Lesung im 'Limes' mit LBST-Referent G. von Schenck
   
 

'Slalom', 2011 erschienen im fhl Verlag
   
Zurck zu Teil 1

cw: In Mein Onkel Hubert erzhlen Sie aus der Sicht einer Schlerin, die auch unter ihren Lehrern leidet. Sie waren selber lange Zeit Lehrerin. Haben Sie eigene Berufserfahrungen in Ihre Geschichten mit einflieen lassen?

Die Lehrer und Lehrerinnen der 60er Jahre, wie sie in Mein Onkel Hubert geschildert werden, habe ich ja noch selbst genossen. Insofern flieen meine Erfahrungen als Schlerin hier ein. Meine Erfahrungen als Lehrerin spielen wahrscheinlich mehr oder weniger unbewusst auch eine Rolle beim Schreiben. Als Lehrerin habe ich so viel mit jungen Menschen zu tun gehabt, so viele ganz unterschiedliche Entwicklungen verfolgt, Einblick in so viele Familien gehabt.

cw: Haben diese Erfahrungen Sie zum Schreiben motiviert?

Sicher nicht in erster Linie. Wichtiger ist wahrscheinlich das Lesen gewesen, die Begeisterung fr das Erzhlen, fr die Sprache als Instrument der Gedanken und als Klanggebilde. Auch meinen Eltern und Geschwistern war Literatur wichtig, sie lasen und lesen viel und diskutierten ber das Gelesene. Ich habe immer schon gern geschrieben, Briefe, Geschichten. Die Arbeit in der Schule lie mir allerdings nicht die Zeit, einen lngeren Text wirklich durchzuarbeiten, das ging erst danach.
Ein kleines Schlsselerlebnis hatte ich aber einmal durch meine Schler, als ich in einem 11er-Deutschkurs mal eine kreative Schreibaufgabe gestellt habe. Jeder sollte drei Zettel beschriften: einen mit dem Namen einer Hauptfigur, deren Alter und Beruf, einen mit einem Schauplatz, einen dritten mit dem Genre (Kriminalgeschichte, Liebesgeschichte, Horrorgeschichte etc.) Die Zettel wurden in drei Schsseln geworfen, anschlieend sollte jeder aus jeder Schssel einen Zettel ziehen und aus diesen Vorgaben eine Geschichte machen. Die Elfer fanden das lustig und spannend und waren schon dabei, ihre Zettel zu beschriften, pltzlich sagte eine Schlerin: 'Sie mssen aber auch mitmachen, Frau Huttel.' Ich war platt. 'Wann soll ich das denn noch schaffen?', habe ich gefragt, 'wollt ihr mal wissen, wie viele Korrekturstapel bei mir zu Hause liegen?' Aber die Schler lachten nur, lehnten sich zurck und sagten: 'Wenn Sie nicht mitmachen, schreiben wir auch nichts.' Das ging noch kurz hin und her. Schlielich gab ich mich geschlagen, weil ich insgeheim auch groe Lust dazu hatte... Auf meinen drei Zetteln stand: Benjamin Blmchen, 45 Jahre, Staubsaugervertreter/ Los Angeles/ Horrorgeschichte. Ich dachte, ich brech zusammen... Ich hatte berhaupt keine Idee. Zu Hause habe ich mich dann hingesetzt und habe diese Horrorgeschichte geschrieben. Als ich einmal drin war, hat mir das einen riesengroen Spa gemacht. Ich habe alles um mich herum vergessen und war voll und ganz in der erfundenen Horror-Welt mit ihren Bildern, Geruschen und Gerchen. Diese Elfer sind also auch ein bisschen schuld daran, dass ich heute schreibe.

cw: Wie haben Sie Ihre Verlage ausgewhlt und wie sind Sie mit Ihren Projekten an diese herangetreten?

Wenn man wie ich weder im Literaturbetrieb bekannt noch sonst in irgendeiner Hinsicht prominent ist, hat man es immer schwer, einen Verlag zu finden. Ich habe mich zuerst an zwei Literaturagenten gewandt. Beide fanden Mein Onkel Hubert gut, aber sie glaubten, sie knnten das Manuskript nicht an Verlage verkaufen. Ich habe natrlich gefragt, warum, und bekam zur Antwort, das Thema sei zu negativ; der Roman sei zu kurz, zu knapp und zu dicht erzhlt, auerdem zu leise; ein Jahr aus dem Leben eines zwlfjhrigen Kindes sei nicht relevant genug. Diese Grnde stieen auf mein Unverstndnis und haben mich sogar ein bisschen gergert, besonders der letzte. Also habe ich mich dann direkt an Verlage gewandt, von denen ich mir vorstellen konnte, dass so ein Buch in ihr Programm passen wrde, ich glaube, 15 waren es insgesamt, habe ein Expos und Leseproben hingeschickt und gewartet. Das dauerte lang. Verlage werden heutzutage mit Manuskripten berschttet, haben aber meist nicht genug Mitarbeiter, um das alles grndlich zu sichten und zu beurteilen. Irgendwann mssen die Regale leergerumt werden, um neuen Manuskripten Platz zu machen... Die Autoren, die etwas eingereicht haben, bekommen dann meist nur ein Formschreiben, sie sollten die Absage nicht als Qualittsurteil missverstehen, aber man knne ihr Manuskript nicht verffentlichen usw. Solche Briefe trudelten nach und nach auch bei mir ein. Irgendwann, ich schrieb schon lngst an meinen Slalom-Geschichten, kam dann die Zusage vom Osburg Verlag .

Mit Slalom war es noch schwieriger. Alle Personen aus dem Literaturbetrieb, die ich mittlerweile kannte, sagten mir, das Thema Homosexualitt sei bei den Verlagen unbeliebt, das wolle niemand haben. Erzhlungen seien beim deutschen Lesepublikum generell unbeliebt, die wolle niemand lesen. Und bei den Verlagen, die sich auf schwule und lesbische AutorInnen spezialisiert haben, wrde ich sicher ebenfalls auf Ablehnung stoen, weil ich ja selbst weder schwul noch lesbisch sei... Da hatte ich also voll ins Schwarze getroffen! Im Internet fand ich ganze drei Verlage, die noch regelmig Erzhlungen verffentlichen. Denen habe ich Leseproben geschickt. Die Zusage vom fhl Verlag kam dann sehr schnell. Der Verleger fand auch das Thema gut.

cw: Was fasziniert Sie am Schreiben?

Es fasziniert mich die Mglichkeit eine bestimmte Atmosphre, ein bestimmtes Problem oder eine Spannung zwischen Personen so in Worte zu fassen, dass auch Fremdes fr andere nachvollziehbar wird, dass die Leser mit der Figur mitfhlen und mitfiebern. Der Klang der Sprache ist fr mich auch sehr wichtig. Wenn ich eine Geschichte ungefhr im Kopf habe, versuche ich zunchst dafr den passenden Ton zu finden. Das kann eine Weile dauern. Wenn der Ton gefunden ist, feile ich meist lange an meinen Texten. Alles muss fr meine Ohren gut klingen. Manchmal gelingt mir das auf Anhieb. Aber oft brauche ich sehr lang, bis ich mit dem Klangfluss einer Passage zufrieden bin. Whrend solcher Phasen gehen mir die Stze Tag und Nacht im Kopf herum, und seltsamerweise finde ich Lsungen dann eher im Halbschlaf oder beim Geschirrsplen als an der Tastatur. Sprache ist fr mich etwas sehr Musikalisches. Sicher hat das damit zu tun, dass ich viel Musik mache.

cw: In Ihren Werken werden Schaupltze anschaulich beschrieben. Wie recherchieren Sie fr Ihre Verffentlichungen?

Wenn bestimmte Straen, Gebude oder Gegenden sehr konkret vorkommen sollen, fahre ich dort hin und gucke mir das an. Manchmal gengt eine Internet-Recherche, aber meist ist es doch wichtig, das Flair des Schauplatzes einmal selbst zu erleben, die Luft einzuatmen, die Gerusche zu hren.

cw: Was sind Ihre nchsten Projekte und wann erscheint Ihr nchstes Werk?

Ich arbeite im Moment an einem umfangreicheren Roman, der erst zu einem Drittel fertig, also noch ziemlich unfertig ist. Viel mchte ich darber noch nicht verraten. Es ist eine Art Familienroman. Um Homosexualitt geht es da eher nicht, um Anderssein aber schon. Groe Teile der Geschichte spielen in vergangenen Zeiten, die ich selbst nicht erlebt habe. Deshalb musste und muss ich viele Details recherchieren, was sehr zeitraubend ist. Ich denke, anderthalb Jahre brauche ich mindestens noch dafr, einen Verlag muss ich ebenfalls dafr suchen. Wann das Buch erscheint, kann ich deshalb noch nicht sagen.

cw: Sehen Sie sich heute eher als Lehrerin oder als Schriftstellerin?

Lehrerin war ich ca. 30 Jahre lang. Seit sechs Jahren arbeite ich als Autorin. Schriftstellerin ist ein etwas hochtrabender Begriff. So wrde ich mich nur nennen, wenn ich auch von den eigenen Bchern leben knnte. Das knnen die wenigsten.

cw: Was ist das fr ein Gefhl, wenn Sie Monate an einem Werk gearbeitet haben und dann das Buch beenden?

Ein schnes! Die Aufregung des Schreibens legt sich dann, etwas kommt zur Ruhe. Andererseits bin ich, wenn das Buch dann erscheint, natrlich sehr gespannt auf die Reaktionen. Und ich habe so viele Ideen fr weitere Projekte! Oft ist schon das Recherchieren so interessant, dass ich wahrscheinlich schreiben werde, bis ich uralt und tattrig bin. Mal sehen, wie lange noch.

cw: Dann darf man also gespannt sein. Vielen Dank fr das Interview!

Sabine Huttel liest am Dienstag, 26. Juni, um 19 Uhr 30 im Klner Jugendzentrum Anyway in der Kamekestrae 14 aus Slalom.

Eine Buchrezension zu Slalom.

Sabine Huttels Homepage.

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