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Sascha Lobo (r.) im Gesprch auf der re:publica 13
   
Unser tglich Netz gib uns heute... Vom Nerdspielzeug wandelte es sich lngst zu einem Gesellschaftsbetriebssystem. Obwohl fast dreiig Millionen Deutsche das Internet angeblich immer noch nicht nutzen, loben viele eine sogenannte Zeit der Smartphone-ra und die einhergehende Informationsbeschleunigung. Wie Rom wurde es natrlich nicht an einem Tag erbaut. Trotzdem lasse sich die Geburtsstunde des Internets auf den 22. November 1977 festlegen, meinen nicht nur Kathrin Passig und Sascha Lobo. Die beiden Pioniere des digitalen Wandels erzhlen in ihrem jngsten Buch von sozialen Anpassungsstrategien an das Medium oder auch den wichtigsten Grundkonflikt des Internets - Freiheit versus Kontrolle. Analytisch und anekdotenreich behandeln ihre sechzehn Kapiteln unterschiedliche Schwerpunkte wie die Informationsberflutung, das Urheberrecht oder die Privatsphre im Web 2.0. Die Frage, ob die Anonymitt im World Wide Web tatschlich die Qualitt der Diskussion verschlechtere, entlarven sie dabei als Scheinargument gegen den Gebrauch.

Gaming the system: Liquid Democracy und Slacktivismus

Den Autoren ist jedoch ein grundstzliches Verstndnis fr unterschiedliche Positionen wichtig, um das digitale Phnomen in seinen Facetten sachlich beleuchten zu knnen. Whrend Skeptiker ein Ende sozialer Traditionen und Werte befrchten, erwarten sich Optimisten oft mehr Freiheit, mehr Chancen und eine Arbeitserleichterung durch das Netz. In ungewohnter Dichte fhren die Autoren allgemeine Diskussionen zum Internet vor Augen. Neben den Krisen der Buch- und Zeitungsbranche und der Musikindustrie, werden zuknftig auch Universitten durch digitale Mglichkeiten schpferisch zerstrt, prognostizieren die Autoren etwa. Computerbuchverlage wie OReilly in Kln oder Galileo Press in Bonn spezialisieren sich mit ihren Verlagsprogrammen bereits auf digitale Entwicklungen.
Auf hohem Niveau gebrauchen Passig und Lobo laufend englische Begrifflichkeiten. Gaming the system meint, dass stndige Weiterentwicklungen und neue Regeln die Funktionsfhigkeit des digitalen Filtersystems erhalten. Whrend Plattformen wie Liquid Democracy Netzdiskussionen mehr Mglichkeiten bei der Ausgestaltung von Politik geben wollen, kritisiert der Begriff Slacktivismus, das politischer Aktivismus im Netz oft aus einem einzigen gewissensberuhigenden Klick bestehe. Der Weg hin zu mehr Brgerbeteiligung durch die digitalen Medien scheint immer noch steinig. Hierzulande blockierten Vertreter der CDU mehrfach das Vorhaben der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft der ffentlichkeit Mitspracherechte in Netz-Fragen durch die geplante Software Adhocracy einzurumen. Beispiele aus Island bezeugen jedoch effiziente Mglichkeiten, Brger digital auch bei Verfassungsfragen mitbestimmen zu lassen, kritisieren Passig und Lobo.
Kathrin Passig, Sascha Lobo Internet. Segen oder Fluch

Verlag: Rowohlt Berlin
Genre: Digitale Medien
Erschienen: Oktober 2012
ISBN: 9783871347559
Bindung: Hardcover, zzgl. E-Book
Seiten: 318
Preis: 19,99
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Undurchdringliche Unfugsurwlder und Botschaften von Blumentpfen

Nicht alle Informationen sind verlsslich. Auf Wikipedia knne man die kollaborative Texterstellung auch als eine intellektuelle Herrschaft des Mob verstehen, die einem Text gleichsam bermenschliche Geltung verleihen wrden, wird Informatiker Jaron Lanier im Buch zitiert. Lang anhaltende "edit wars" toben auch bei alteingesessenen Wikipedia-Autoren. Trotzdem gehrt die frei zugngliche Enzyklopdie noch zu den renommierteren Informationsplattformen. Denn das Web 2.0 ist wahrlich unbersichtlich: Unternehmen versuchen, durch Suchmaschinenoptimierung und Linkfarmen die Schwchen in Googles PageRank-System auszunutzen, Wissenschaftler bilden Zitierkartelle, Amazon-Anbieter schnen ihre Produktbewertungen [] Besonders die Leserkommentare bei den Webauftritten von Printmedien gleichen undurchdringlichen Unfugsurwlder, klagen die Autoren. Sie empfehlen gleichzeitig gelungene Moderations-, Bewertungs- und Kommentarfunktionen bei Auskunftsdiensten wie etwa stackoverflow und quora. Immer wieder wird die Informationsflle des Buches durch Kuriosa aufgelockert. So kndigt etwa der Suchmaschinen-Konzern Google fr dieses Jahr eine Project Glass-Brille an, die ihrem Trger Informationen aus dem Netz jederzeit ins Sichtfeld einblenden kann. Und das Zricher Start-up Koubachi entwickelte gar Blumentopfsensoren, die E-Mails verschicken, wenn Pflanzen Durst haben.

Digitale Elite als die Gefahr einer Nerdokratie

In punkto Social Media berlegen Passig und Lobo, ob hier angelegte Profile manchmal langen Kontaktanzeigen oder gar sozialen Fhrungszeugnissen gleichkommen. Sie hinterfragen die 5.000 Freunde-Grenze auf Facebook, weil ja sowieso niemand reale Freunde mit Facebook-Freunden gleichsetzen wrde. Kontakte wre ein treffenderer Begriff. Nicht alle Teilnehmer im Netz sind gleich. Wer viele Kontakte, Follower oder Fans hat, kann schneller Mitdiskutanten oder eine Meinungsfront mobilisieren und wird als gewichtiger wahrgenommen. Stolz prsentieren die Autoren im Buch ihre Followerzahlen im Mikroblogging-Netzwerk Twitter: Ingeborg Bachmann-Preistrgerin Kathrin Passig hat hier derzeit 25.726 Abonnenten ihrer Tweets im Newsfeed; Co-Autor Sascha Lobo kommt sogar auf 148.238. Bemisst sich ihr Expertentum schon alleine anhand dieser Zahlen? Dass sich die Autoren durchaus der beschriebenen digitalen Elite zugehrig fhlen, lassen in der dritten Person wiedergegebene Selbstaussagen vermuten, wenn etwa ber die Ansichten von Sascha Lobo berichtet wird. Nach Lobos Vortrag auf der letzten Internetkonferenz re:publica, bei der er das hier besprochene Buch bewarb, fragte ich ihn, warum die Autoren im Buch von sich in der dritten Person schreiben. Lobo meinte im Gesprch, Internet. Segen oder Fluch werde so dem Thema auf einer intellektuelleren Ebene gerechter. Leider wirkt das Buch dadurch jedoch auch aufgesetzter, betont unnahbar und oft trocken.
Insgesamt reit das sachliche und durchaus informative Werk auch vieles nur an und schrft auch bei der Kritik etwa an der Internet-Enquete nur an der Oberflche. Differenzierte Auseinandersetzungen etwa mit dem WikiLeaks-Skandal, der europischen Datenschutzreform, neuen Berufsbildern oder auch ein Register fehlen. Trotzdem sind viele berlegungen, etwa ber das Potential des Einsatzes von einer Kulturflatrate oder darber, ob personalisierte Suchergebnisse den eigenen Horizont verengen, interessant und innovativ.
Gleichwohl, wer eine persnlicher eingefrbte, chronologisch angelegte Geschichte des Internets, die zudem mit einem Register versehen ist, bevorzugt, dem sei Digital ist besser (2011) von Kai-Hinrich und Tim Renner empfohlen.

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