Wir schreiben das Jahr 1955 in Kambodscha. In zwanzig Jahren werden die Roten Khmer, eine maoistische Untergrundbewegung, die Hauptstadt Phnom Penh erobern und das Land vier Jahre lang unerbittlich regieren. Und das zu Lasten der Bevlkerung, die schlielich knapp zwei Millionen Tote verzeichnen muss. Ihr Anfhrer wird Pol Pot, Bruder Nr. 1 der Roten Khmer, sein.

Doch dieser hie nicht immer so. 1955 hrt er als Lehrer noch auf den Namen Saloth Sar. Nach seinem Studienaufenthalt in Frankreich ist Sar mehr und mehr von kommunistischen Ideen und Idealen berzeugt. Er ist bereits politisch aktiv, und steht doch erst am Anfang seiner Karriere.

Sar(y) und Somaly

Genau zu diesem Zeitpunkt setzt Peter Frberg Idlings Roman Gesang fr einen aufziehenden Sturm an. Den Zusatz Eine Fantasie stellt er diesem voraus, denn ob sich die Geschichte tatschlich so abgespielt hat, ist unklar. Idlings Roman basiert auf einem Gercht - um den spteren Diktator und sein Liebesleben. Somaly heit die Frau, die Sar im Roman liebt und mit der er sogar verlobt ist. Sie stammt aus dem Knigshaus, ist im monarchischen Kambodscha entsprechend privilegiert.
Peter Frberg Idling - Gesang fr einen aufziehenden Sturm

Verlag: Insel Verlag
Erschienen: 8. Februar 2015
Genre: Roman
ISBN: 978-3458176282
Preis: 22,95

Das erschwert noch im August 1955 die Beziehung zwischen den beiden. Auch sein langjhriger Aufenthalt in Paris hat Sar entscheidend geprgt.

Doch Somaly entfernt sich nicht nur deswegen von Sar. Stattdessen wird dem Leser immer klarer, was schlielich auch ein Bote Sar bermittelt: Es ist ein anderer Mann im Spiel. Und es ist kein geringerer als Sam Sary, Vizeminister und enger Vertrauter des regierenden Prinzen.

Das bedeutet fr Sar einen besonders schweren Vertrauensbruch. Immerhin finden in einigen Tagen die ersten freien Wahlen statt, seitdem Kambodscha 1954 offiziell als unabhngig anerkannt wurde. Sary und er stehen dabei auf verschiedenen Seiten. Sary untersttzt Prinz und Monarchie. Sar befrwortet den Umsturz, nach auen zumindest in den Reihen der Demokraten. Die Situation ist aufgeladen. Dennoch lsst Idling Sar nur bis zu diesem Moment sprechen. Oder vielmehr spricht er ihn an.

3 Perspektiven, 2 1/2 Erzhlstile

Dieser Erzhlstil ist es auch, der fesselt: Denn Sar offenbart seine Gefhle nicht in Ich-Perspektive, sondern er wird angesprochen. Vor allem der letzte Satz aus Sars Kapitel fasziniert: Und in dir schlgt die Angst aus, wie eine eiskalte und brennende Blte, die ausschlgt und ausschlgt. Idling hat viele dieser poetischen Stze im Repertoire. Sie alle schaffen es, Sarys Verzweiflung und Verbitterung so greifbar zu machen. All diese leere Zeit. Du teilst sie in Stunden. Du teilst sie in Minuten. Alles, was bleibt, ist Zorn und Selbstmitleid.

Sars Reaktion auf die Wahlen jedoch bleibt offen, denn auch Sarys und Somalys Gedanken greift Idling auf. Diese prsentiert er allerdings in personaler Erzhlperspektive, wenn auch in Sarys Part mit drehbuchhnlichen Einschben. Das Herzstck des Romans bleibt daher das erste Drittel. Dennoch ist es ein geschickter Schachzug, Sar nur noch einmal gegen Ende des Buchs auftauchen und so seine gedankliche Entwicklung offen zu lassen.

Eine fantastische Idee

Knnte es sich tatschlich so ereignet haben? Knnte ein gebrochenes Herz Saloth Sar zu Pol Pot gemacht haben? Zu dem Mann, der seine Vorstellungen und Ideale eines kommunistischen Agrarstaates spter so kompromisslos durchsetzte? Diese Fantasie ist ebenso simpel wie glaubwrdig. Starke Gefhle wie Liebe und Verzweiflung haben das Potenzial, Menschen zu verndern, anders und extremer handeln zu lassen. Das ist nicht erst seit Anna Karenina oder Faust bekannt. Einziger Knackpunkt: Idlings Schreibstil whrend des ersten Kapitels verspricht mehr als die brigen in dieser Hinsicht erfllen. Das ndert allerdings nichts an der Idee, die faszinierend bleibt. Und sie liefert womglich einen Ansatz, um den Wandel vom Studenten mit Idealen zum Massenmrder ohne Skrupel ein wenig besser zu verstehen.

campus-web Bewertung: 4,5 / 5

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