Roger Willemsen hat in seinem neuesten Werk Momentum wirklich etwas zu erzhlen, denn er hat wirklich viel erlebt. Erst durch seine Art zu erzhlen aber gert der Abend zu einem besonderen.

Die Lesung beginnt holprig

Zehn nach sieben. Roger Willemsen betritt zehn Minuten versptet den Saal. Er war noch bei TV-Goldgrber Raab die Werbetrommel rhren. Er steigt, gefolgt oder gejagt lsst sich schwer sagen, von der Vorsitzenden des Bonner Literaturhauses die Stufen zwischen den Zuschauerrngen hinab. Ein kurzer Blick ins Publikum, dann setzt er sich. Das Sakko bleibt geschlossen.

Carpe Diem by Willemsen

Mit seiner gefhlvollen und vertraulich weichen Stimme beginnt der Schriftsteller zu sprechen. Er kostet jedes Wort in seinem Klang ganz behutsam aus. Ein Mann der um des Klangs der Worte willen spricht, sich vielleicht auch nur gerne reden hrt oder sogar beides. Wie bei einer solchen Person zu erwarten, gert die Einleitung schon recht philosophisch und ist, wie man spter merkt, geradezu notwendig um sein neues Buch nicht mit simpler Trivialliteratur zu verwechseln.

Er redet vom Leben als solches, egal ob Geburtstag oder Einschulung: Der Mensch neige dazu, sein Leben nur mittels biographischer Eckdaten zu definieren. Die Menschen wrden Momente auf ein Datum reduzieren. Dabei knne man sich mit einem Datum wohl ebenso wenig identifizieren wie mit dem Foto auf seinem Personalausweis. Wir alle wrden viel zu wenig die einzelnen Momente in ihrer Schnheit und Vollkommenheit genieen, dabei seien es doch eben diese, die unser Leben ausmachten. Das Ganze klingt irgendwie ein wenig wie Carpe Diem, ist aber so berzeugend vorgetragen, dass man ganz im Sinne von Mr. Keating aus Dead Poet's Society versucht ist, aufzuspringen und "Oh Captain, mein Captain!" zu rufen.

Eine Biographie aus Schnappschssen

Doch was bedeutet das ganz konkret? Willemsen bringt es auf den Punkt und beginnt zu lesen. Der Autor nimmt die Zuhrerschaft mit auf eine Reise durch sein Leben, verdichtet auf seine ganz besonderen Momente. Das Publikum wird auf eine Zeitreise in die Kindheit und Halbwchsigenjahre des Autors geschickt, lernt einen Lgengeschichten verbreitenden und vom Vater entlarvten Vikar kennen. Weiter geht die Reise durch frhes und sptes Erwachsenenalter, an nahe und ferne Orte, der Zuhrer trifft mit ihm die ungewhnlichsten Menschen. Es wird von kleinen Jungen berichtet, die immer wieder in der Erzhlung auftauchen, besonders in fremden Lndern und eben dem Erzhler ihre Welt zeigen wie sie ist.

Dabei werden die ueren Zusammenhnge auer Acht gelassen, es geht immer nur um den einzelnen Moment und was er emotional auszulsen vermag. So hangelt sich Willemsen von Momentum zu Momentum whrend der Zuschauer sich von Heiterkeit zu Bedrcktheit und wieder zurck schwingt. Jedes Momentum ist dabei erzhlt wie ein Schnappschuss, eben die Aufnahme eines einzelnen Moments, teilweise reduziert auf die Szene eines einzelnen Bildes. So beschreibt er beispielsweise wie ein alter Mann Hand in Hand mit einem jungen dunkelhutigen Hnen einen Feldweg hinaufspaziert, nur um der skurrilen Schnheit des Bildes willen.

Gelesenes und Erzhltes scheint bisweilen eins zu sein

Dabei scheint sich der Autor vor Publikum sehr wohl zu fhlen und ist jederzeit in der Lage es dynamisch und stilsicher in seine Erzhlung, besonders in seine Anekdoten, einzubauen. Als er gerade von Momentaufnahmen spricht und ein Zuschauer ein Foto macht, antizipiert er blitzschnell und nutzt es als Beispiel, schlielich sei auch ein solches Foto irgendwie eine Momentaufnahme. Beim Vortragen wechselt er stets Vorgelesenes und frei erzhlte Episoden ab. Der bergang dazwischen gert flieend: Wenn man nicht aufpasst, schreibt man ohne weiteres frei Erzhltes dem Inhalt des Buches zu, so flieend spricht Willemsen. Er hat eine sehr dichte Erzhlung geschaffen, die Lesung selber lebte aber vor allem von den Unterhalterqualitten des Autors.

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