Bcher, welche die nationalsozialistische Vergangenheit von Familienmitgliedern thematisieren, gibt es ohne Ende. Oft sind sie dster, ernst und vor allem eines: irgendwie bekannt. Warum also noch ein solcher Roman? Diese Frage wirft auch Per Leo whrend der Lesung aus seinem Roman Flut und Boden im Bonner Kunstverein auf- Und gibt eine spannende Antwort.

Wohnzimmeratmosphre

Die Rumlichkeiten des Bonner Kunstvereins erinnern an den heimischen Wintergarten; elegante Holztische bieten Platz fr eine berschaubare Anzahl an Zuschauern. Die angenehme und gemtliche Stimmung wirkt auf den ersten Blick kontrr zum ernsten Inhalt der Lesung. Per Leo befasst sich in seinem Buch mit der Geschichte seines Grovaters Friedrich Leo und dessen ltestem Bruder Martin. Whrend Friedrich im Dritten Reich beruflich aufstieg, gehrte Martin zu den Verfolgten des Regimes. Diese Doppelgeschichte macht den Reiz des Werkes aus. Der Icherzhler weist Parallelen mit Per Leo auf, ist aber laut Autor dennoch eine Kunstfigur. In dem Roman beginnt er, die Vergangenheit seiner Familie zu erforschen. Im Laufe des Werks tritt er dann zunehmend in den Hintergrund und die Geschichte seiner Grovter wird erzhlt. Dabei entwickelt sich eine spannende Mischung aus Roman und Sachbuch: Informationen aus der Quellenrecherche des Autors werden mit persnlichen Gedanken des Erzhlers und fiktiven Gesprchen der Personen gemischt.

Intensiv und lehrreich

Whrend der Veranstaltung liest der Autor aus drei Kapiteln. Der erste der gelesenen Abschnitte beschftigt sich seiner eigenen Seinskrise, die ihn whrend des Studiums dazu motivierte, die eigene Familiengeschichte zu recherchieren. Die weiteren Auszge thematisieren den Grovater Friedrich. Durch seine weiche Stimme und eine nchterne Intonation wirken die gelesenen Passagen sehr intensiv und real. Er liest schnell, bleibt dabei aber ruhig und verstndlich. Zitate einzelner Gesprche der Grovter oder nationalsozialialistischer Gesetzestexte betont er gespielt ernst. Dadurch entlarvt er ihre Absurditt und ruft beim Publikum Heiterkeit hervor. So zitiert er minutenlang sehr engagiert einen Brief des Grovaters Friedrich an die Familie, welcher derart inhaltsleer und stumpf ist, dass die Zuhrer schmunzeln mssen.

In den Gesprchen zwischen dem Autor und der Moderation reden sie ber die Entstehungsgeschichte des Werkes und seinen Erfolg. Der promovierte Historiker Leo schildert, wie aus einem Sachbuch langsam ein literarisches Werk wurde. Er sieht in der literarischen Schreibweise viele Freiheiten fr den Autor, was fr ihn mehr Reiz als das Verfassen von Sachbchern bot. Allerdings verteidigt er auch die wissenschaftliche Arbeit und betont ihre Notwendigkeit. Diese langen Gesprchspassagen sind nicht immer spannend, lehrreich sind sie allemal.

Das abschlieende Publikumsgesprch

Nach der Lesung gelingt es dem Autor ein Gesprch mit dem Publikum anzuregen. Im Mittelpunkt steht fr viele Zuschauer der Ton des Romans. Leicht ist er und oftmals komisch. Der Autor erklrt, dass es an der Zeit sei, die abstruse Ideologie des Nationalsozialismus auch humorvoll zu betrachten, um dem berdruss, mit welchem dem Nationalsozialismus heute oft begegnet wird, entgegenzuwirken. Der tosende Applaus des Publikums zeigt, dass es glcklich ist ber eine solche Sichtweise, deren Errterung das Ende der Lesung bedeutet.

Abgesehen von kleinen Pannen in der schlecht organisierten Tontechnik, die die tolle Lesung gelegentlich strt, und einer sich in den Vordergrund spielenden Moderation bleibt eine Lesung im Gedchtnis, die groe Vorfreude weckt, das Buch selbst zu lesen.

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