Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben so fr mich ergeben, da ich schreiben mu, wenn ich nicht den Verstand verlieren will. Die Wand (1963) prsentiert sich als Erinnerungsbericht einer etwa 40jhrigen, namenlosen Ich-Erzhlerin. Bei einem Wochenendbesuch in einem Jagdhaus im Gebirge ist sie pltzlich eines Morgens vllig isoliert, hinter einer undurchdringlichen aber durchsichtigen Wand, die ein greres Areal umgibt. In der Auenwelt dieser glasartigen Wand ist alles tierische und menschliche Leben abgestorben und Reste sind dort nur in fossil erstarrter Form erkennbar. Im Inneren befindet sich nur die Ich-Erzhlerin mit einigen Tieren (Kuh, Hund, Katze), die somit der Katastrophe entgeht. Am dreiigsten April fuhr die Erzhlerin tags zuvor mit ihren Gastgebern in die Jagdhtte. Katastrophe und Wandgenese geschehen somit in der Walpurgisnacht, der Nacht zum ersten Mai, in der nach altem Volksglauben die Hexen zu ihren Tanzpltzen fliegen.

Befreiungsversuche - Die Wand in den Kpfen

Durch ihre Abhngigkeit von erlernbaren Handgriffen barer Selbsterhaltung (Sen, Ernten, Melken, Heu machen), ndert sich die Beziehung der Protagonistin zum Leben, zu seinem Wert und zur Zivilisation. Sie erkennt nur noch das als wertvoll, was fr sie unmittelbar ntzlich erscheint. Von menschlichem Kontakt getrennt integriert sie im Sinne einer Dekulturation alles uerliche der menschlichen Kultur, wie Kunst, Literatur, Mode, Umgangsformen und Luxus, nicht mehr in ihr Wertsystem. Ein religiser Kontext, der eine Umorientierung des alten Lebens zur Entwicklung eines neuen Normen- und Verhaltenskodex berfhren knnte, fehlt. Da die Protagonistin in der Einsamkeit herausgebildete Werte nicht an eine zweite Person weitergeben kann, bietet sich auch keine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive mehr. Der scheinbar in der utopischen Literaturtradition verortete Roman entbehrt somit das, fr die Utopie wesentliche, Zukunftsdenken, die Hoffnung, sowie eine didaktische Absicht. Schon zu Anfang bezeichnet sich die Erzhlerin als husliches Wesen, das Ortswechsel meidet.

Ein Bericht mit eingewobenen Existenzngsten und Gefhlen

Marlen Haushofer (1920 - 1970)
Vielfach nimmt die Erzhlerin das Wort Bericht zu Beginn ihrer Aufzeichnungen in Anspruch. Der prtendierte neutrale, exakte und objektive Dokumentationsanspruch wird durch die gewichtige Prsenz der Erzhlerin, welche sich in mehrseitigen Kommentaren zu unterschiedlichen Bereichen uert, unterlaufen. Die dokumentarische Intention konfligiert so mit der therapeutischen, wenn die Erzhlerin primr auf dem Papier ihren ngsten Raum gibt und ihre Verluste beklagt. Das ineinander verwobene Skript aus Vernunft und Disziplin, mit der sie in ihrem Bericht ihre Existenz aufarbeitet, lsst so immer auch darunter liegende massive Existenzngste und Gefhle der Unordnung und des Wahnsinns durchscheinen. Der Schreibprozess selbst begrndet den einzigen Wert und die Motivation des Textes, welcher sich somit als Selbstmonolog ausgibt und seine potentielle Leserschaft negiert: Es kommt nur darauf an, zu schreiben, und da es keine anderen Gesprche mehr gibt, mu ich das endlose Selbstgesprch in Gang halten.

Uneindeutigkeit der Erinnerungen

Die namenlose Erzhlerin kommentiert ihren Schreibprozess oft, indem sie beispielsweise unterscheidet, ob sie ein vergangenes Ereignis noch sensuell erfassen und wiedergeben, oder ob sie es nur noch erinnern kann. Die Uneindeutigkeit der Erinnerungen und Aufarbeitungsbemhungen verleiht ihr eine gewisse Authentizitt. Ihre starke Gewhnung an die Einsamkeit wird in der Schlusspointe deutlich, wenn sie den Eindringling erschiet, der zuvor zwei Tiere erschlug, die sich als ihre gleichberechtigten Partner erwiesen. In ihrer Erinnerung arbeitet sie das Ttungsgeschehen auf der Alm im Sinne eines identittsstiftenden Prozesses auf. Wiederholt eingebaute Andeutungen, dass sie unter dem Schutz der Wand von einer Katastrophe heimgesucht wurde, dass der Hund Luchs inzwischen nicht mehr lebt und dass der Stier durch Axthiebe zu Tode kam, kulminieren hier in dem Aufeinandertreffen mit einem anderen menschlichen Wesen, das ebenfalls im Schutz der Wand berlebte. Die Ttung des Mannes ist fr die Erzhlinstanz als Notwehr die einzig angemessene, konsequente, lebensnotwendige Handlung. Verglichen mit den detaillierten Aufzeichnungen der Arbeitsverlufe wird der Mord an dem mnnlichen Eindringling auffallend lakonisch und peripher beschrieben.

Alleine und auenstehend im engumgrenzten Lebensentwurf

Martina Gedeck im Film "Die Wand" (2012)
Das Raumverhalten der Protagonistin lsst sich durch fortwhrend reduzierende Mobilitt charakterisieren. Sie bernimmt am Anfang die Verantwortung fr die Versorgung einer Kuh. Ihr Bewegungsradius schrnkt sich noch mehr ein, wenn sie die Alm aufgrund des dort erlebten Ereignisses spter nicht mehr aufsucht und ohne Luchs keine Erkundungsreisen mehr unternimmt. Ein Ausbruchsversuch aus der berlebensexistenz verbietet sich aufgrund der Sorge fr die Tierfamilie. Die bedrohlich befristete und isolierte Initialsituation verschlimmert sich, was der monotonen Entwicklung des berlebens in Richtung Tod nahe kommt. Die Erinnerungen der Erzhlerin kreisen immer seltener um ihre Mitmenschen und schlielich, gegen Ende des Romans, erklrt sie, sie knne nur noch Mitleid fr ihre Artgenossen empfinden: Mitleid war die einzige Form der Liebe, die mir fr Menschen geblieben war. Sich selber als Auenstehende betrachtend grenzt sich die Erzhlerin vom brigen Menschengeschlecht ab und beansprucht als einzige, den richtigen Lebensweg und vorbildliches Denken eingeschlagen zu haben: Wren alle Menschen von meiner Art gewesen, htte es nie eine Wand gegeben.
Marlen Haushofer Die Wand

Verlag: List
Genre: Abenteuer
Nachwort: Klaus Antes
Erschienen: Oktober 2012 (3. Auflage), Original: 1963
ISBN: 9783548610665
Bindung: Paperback
Seiten: 288
Preis: 8,99
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Monoperspektivisches Erzhlen

Ihrem Werk Die Wand hnlich sind Marlen Haushofers meisten Erzhltexte streng monoperspektivisch konzipiert. Sie reichen vom retrospektiven Bericht einer, im Geschehen eingebundenen, Ich-Erzhlerin (Wir tten Stella, Die Wand), der Ich-Erzhlung mit eingebetteten Tagebucheintrgen aus der Vergangenheit (Die Mansarde), der in der Ich-Form mit einem Tagebuch abwechselnden (Die Tapetentr) und der rein personalen (Himmel, der nirgendwo endet, Das fnfte Jahr) Erzhlsituation, bis hin zum personal angelegten Lebensrckblick mit auktorialer Rahmung in dem Debt Eine Handvoll Leben. Haushofer, welche fr das Gros ihrer Bekannten und Nachbarn, die von ihrer Schriftstellerinnenexistenz meist nicht wussten, auch als kontaktarm und eher beherrscht galt, betont in einem Gesprch die lange Vorlaufzeit und ihren spezifischen Schpfungsdrang bezglich Die Wand: Der Stoff zur Wand mu immer schon dagewesen sein. [] Ich habe ihn mehrere Jahre herumgetragen, aber ich habe mir nicht einmal Notizen gemacht []. Ich habe auch mit niemanden darber gesprochen. Auch die anderen Protagonistinnen Haushofers verschwinden hinter glsernen Wnden. Als Problemkonstante auf der Tiefenebene der Texte teilen sie eine grundlegende Dissenserfahrung des Individuums zu seinem Umfeld. Die rigorose rumliche Trennung von der Anwesenheit des Mannes ist immer Voraussetzung fr diese Frauenfiguren, um schreibend ihre widersprchliche Bewegung von Erinnern und Vergessen zu vollziehen.

Einordnung in das Ghetto der Frauenliteratur

Die Zuordnung ins Ghetto der Frauenliteratur bleibt fr Haushofer auch heute noch dominierend und liegt auch in Haushofers legendrer Bescheidenheit begrndet, da die Autorin ihr Werk selber zur 'Hausfrauenprosa' stilisierte. Ein Experimentieren mit Sprache oder Erzhlmustern gehrte nicht zu ihren Interessenschwerpunkten: Ich bin selber im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis gekommen, da mir eine Wahrheit, die ich zu sehen glaube, wichtiger ist als jede Formfrage. Auch bei der Wiederauflage der Wand 1983 motivierte die Wahl der Ich-Form Interpreten zur Fehldeutung des Romans als verkappte Autobiographie Haushofers. Haushofer brachte die vermeintliche Alltglichkeit ihrer Texte, eine vermeintlich pessimistische Grundhaltung, eine berwiegend chronologische Erzhlweise und der Gebrauch einfachster, berholter Stilmittel und keiner Formexperimente seitens der zeitgenssischen Kritik den Vorwurf der Banalitt ein. Heute gilt jedoch als Verdienst der feministischen Literaturwissenschaft, dass formale Aspekte der Prosa Haushofers, wie etwa Simplizitt, Lapidarstil und Konventionalitt des Erzhlens, in ihrem Tuschungscharakter analysiert wurden, da eine harmonisierende Erzhlweise als Oberflchenphnomen durchschaut und die darunterliegende subversive Kritik an den Geschlechterverhltnissen herausgearbeitet wurde.

Wrdigung eines Meisterwerks

In Die Wand realisierte Haushofer trotz des anti-utopisch anmutenden, regressiven und gewaltsamen Endes zweifelsohne das grte utopische Potential ihres Werkes. Gleichzeitig gestaltet Haushofer hier das bedrckende Thema der hermetisch isolierten Einzelexistenz so symbolisch und paradigmatisch wie nirgendwo sonst. Interpretierbar ist die Wand als sozialkritische Phnomenologie eines Katastrophenbewusstseins, in dem ein Ich nach einem mglicherweise atomaren - Endschlag vereinsamt in einer Glaskugel (ber-)lebt oder als eine ins Autistisch-Negative gewendete Idylle, als letzter Versuch eines Menschen in selbstgewhltem Autismus zu berleben. Julian Plster schafft es 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle den Roman in sehr eindrucksvolle Bilder zu bersetzen. Doch leider erweckt die Kinoverfilmung nicht die Sogkraft und den Reiz des Buches, da sie die Gedankenwelt der Protagonistin naturgem stark verkrzt.

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