campus-web-Bewertung: 4 von 5 Sternen
   
Im Sommer 2009 plagt Miranda July in L.A. eine Schreibblockade. Die bekannte Knstlerin arbeitet an dem Drehbuch fr ihren zweiten Independent-Film. Die Enddreiigerin hat das Gefhl, ein fruchtloser Rckzug in die eigene, als kleine Hhle beschriebene Browohnung habe eine gewisse Berechtigung fr ihre Recherchen, weil eine der Figuren in meinem Film ebenfalls an etwas werkelte, einer Choreographie nmlich, sich aber, anstatt zu tanzen, auf YouTube Tnze anschaute. Vielleicht erzeugen solcherart Gedanken jedoch auch einen Teufelskreis, in dem man sich nicht mehr vom Internet losreien kann. Denn auch sonst verliert sich die Autorin scheinbar in den Weiten des World Wide Web: Ich lag auf dem Feld und sah den Ameisen zu. Ich googelte meinen eigenen Namen, als wrde die Antwort auf mein Problem sich in irgendeinem Blog verstecken, in dem man lesen konnte, wie nervig ich war. Schon zu Beginn ihres autobiographisch gerahmten Interviewbandes wei July ihre Leser durch skurrile Selbstoffenbarungen zu unterhalten. Julys unproduktive Schwunglosigkeit geht irgendwann sogar so weit, dass sie sich fr die Inserenten des kostenlosen, wchentlich zugestellten PennySaver-Hefts zu interessieren beginnt. Was sind das fr Menschen, die Kaulquappen, Leopardenbabys oder wiederverwertbare Weihnachtskarten verkaufen mchten? In der Hoffnung, dass sich durch neue Kontakte ihre Schreibblockade vielleicht lst, nimmt July ihren Mut zusammen. Sie berlegt, die Inserenten anzurufen. Gleichzeitig mchte sie sich jedoch den wildfremden Menschen auch nicht aufdrngen.

Eine paranoide Welt

In meiner paranoiden Welt glaubt jeder Ladenbesitzer, ich wrde stehlen, jeder Mann hlt mich fr eine Prostituierte oder eine Lesbe, jede Frau hlt mich fr eine Lesbe oder fr arrogant, und jedes Kind und jedes Tier erkennen wie ich wirklich bin, nmlich bse. Daher achtete ich, als ich anrief, darauf, nicht ich selbst zu sein. Sie bietet den Inserenten ein bezahltes Interview an. Doch viele der Inserenten sind misstrauisch: Um die Leute am Telefon zu beruhigen, erwhnte ich manchmal ich sei gewissermaen arriviert keine Studentin, sondern eine Autorin, die bereits Bcher verffentlicht hat. Googeln sie Miranda July, schlug ich vor (mache ich von morgens bis abends!). Aber das waren keine Googler. Menschen, die Anzeigen in der Printausgabe des PennySaver schalteten, hatten keine Computer natrlich nicht, denn sonst wrden sie sich an Craigslist halten. Als sich tatschlich die erste Person bereitfindet, hlt July dies nicht mehr fr eine reine Zufallsbekanntschaft. Feierlich erklrt sie: wir hatten einander erwhlt. Die Knstlerin bittet unter Anderem eine Fotografin, sie zu begleiten: In meiner Vorstellung legitimierte ihre Fotoausrstung unseren Ausflug vielleicht war ich ja eine Journalistin oder eine Detektivin, wer wusste das schon? Alfred hatten wir dabei, damit wir nicht vergewaltigt wurden.

Mir kam der Gedanke, dass jedem Menschen seine Geschichte wichtig ist

July unterhlt sich nun mit einem Mann-zu-Frau-Transsexuellen, Michael, der seine Lederjacke feilbietet, ber seine Pornofilmsammlung mit Shemales. Im Gesprch mit einer anderen Annoncenkundin, Primila, erkennt sie, dass der Inderin dieses Interview wirklich wichtig ist.
Miranda July Es findet dich

Verlag: Diogenes
Genre: Dokumentation
Fotografien: Brigitte Sire
bersetzung: Clara Drechsler und Harald Hellmann
Erschienen: 21. Februar 2012
ISBN: 9783257020977
Bindung: Hardcover Broschur mit Klappen
Seiten: 224
Preis: 22,90
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Beim Besuch von Beverly in Vista fhlt sich July wie in einem dubiosen Naturkundemuseum. Die Eindrcke von der Inneneinrichtung des Hauses und die geschftige Lebenswirklichkeit mit vielen Haustieren und einer groen Geruschkulisse empfindet July als Bedrohung. Sie entsorgt Berverlys Obstsalat, den sie aus Freundlichkeit sich nicht getraut hatte, abzulehnen, in einer Mlltonne: Ich schob sicherheitshalber ein paar alte Zeitungen ber die Schsseln, denn was, wenn Beverly tanken kam, etwas wegwarf und sie entdeckte? Nichts schlimmer als das. Ron, der in Woodland Hills ein siebenundsechzigteiliges Hobbymalset verkaufen mchte, zeigt July seine elektronische Fufessel und erzhlt von seinem Gefngnisaufenthalt. July denkt whrend des Gesprchs daran, wie sie sich, ohne Ron zu enttuschen guten Gewissens wieder verabschieden kann. Brigitte hatte aufgehrt, Fotos zu machen, und drckte sich mit aufgerissenen Augen bei der Eingangstr herum. Alfred, irgendwo hinter mir, war sehr still und stumm geworden.

Nach geraumer Zeit begann ich zu begreifen, dass er uns niemals fortlassen wrde.

Im Verlauf ihrer Recherchearbeiten schaut July auch in den PennySaver um zu berprfen, ob frher besuchte Anzeigenkunden ihre Gegenstnde loswerden konnten Wie es aussah, war Michael seine Lederjacke losgeworden und nun dem Frausein zehn Dollar nher. Die Autorin ruft beim PennySaver an, weil sie Angst bekommt, dass dieser nicht mehr ewig weiterbestehen wird. Loren Dalton, der Prsident von PennySaver USA erklrt ihr tatschlich, dass auch beim PennySaver aktuell vermehrt in den digitalen Sektor investiert wird.
Es begegnen ihr bei den Hausbesuchen sehr unterschiedliche Gestalten, die trotzdem Gemeinsamkeiten teilen. Die meisten von ihnen haben keinen Computer und geringe finanzielle Mittel. Der korpulente Domingo sammelt regelmig neu zusammengestellte Fotocollagen von Babys und hbschen Mdchen ber seinem Bett. Seine Schwester meint, dass er sich so etwas wahrscheinlich fr sein reales Leben wnscht. Auch Dina, die einen Conair-Haarfhn verkaufen mchte, zeigt Miranda July Zeitschriftenfotos von schwarzen Frauen in ihrem Album die Schwestern meiner Trume. July staunt: Irgendwie hatte jeder, mit dem ich mich traf, eine imaginre Papierfamilie. Obwohl der Leser manchmal den Eindruck gewinnt, dass July ihre PennySaver-Bekanntschaften vorfhrt, gibt sie sich mindestens genauso oft selbst die Ble, wenn sie sich mal wie das Riot Grrrl aus ihrer Jugendzeit oder das andere Mal wie eine ungeschulte, nutzlose Sozialarbeiterin beschreibt.
Die Interviewportraits geben Einblicke in die Schicksale und Lebensinhalte von so genannten einfachen Brgern Kaliforniens, die man in dieser Dichte so authentisch selten bekommt. Bemerkenswert sind dabei auch die groformatigen Farbfotos von Brigitte Sire, welche die besuchten Annoncenaufgeber in ihren Lebenswirklichkeiten zeigen. Stets formuliert July nach den dialogartig wiedergegebenen Hausbesuchen eigene pointierte Gedanken, die den Menschen, denen sie begegnet ist, meistens liebevoll zugewandt sind. Spannend ist es dabei auch, dass sich July nicht davor scheut, zeitgleich auch ber die Drehbuchentwicklung zu berichten und dabei auch Gesprche mit potentiellen Besetzungskandidaten wie Don Johnson wiedergibt.

Dear Miranda July, please come and visit me, although Campus Web is not the PennySaver. I woud like to share with you a considerable collection of unused postcards depicting different holiday resorts across Europe...

Eine Rezension zu Miranda Julys Zehn Wahrheiten.

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