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Erich Kstner ist doppelter Kronzeuge einer Tat, die fr die meisten Autoren der blanke Horror bedeutet: 1933 musste er seinen Bchern im Zuge der Aktion wider den undeutschen Geist zum ersten Mal beim Brennen zusehen. Knapp 30 Jahre spter wiederholte sich dieses Verbrechen an seinem geistigen Eigentum; diesmal von der Kirche inszeniert und von den Behrden bewilligt. Anlsslich des 80. Jahrestags der ersten Bcherverbrennung von 1933 erschienen jetzt im Atrium-Verlag gesammelte Texte von Erich Kstner, in denen er ber seine Gefhle und Gedanken beim Anblick seines brennenden Gedankenguts berichtet.

Erich Kstner ber das Verbrennen von Bchern

Verlag: Atrium-Verlag Hamburg
Genre: Sachbuch
Erschienen: Mrz 2013
ISBN: 3855353891
Bindung: Hardcover
Seiten: 51
Preis: 10,00
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Zwischen Ohnmacht, Wahnsinn und Ironie

Fast schon nchtern kommt Kstners Augenzeugenbericht der Beseitigung der "intellektuellen Opposition" von 1933 daher, nur hier und da gespickt mit der ein oder anderen Spitze. Grtenteils sachlich berichtet er, wie sowohl seine als auch die Bcher unzhliger anderer undeutscher Autoren unter der Aufsicht Goebbels von deutschen Studenten dem Feuer berantwortet werden. Und doch sind Kstners Texte nicht blo Beschreibungen der Gegebenheiten: Er mutmat zugleich ber die mglichen Ursachen, die eine Gesellschaft zu einer solch drastischen Manahme verleiten; hinterfragt, ob es sich um bloe Ignoranz oder doch nur blanken Neid handelt.

Die wirkliche Wut angesichts des Mordes an der Meinungsfreiheit bricht allerdings erst in einer Rede 20 Jahre spter aus ihm heraus: Unglaublich bildgewaltig und eindrucksvoll bahnt sie sich ihren Weg durch geschickt miteinander verknpfte Vergleiche, Metaphern und andere Wortspiele. Und gipfelt schlielich in Unverstndnis und Ironie, wenn er ber die zweite Verbrennung im Jahr 1963 berichtet.

Verstndlich, denn wie sollte man auch anders darauf reagieren, wenn das an einem verbte Verbrechen - legalisiert von den demokratiegeleiteten Politikern und durchgefhrt vom Bund entschiedener Christen - zum zweiten Mal zuschlgt?

Kurz, knapp und .?

Das Buch kommt mit seinen knapp 40 Seiten schnrkellos daher: Vier Texte von Kstner, eine Autorenliste der "Verbrannten" und Quellenangaben sind alles, was den Leser erwartet. Angesichts eines fr die Bcherwelt so unfassbaren Ereignisses stellt sich allerdings die Frage, inwiefern Schnrkellosigkeit gewnscht ist und ob gewisse erluternde Manahmen(z.B. in Form von Funoten) das Buch nicht deutlich aufgewertet htten.

Zwar kann man vielleicht noch davon ausgehen, dass die Leserschaft zumindest von der Tatsache der Bcherverbrennung im Jahr 1933 wei. Die Verbrennung von 1965 mit ein paar mehr Hintergrundinfos nicht zuletzt zur ausfhrenden Gruppe des "Bundes deutscher Christen" - zu spicken, htte dem Werk aber sicherlich keinen Abbruch getan. Und auch wenn Kstner von "dem kleinen Teufel aus der Schachtel" oder "dem personifizierten Minderwertigkeitskompelx aus Rheydt" redet, htte sich sicherlich kein Lektor ein Bein gebrochen, kurz in Klammern den Namen [Goebbels] dahinterzusetzen.

Bildgewaltige Lieblosigkeit

Diese lieblose Aneinanderreihung der Texte bildet einen fast schon ironischen Kontrast zu den wirklich ausdrucksstarken und bildgewaltigen Texten. Sollte dies ein Versuch gewesen sein, die Texte fr sich sprechen zu lassen, so ist er grndlich in die Hose gegangen. Auch mit etwas mehr "Beiwerk" htten Kstners Berichte an Qualitt nicht eingebt. Somit ist "ber das Verbrennen von Bchern" wohl mehr ein ziemlich schlechter Scherz, der Kstners Texten definitiv nicht gerecht wird - und in Anbetracht der bereits an ihm verbten Verbrechen fast schon eine Persiflage.

Einen zeitgenssischen Artikel aus der Zeit zur Bcherverbrennung im Jahr 1965 ist hier zu finden.

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