campus-web-Bewertung: 4 von 5 Sternen
   
So ist es: In der Bretagne ist das Wetter schn fnf Mal am Tag. Solcherart patriotische Mantren durchziehen Jean-Luc Bannalecs unterhaltsamen Krimi Bretonische Verhltnisse. Sie schaffen einen wohltuenden Kontrapunkt zur spannungsvollen Handlung. ber das bretonische Wetter schimpfen oder lachen drfen nur die Bretonen selbst. Bei anderen wird es als sehr unhflich empfunden. Georges Dupin, die Hauptfigur des Romans, ist kein Bretone. Der koffeinschtige und eigenbrtlerische Kommissar wurde aus Paris in die Bretagne zwangsversetzt. Er hatte seinem Vorgesetzten gegenber seinen Affekt nicht mehr unter Kontrolle. Nun darf er in einem vertrumten Kstenort der Bretagne ermitteln. Und tatschlich gibt es pltzlich ein Mordopfer nahe dem Place Gauguin, dem kleinen und hbschen Hauptplatz des Ortes Pont-Aven. Im Hotel Central wird der 91jhrige Hotelbesitzer Pierre-Louis Pennec blutberstrmt in der Hotelbar gefunden.

Ein Mord am Place Paul Gauguin

Lakonisch verstndigt sich der Kommissar mit seinen Kollegen ohne viele Worte ber ihr Vorgehen. Zwischen Spaziergngen am Port Manech und leiser Gedanken an das gerade anstehende, lokale Festival des Filets Bleus fhrt Dupin nun Zeugengesprche. In den Vernehmungen des Hotelpersonals und der Freunde und Verwandte Pennecs wird dabei das Schicksal des Hoteliers oft mit der langjhrigen Geschichte seines Hotels enggefhrt.
Jean-Luc Bannalec Bretonische Verhltnisse

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Genre: Krimi
Erschienen: Mrz 2012
ISBN: 9783462044065
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 302
Preis: 14,99
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Es wird von Pennecs Gromutter Marie-Jeanne erzhlt, die das Hotel Central bereits im 19. Jahrhundert aufbaute. Damals genoss besonders die Knstlerkolonie die Schule von Pont Aven ihre generse Gastlichkeit. Marie-Jeanne Pennec wollte fr die Maler das grte Atelier unter freien Himmel so komfortabel wie mglich arrangieren. Paul Gauguin, der prominenteste dieser Knstler, kam 1886 nach Pont-Aven. Die Crux der Geschichte ist nun, dass die Zeugen dem Kommissar ein wichtiges Detail bewusst vorenthalten. Gauguin dankte der Frderin der Knste fr ihre Gastlichkeit damals nmlich mit einem Gemlde. Dieses Gemlde hing ber hundert Jahre lang in den Innenrumen des Hotels und wurde als schlecht gemachte Kopie verkannt.

Verschwiegenheit und Familiengeheimnisse

Dupin stellt im Zuge dieser Erkenntnis die trauernden Verwandten zur Rede. Sie behaupten, sie seien der Ansicht gewesen, Pennecs Besitz des Gemldes sei fr den Mordfall vllig unerheblich. Das Familiengeheimnis sollte gewahrt bleiben. Da der Wert des mglichen Bildes jedoch auf 40 Millionen geschtzt wird, misstraut Dupin der selbstlosen Schweigsamkeit: Dupin war es leid. Jeder sah sich in diesem Fall als selbstlosen Wahrer des Willens von Pierre-Louis Pennec. Als noblen Charakter. So wrde noch sein Mrder argumentieren. Und alle hatten ihn schon in den ersten Gesprchen schlicht belogen, die ganze Zeit hatten sie ihm das Entscheidende vorenthalten. Alle hatten von dem Bild gewusst. Und das es andere wussten. Und alle taten so, als sei dies unerheblich. Nachdem auch Kunsthistoriker in die Ermittlungen mit einbezogen werden, stellt sich heraus, dass das Gemlde in der Tat kein Original ist. Wurde das Original ausgetauscht? Charles Saur, Sammlungsleiter des Muse dOrsay, gibt pltzlich ein Presseinterview ber Pennecs geplante Schenkung des Gauguin-Gemldes an das Museum. Wie viele andere Charaktere auch taktiert Saur fr das eigene Interesse an dem Gemlde und seinem groen Wert: Saur war schlau. Er wollte sicherstellen, dass das Bild auch nach dem Tod Pennecs an das Museum gehen wrde. Dass es selbst unter den ja doch dramatisch vernderten Umstnden zu der Schenkung kommen wrde. Konkret: Er setzte die Erben unter Druck, auch wenn er gar nichts wusste, nicht einmal, an wen das Bild ging, oder ob Pierre-Louis Pennec die Schenkung testamentarisch noch fixiert hatte oder nicht. Er wollte vorsorgen, manipulieren, Realitten schaffen. Das musste er auch. Ansonsten nmlich bliebe von der ganzen Aktion nicht viel brig. Er knnte sich erbrmlich lcherlich machen, wenn es jetzt nicht zu der Schenkung kme. Schon bald gibt es einen zweiten Toten.

Rtselraten um das sprechende Pseudonym Jean-Luc Bannalec

Der stimmungsvolle Krimi Bretonische Verhltnisse um den kauzigen Kommissar bringt einen zum Schmunzeln und berrascht mit regelmigen Wendungen und Einfllen. Besonders die detailgenauen Portraits einzelner Nebenfiguren und die Beschreibungen regelmiger lukullischer Gensse Dupins sind ungewhnlich und unterhaltsam. Auch schwelgerische Naturbeschreibungen mit viel Lokalkolorit schaffen einen Ausgleich zur spannungsvollen Handlung. Einige Bilder wirken jedoch etwas berzogen, wenn es etwa heit: Ein dutzend hoher Bilderbuchpalmen standen im blendend weien, feinen Sand []. Sehr verwirrend ist mitunter die groe Anzahl der Figurennamen, besonders wenn es um vergangene Zeitebenen geht. Apropos, hinter dem Pseudonym des Autors steckt angeblich Jrg Bong, der Verlagschef des S. Fischer Verlags. Bong studierte brigens an der Universitt Bonn Germanistik, Geschichte und Philosophie. Man merkt dem Autor sein literarisches Knnen bei ausgefeilten und charakteristischen Dialogen und der sorgsam verwobenen Geschichte an. Bretonische Verhltnisse ist seit Monaten auf den Spitzenpltzen der Spiegel-Bestsellerliste vertreten. Nach dem groen Erfolg des Debts darf man gespannt auf eine Fortsetzung mit Kommissar Dupin sein. Auch dem Bretagne-Tourismus wre ein weiterer Dupin-Boom sicherlich zutrglich.

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