagt haben, der letzte geplante Opernbesuch ins Wasser fiel und ich unsere Armbnder (oder das was davon brig ist) schon seit Ewigkeiten nicht mehr trage. Dieser Ratgeber listet mir vorwurfsvoll auf, was wir schon immer machen wollten, aber doch nie getan haben. Pltzlich hre ich meine Oma im Hinterkopf: "Kinder, wie die Zeit verrinnt!" Also Schluss mit den hypothetischen Ausflgen und unausgefhrten Plnen! Dem Griff zum Post-it-Block folgt ein wildes Zettelchaos fr Dinge, die wir so schnell wie mglich tun sollten. Von der dicken Umarmung zum spontanen Freudentanz ber die Pyjamaparty bis zur Entwicklung einer Geheimsprache jetzt gibt es kein "sollte" mehr. Auch wenn unser nchstes Treffen auf Auenstehende etwas befremdlich wirken wird.

Abwegige Gags und ergtzende Ziele

Trotz aller berschwnglichkeit bleiben einige Seiten von meiner Zettelraserei verschont. Wer bitte fhrt denn 1294 Kilometer, nur um seine Lieblingsband live zu sehen? Die Autorin Kristin Funk, die das kleine Buch zusammen mit ihrer Kollegin Paulina Palomino und vielen anderen Kolleginnen geschrieben hat, schiet ab und zu etwas bers Ziel hinaus. An solchen Stellen kann ich mir die ausgelassene Stimmung in der Redaktion, das wilde, von witzigen Anekdoten und hysterischen Lachanfllen unterbrochene Hhnergeschnatter lebhaft vorstellen. Viele Teile der Liste wurden vermutlich sofort in die Tat umgesetzt. Aber auch die unrealistischen Dinge sind mit witzigen Zeilen beschrieben und machen Lust auf Weiterlesen und Ausprobieren. So entpuppt sich der verstrende Punkt 39, gemeinsam eine Dit zu starten, als durchaus attraktives Ziel, indem folgt: "Und brecht sie noch am selben Tag mit einer fetten Bestellung beim Pizzaservice ab." Andere Dinge gewinnen wiederum auch beim Weiterlesen nicht an Reiz. Ein YouTube-Video zu drehen und die Welt mit unserem "unfassbaren Talent" zu bereichern, wre fr keinen der Beteiligten ein anzustrebendes Ziel. Obwohl Punkt 15, uns bis auf die Knochen zu blamieren, damit auch schon erledigt wre. Bei Punkt 66, dem Aufruf zur Selbstverstmmelung aka "Frbt euch gegenseitig die Haare" frage ich mich, welche der Autorinnen es mit ihrer besten Freundin nicht so ernst meint. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass Freundschaftstattoos so abwegig sind?

"100 Dinge, die beste Freundinnen einmal im Leben getan haben sollten" ist fr mich mehr als ein witziges Gadget fr Freunde. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir unsere beste Freundin und die Zeit, die wir mit ihr haben, nicht fr selbstverstndlich erachten sollten. Es erschttert den ewigen Kreislauf aus Alltag, Uni und Verpflichtungen und macht deutlich, was die wirklich wichtigen Dinge sind. Doch so ehrgeizig ich jetzt auch bin, die ganze Liste werden wir in nur einem Jahr nicht erledigen knnen. Zum Glck haben wir Zwei als allerbeste Freundinnen der Welt noch ein ganzes Leben dafr Zeit und ich habe gehrt, das Wetter in Dresden ist zurzeit eh besser.

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