Da die deutsche bersetzung des Begriffs "Poetry Slam" lange unklar war, rief die Jury des Kulturpreises Deutsche Sprache 2011 zu einem Wettbewerb auf. Der Gewinner: Lyrelei. Solch eine Verdeutschung klingt wie der Slammer Johannes Floehr richtig feststellte nach der guten alten Loreley. Aber keine Angst: Die bersetzung hilft berhaupt nicht weiter, sondern tuscht wie die goldbehaarte Felssitzerin die Schiffsbesatzungen.

Zwar betonte die Jury, dass man eine treffende bersetzung, keinen durchsetzungsfhigen Ersatz suche. Aber warum die Wahl auf ein Wort fiel, welches den Pudels Kern von Poetry Slam so elementar verfehlt, bleibt schleierhaft: Lyrelei, ich wei nicht, was soll das bedeuten Slam Poetry, die Texte, die auf einem Poetry Slam vorgetragen werden, sind vieles, aber weder Lyrelei, kleine Lyrik noch Lyrelei, niedliche Lyrik.

Trotz aller Verfhrung gibt Lyrelei einen Hinweis: Slam Poetry kann Prosa sein, aber genauso gut lyrisch. Slam Poetry kann aber auch dramatische Elemente benutzen, gerade bei Teams. Und selbst die Prosa ist nicht prosaisch, sondern verdichtet, klangbetont, rhythmisch. Slam Poetry ist "Bastardliteratur" und da derselbe Slam-Text beim zweiten Auftritt vielleicht ganz anders klingt als beim ersten, kann man mit den Piraten auch sagen: Slam Poetry ist "liquid Literatur".

Von Lyrelei verfhrt

Welche Rolle spielt fr diese Literatur die Schriftlichkeit? Ihre Texte leben nicht auf und vom Papier allein. Grundstzlich handelt es sich bei Slam Poetry letztlich nur um all das, was auf einem Poetry Slam vorgetragen wird aus dem Kopf oder von einem Blatt Papier. Das aber, was auf dem Blatt Papier steht oder auf einem Blatt Papier stand, bevor es auswendig gelernt wurde, ist kein eigenstndig existierender Text. Seine toten Buchstaben werden erst zu Slam Poetry, wenn ein Slammer sie zum Leben erweckt.

Darin liegt der entscheidende Punkt: Ein Slam-Text wird seinen Slammer nie berleben. Stirbt der Slammer, stirbt der Slam-Text. Denn ein Slam-Text wird erst ein solcher im Vortrag auf einem Poetry Slam, auf dem er gem der Regeln nur durch seinen Verfasser vorgetragen werden darf. Ansonsten ist er ein Gedicht, eine Kurz- oder Krzestgeschichte, eine Rede oder ein Worthaufen.

Natrlich kann ich mir als Schubladenfetischist Kriterien zusammenphantasieren, durch die sich ein Haufen gedruckt vorliegender Texte mit dem Label "Slam Poetry" abstempeln lsst. Insofern liee sich rein technisch durchaus davon sprechen, dass es mglich sei, ein Buch mit Slam Poetry zu verffentlichen. Aber eigentlich verfehlt dies den Kern. Eigentlich kann es kein Buch mit Slam Poetry geben. Denn eigentlich ist jedes Buch mit Slam Poetry doch wieder nur eine Sammlung von Kurzgeschichten oder Lyrik.

Slammer und Schriftsteller, das hebt sich nicht auf, das sind mgliche Existenzen in parallelen Universen. Tritt Donna Leon in Venedig bei einem Poetry Slam auf, bleibt sie Schriftstellerin und ist doch auch Poetry Slammerin. Aber whrend ihre Krimis gedruckt vorliegen, knnte es ihre Slam Poetry authentisch gespeichert nur auf DVD oder unter Verlust von Mimik und Gestik auf CD geben.

Die Unmglichkeit von Bchern mit Slam-Texten

Letztlich ver-greift sich jeder Versuch, der Slam Poetry nicht ausgehend von Poetry Slam definiert. Der zweite Teil des Kompositums Dichterwettstreit fhrt auf die Trffelspur: Poetry Slam ist ein Veranstaltungsformat. Der Kern dieses Wortsports liegt im Wettkampf. Fr die Teilnehmer und ihre Texte gibt es Regeln. Am wichtigsten dabei: ein Slammer hat bei seinem Auftritt ein (variierendes) zeitliches Limit, darf nur selbst verfasste Texte vortragen und nicht singen, nur beatboxen. Deshalb fliegt man beim Vorsingen des Telefonbuchs von der Bhne: wegen Singens, weil man das Telefonbuch nicht selber geschrieben hat und es zu lange dauert, alle Klner vorzulesen, die mit Nachnamen Schmitz heien.

Wenn man den eigenen Text hingegen auf Elbisch vortrgt, ist das erlaubt: Das "deutschsprachig" der deutschsprachigen Meisterschaften ist geografisch gemeint, nicht auf die Vortragssprache bezogen nur zum Wrterbuch darf auf der Bhne nicht gegriffen werden, weil Hilfsmittel allgemein unzulssig sind.

Das Publikum oder eine Jury bewerten jeden Auftritt nach einem durch den Veranstalter festgelegten Verfahren, meist durch Applaus, Stimmzettel oder Zahlenwertungen. Trotzdem, auch wenn der Ehrgeiz manchen Teilnehmern davor die Augen verschliet, ist dabei alles oder um es mit den Worten von Alan Wolfe zu sagen: "The points are not the point, the point is poetry." Denn ursprnglich diente das Wettkampfprinzip laut dessen Erfinder Marc Kelly Smith einzig und allein dazu, die Aufmerksamkeit des Publikums zu steigern. Eigentlich geht es mehr um eine Art kulturelles Ritual.

Auf zweierlei Ebenen wird Gemeinschaft zelebriert: Zum einen schafft der Poetry Slam zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort eine Gemeinschaft. Die Grenze zwischen "denen auf der Bhne" und "denen im Publikum" verschwimmt, die Slammer mischen sich vor ihrem Auftritt unters Volk und jeder Zuschauer kann selbst Akteur werden sptestens bei der nchsten Veranstaltung. Auerdem konstituiert sich im Geflecht regelmiger Veranstaltungen eine Slam-Szene, eine Gemeinschaft der Slammer, die sich bewusst als solche begreift und austauscht.

Nur noch ein Sprungbrett zu vermeintlichen Weihen?

Dass es eine solche Szene gibt, wird inzwischen vermehrt wahrgenommen: Von "Underground" zu sprechen, wre in Deutschland immer vermessen gewesen, aber Poetry Slam ist nicht mehr Nicht-Massenphnomen, nicht mehr Subkultur, weshalb einige Ur-Poeten auf dem Weg des Wandels irgendwann anders abgebogen sind. Droht da nicht die Gefahr, dessen, was schon das popliterarische Manifest von Stefanie Flamm aus den 90er Jahren beschreibt und sehr an das politische Prinzip der Regierung Merkel erinnert? "Man pat sich uns an, um uns zu vereinnahmen. So wird alles, was einst Protest oder zumindest Abgrenzung signalisierte, mit einem offiziellen Stempel versehen zur Mode."

Keucht Poetry Slam nicht inzwischen im Wrgegriff von sog. Professionalisierung und sog. Kommerzialisierung, nicht mehr als ein Sprungbrett zu vermeintlich "hheren Weihen" (Comedian, Bestsellerautor etc.)? Vielleicht, nur stellt sich die Frage, ob ein solches Keuchen per se zu verteufeln ist. Irgendwie endet jede "gute" Subkultur irgendwann im Mainstream, was nicht nur Krux, sondern genauso gut immer auch Chance ist, wie Nadja Schlter, selbst Slammerin, in einem Artikel richtig feststellte. Noch hat sich die Mehrheit nicht resignativ huslich im "bsen Kommerz" eingerichtet. Noch wuchert Slam gegen die Stromlinienfrmigkeit und das ist gut so. Erst wenn der Comedy-Sektor einmal tatschlich der Vorhut des Kln Comedy Festivals folgt und Slam ganz vereinnahmt, erst wenn jeder Funke Nachdenklichkeit und Poesie von drhnenden Pointensalven bertnt wird, sollte man sich Sorgen machen vorher nicht.

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