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Was haben Kleiderhersteller, Sargbauer und Automobildesigner gemeinsam? Diese ungewhnliche Frage konfrontiert den erstaunten Leser gleich zu Anfang des informativen Ratgebers. Sie mssen ihre Produkte dem stndig grer werdenden Krperumfang ihrer Kunden anpassen; lautet die prompte Antwort. 530 Kilogramm soll als bisheriges Extrem erreicht worden sein. Die Evolutionsbiologin Sabine Paul hlt die Entwicklung der gesamtgesellschaftlichen Fehlernhrung fr unumkehrbar. Neben Nhrstoffmangel durch unausgewogene Nahrungsmittel verursachen fr Paul ein Zusammenwirken aus chronischem Stress, fehlender Regeneration und unzureichendem oder nicht erholsamen Schlaf Mangelerscheinungen. Dass diese Mangelsituation bei modernen Menschen eine drastische Zunahme von bergewicht, Herzinfarkt, Schlaganfall, Zuckerkrankheit und Krebs verursacht, wird durch empirische Daten und anhand von Beispielen belegt. Wenn Paul einen eigens erstellten Palo-Power-Kompass heranzieht und unserer rastlosen Gesellschaft den altsteinzeitlichen Lebensrhythmus aus zwei Tage Arbeit und zwei Tage Regeneration gegenberstellt, kommt eine Rckbesinnung auf vergangene Zeiten tatschlich einer mglichen Genussbereicherung nahe.

Auch vor Pharmafood, Aroma- und Zuckeraustauschstoffen sei gewarnt

Sabine Paul Palopower. Das Wissen der Evolution fr Ernhrung, Gesundheit und Genuss

Verlag: C. H. Beck
Genre: Evolutionsbiologische Forschung
Illustrationen: Helge Nyncke
Erschienen: Mrz 2012
ISBN: 9783406630484
Bindung: Paperback
Seiten: 301
Preis: 12,95
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Sabine Paul mchte das Qualittsbedrfnis und das Ernhrungsbewusstsein ihrer Leser schulen. Folglich informiert sie ber aktuelle Trends und Strategien der Nahrungsmittelindustrie. Maden im Fisch, Gammelfleisch, Rinderwahnsinn und von EHEC-Bakterien befallene Sprossen sorgten in den vergangenen Jahren fr Nahrungsmittelskandale. Sie beeintrchtigen neben ganz normalen Billigprodukten aus Massentierzucht und Pflanzenzuchtindustrie das Wohlbefinden und die Gesundheit. Gegenwrtiges Nahrungsmitteldesign schafft eine Distanz zwischen ursprnglichen Lebensmitteln und Nahrungskunstprodukten. Fastfood-Ketten wirft Paul einen systematischen Betrug der menschlichen Sinne vor, weil diese durch Hilfsstoffe den Geschmack vereinheitlichen. Aromastoffe werden heute nicht nur bei Kse- und Fleischimitaten hufig eingesetzt, um Inhalte vorzutuschen, die es gar nicht gibt. Durch Hinzugabe authentische[r] Gourmet-Aromen lsst sich Fleisch aus Massenproduktion teurer verkaufen. Fett- und zuckerreduzierte Lightprodukte knnen ein Risiko auf bergewicht sogar erhhen, weil Zuckeraustauschstoffe vom Krper schwerer abgebaut werden. Besonders vor so genanntem Pharmafood, also einer Medikamenteneinmischung in Nahrungsmittel warnt Paul. Es sei unvernnftig und wenig zutrglich eine Mangelernhrung durch Beifgung von Medikamenten reparieren zu wollen, wenn diese durch Lebensmittel verursacht wird, bei der Nhrstoffe durch Zusatzstoffe ersetzt werden.

Stress, lass nach Genussvolle, selbstbestimmte Ernhrung stimmt zufrieden

Desfteren verwendetes Fachvokabular, etwa zur Erklrung von Austauschstoffen oder Krankheitsbildern, erschwert die Lektre und erweckt den Eindruck, der Band richte sich an ein Fachpublikum wie Studierende der kotrophologie oder Lebensmittelchemie. Doch wenn man ber wissenschaftliche Fremdwrter hinwegsieht, ist der Ratgeber recht zugnglich und die Botschaft wird sehr anschaulich. Die technische Entwicklung sorgte dafr, dass groe krperliche Anstrengungen heute weniger erforderlich sind. Doch mit Blick auf die Altsteinzeit, als die Menschen noch nicht unter der gravierenden Mangelernhrung von heute litten, ermutigt Paul zu einem radikalen Wandel in der Einstellung zu Gesundheit und Qualitt. Sie betont den Wert davon, dem inneren (genetischen) Kompass zu vertrauen und sich von ueren Strfaktoren unabhngig zu machen. Angereichert ist der gut strukturierte Ratgeber durch informative Fallbeispiele, praktische Tipps und zahlreiche Daten und Fakten. Kleine, vor dunklem Hintergrund eingefgte Info-Kstchen fassen Inhalte ganzer Kapitel kompakt zusammen. Eine angenehme Bildgestaltung lockert das manchmal trockene wissenschaftliche Werk angenehm auf.

Mehr Infos und eine interaktive Palo-Rezeptsammlung findet ihr auf der Homepage des PaloPower-Instituts von Dr. Sabine Paul.




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