Neobarocke Hrsaalromantik

Mit dem Lipschitz-Hrsaal der Mathematischen Fakultt hat Oswald Egger sich den perfekten Ort fr seine poetischen Salti mortale ausgesucht: mit seiner neobarock verschnrkelten Wandvertfelung und Stuckdecke bietet dieser Hrsaal genau jene verschlungene und unberblickbare Flut von Naturbildern, die fr seine Dichtung so typisch ist.

Eine kurze Vorstellung, dann beginnt der Autor mit seiner Lesung. Von Anfang an wirkt das Publikum sehr konzentriert - und das muss es auch sein, wenn es bei Eggers pathetisch dahineilendem Staccato nicht den Anschluss verlieren will. Der Dichter rast zgig durch die Lesung und der Hrer muss sich fragen: "Will er es hinter sich bringen oder ist das Teil der Performance?"


Die Landschaft als Seele

Wer zuhrt wird auf eine Reise durch eine unberhrte Natur mitgenommen. Dennoch ist ebendiese Natur von einem lyrischen Ich erfllt. Das Ich erzeugt in seiner Umgebung einer Vielzahl selbstbezglicher, psychischer Metaphern, die die Gedankengnge beim Schreiben eines Gedichtes suggerieren. Eine Wiese ohne steht hren fr den fruchtlosen Versuch, die rechten Worte zu finden, Eingeweide sind Symbol fr die Verschlungenheit der Dichtersprache und Hhlen Symbol fr ihre unergrndliche Tiefe und das Sich-darin-verlieren.

Oswald Egger schliet nach einem nicht mal vierzigmintigen Parforceritt, mit ersterbender Stimme und in sich zusammenfallender Gestik mit den Worten: "Ich bin dnner als ein Faden". Dieser letzte Satz umspannt und zhmt endlich das unverstndliche Durcheinander seines Vortrages und liefert einen zumindest mglichen Deutungsansatz. Denn in diesem letzten Satz scheint die Entbltterung des lyrischen Natur-Ichs endlich abgeschlossen. Sie ist brutal, lsst das Ich seine eigenen, verschlungenen Eingeweide herausreien, seziert sein Gehirn vor den Augen des Publikums rein sprachlich, versteht sich.

Zu viel fr den Kopf

"Von allem ist zu viel" sagt der Autor selbst und hat damit Recht, auch wenn dieses "zu viel" essenziell fr die Wirkung ist, die er erzielen will. Dabei erzeugt der Poet bewusst eine schier unberblickbare Flut von Bildern, in der das stark beanspruchte Publikum zu ertrinken droht. Hinzu kommen das ungewhnlich schnelle Vortragen und die parallel auf einen Beamer hinter dem Autor projizierten Textfetzen. Alldem gleichzeitig zu folgen ist schier unmglich. Vervollstndigt wird das ganze durch das wilde Gestikulieren Eggers, was nicht nur zustzlich ablenkt, sondern es geradezu gefhrlich macht, sich in seiner Nhe aufzuhalten.

Die berforderung ist gewollt. Es geht ihm darum, zu zeigen, wie unmglich die Mimesis von Bildern durch Sprache ist. Dabei erinnert er ein wenig unwillkrlich an den groen Dichterphilosophen Nietzsche. Ebenfalls knnte der Zuhrer an Benns "Die Ratten" denken, wenn er beachtet, wie makaber das Ganze bisweilen anmutet.

Blde Fragen - bldes Echo

Ob er sich in dem lyrischen Ich wiederfnde, so eine Frage aus dem Publikum, die Oswald Egger aber geschickt berhrt. Auch ansonsten erinnert die anschlieende Fragerunde an ein Katz-und-Maus-Spiel. Dem Autor gefallen die Fragen nicht, er beantwortet sie nur ausweichend. Vielleicht liegt es daran, dass es zum Ethos eines solch dunklen, schwer verstndlichen Autors gehrt, Fragen nur vage zu beantworten. Was allerdings hngen bleibt, ist Prosa, die Kopfschmerzen bereitet und Worte und Bilder, die noch lange Nachhallen.

Weitere Informationen rund um Oswald Egger oder Veranstaltungen im Literaturhaus Bonn finden Sie auf der hier.

Artikel drucken