campus-web Bewertung: 4/5
   
Ein Buch solle "die Axt sein fr das gefrorene Meer in uns", forderte der Schriftsteller Franz Kafka. Lesenswert sei es erst dann, wenn uns die Geschichte "mit einem Faustschlag auf den Schdel weckt". Der sterreichische Autor Thomas Bernhard war ein Meister darin, seine Leser rcksichtslos zu verstren. Sein Erstlingswerk Frost schlgt wie die Axt Kafkas eiskalt zu. Es zerschmettert Bedeutungsstrukturen und logische Ordnungen, literarische Traditionen und Lesegewohnheiten. Wer schonungslose Bcher schtzt, kommt bei der Lektre von Frost auf seine Kosten.

Ein talentierter Brgerschreck debtiert

Thomas Bernhard (1931-1989), Skandalautor und Komdiant, sterreichs Staatsfeind und Publikumsliebling, polarisierte wie kaum ein anderer Schriftsteller. Whrend ihn viele sterreicher fr seine berspitzte Kritik am Heimatland verachteten, verehrten ihn andere Mitbrger als schriftstellerisches Genie. Mit Frost gelang ihm 1963 sein Durchbruch. Der Literat Carl Zuckmayer bewertete den Roman seinerzeit als eines der "aufwhlensden und eindringlichsten Prosawerke" eines jngeren Autors.

Verstrende Reden in eiskalter Landschaft

Der Leser begleitet den Ich-Erzhler nach Weng, einem dsteren und abgelegenen Gebirgsdorf. Im Rahmen seines Medizinstudiums beauftragt ihn ein Arzt einen Bericht ber den Zustand von dessen Bruder, den ehemaligen Kunstmaler Strauch, zu verfassen. Strauch ist ein vereinsamter und traumatisierter Exzentriker. Auf langen Spaziergngen beschreibt er in ausufernden Monologen sein Gefhl existentieller Verlorenheit und Angst in einer absurd gewordenen Welt. Was der Student zu hren bekommt, ist irritierend: widersprchliche Behauptungen und nebulse Visionen, die Strauch in einer lyrischen, teilweise kryptischen Sprache vorbringt. Hinzu kommen wtende Beschimpfungen der Nachkriegsgesellschaft, die Strauch als verlogen und gedankenlos abkanzelt.

Todesstimmung in der Nachkriegszeit
Thomas Bernhard Frost

Verlag: Suhrkamp Verlag
Erschienen: 1972
Genre: Roman
ISBN: 978-3-518-36547-2
Bindung: Taschenbuch
Preis: 10,00
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Strauchs schwarzmalerische Vortrge, vor der Kulisse beengter und eisig erstarrter Landschaften, lassen die Natur als klaustrophobischen Raum des Todes und der Auflsung erscheinen. Seinen Erzhlungen zufolge verschwinden dort Wanderer oder begehen Selbstmord. Kinder werden von Minen zerfetzt, die nach dem Krieg vergessen wurden. Das unaufgearbeitete Grauen des Zweiten Weltkriegs bleibt allgegenwrtig. Zunehmend wird der Erzhler von Strauchs resignativer Gedankenwelt eingenommen und von seiner effektvollen Rhetorik beeinflusst. Tief erschttert im Glauben an wissenschaftliche Erkenntnis, zweifelt er daran, seinen Bericht berhaupt schreiben zu knnen. Die menschliche Sprache erscheint ihm unzureichend und falsch; die Krankheit des Malers unfassbar.

Literatur, die weh tut

Bernhards Prosa erschpft und verunsichert. Die dargelegte nihilistische Haltung lsst jegliche Relativierung missen. Erleichterung macht sich beim Zuschlagen des Buches breit. Wieso scheint es dennoch so lesenswert? Die Antwort: Es fasziniert. Wie Kafkas metaphorische Axt bohrt es sich gnadenlos ins Gedchtnis und lsst seinen Leser trotz seines frostigen Titels keinesfalls kalt. Tiefes Mitleid, fr den elendig leidenden Strauch, wechselt sich mitunter mit einem amsierten Schmunzeln ab, sobald sein theatralischer Weltschmerz berzeichnet dargestellt wird und ins Absurde driftet.

Im dunkelsten Nichts wird weitergedichtet

Was am meisten an Frost besticht, ist die impulsive Kreativitt der Sprache. Auf der einen Seite erklrt der Roman jegliche Erkenntnissuche fr vergeblich und die menschliche Sprache fr unzulnglich. Andererseits zeigt Bernhard eine Knstlerfigur, die bis zuletzt verbissen und kmpferisch nach Sinn sucht und die Mglichkeiten von Sprache und Logik bis an ihre Grenzen hin austestet. Frost ist ein unverschmt unbequemer Text, aber die sprachliche Kreativitt Bernhards ist in seinem Debtroman auerordentlich. Kafka htte ihn vermutlich zu schtzen gewusst.

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