Sabine Huttel bei ihrer Lesung am 5. Juni
   
 

'Mein Onkel Hubert', 2009 erschienen im Osburg Verlag
   
Sabine Huttel wirkt ruhig und konzentriert. Gleich wird sie aus ihrem Erzhlband Slalom (2011) vorlesen. Ihre Erzhlungen und ihr Romandebt Mein Onkel Hubert (2009) beschreiben behutsam und unaufdringlich Kmpfe und Unsicherheiten im Leben junger Menschen. Die Autorin liest im Musikcaf Limes am 5. Juni. Viele Zuhrer sind von der einfhlsamen Intensitt der Erzhlungen berhrt. Ausgerichtet wird die Lesung vom LBST-Referat des Bonner AStA. Vor der Lesung spricht Campus-Web mit der gebrtigen Wiesbadenerin ber ihre Beweggrnde und ihre Recherchen, ber Homosexualitt und Kindesmissbrauch als literarisches Sujet, ber das Finden von geeigneten Verlagen fr ihre Projekte und ber kreative Schreibaufgaben im schulischen Lehrberuf.

cw: Warum wollten Sie ber das sensible Thema der Unterdrckung von mnnlicher Homosexualitt schreiben?

Sabine Huttel: Auf das Thema Schwulsein bin ich aus ganz persnlichen Grnden gekommen, nmlich aus Zuneigung. Vor ca. zehn Jahren habe ich kurz nacheinander zwei junge schwule Mnner kennengelernt. Daraus entwickelten sich intensive Freundschaften. Dadurch habe ich zum ersten Mal aus der Nhe mitbekommen, wie anstrengend ein solches Leben ist und welche Spannungen die Betreffenden auch heutzutage und hierzulande noch aushalten mssen. Sie haben es sehr viel schwieriger in der Kindheit und Jugend zu sich zu stehen. So belastend hatte ich mir das Leben junger Schwuler nicht vorgestellt. Das hat mich beschftigt, deshalb wollte ich etwas darber schreiben und habe angefangen zu recherchieren. Nach wie vor denke ich, dass dies ein wichtiges Thema ist, auch fr die Literatur.

cw: Wie kam es zu den doch sehr unterschiedlichen Geschichten und Perspektiven?

Ursprnglich wollte ich einen Jugendroman zu dem Thema schreiben. Ich habe also angefangen, junge Schwule zu interviewen. Meine Interview-Partner fand ich teils ber schwul-lesbische Jugendzentren, teils ber private Kontakte. Das waren etwa fnfundzwanzig Interviews mit 14- bis 37-jhrigen. Die Interviews haben sich ber anderthalb Jahre hingezogen, weil es gar nicht so leicht war, Interview-Partner zu finden. Aufgrund meiner Absicht, einen Jugendroman zu schreiben, habe ich vor allem nach ihren Erlebnissen whrend der Kindheit und der Schulzeit gefragt und habe viele sehr persnliche Erlebnisse erzhlt bekommen. Das hat mich sehr berrascht - ich war ja fr die allermeisten eine vollkommen fremde Person. Hinterher sa ich da mit meinem dicken Notizbuch und habe mir den Kopf ber einen Plot fr so einen Jugendroman zerbrochen, aber es fiel mir nichts Vernnftiges ein. Was ich mitgeschrieben hatte, waren die Erlebnisse von ganz verschiedenen Menschen, die unter vollkommen verschiedenen Umstnden gro geworden sind. Es htte mir Leid getan, diese Vielfalt plattzudrcken, indem ich nur eine Geschichte ber eine Hauptfigur schreiben wrde. Das wre mir wie eine Verengung oder Verarmung vorgekommen. Umgekehrt hatte ich aufgrund der Interviews eine ganze Reihe Ideen fr einzelne Geschichten. Also entschied ich mich Erzhlungen zu schreiben und verschiedene Perspektiven zu whlen. Auerdem mag ich persnlich Erzhlungen sehr gern, weil sie in knapper, konzentrierter Form einen spannenden Einblick in ein Leben ermglichen.

cw: Glauben Sie, dass es Homosexuelle heute immer noch schwieriger als Heterosexuelle haben, zu ihrer Sexualitt zu stehen und ihr Lebensglck zu finden?

Ja, leider. Nachdem, was ich erfahren habe, auf jeden Fall. Es ist ein Riesenproblem, wenn man in diesem elementaren, existentiellen Punkt der sexuellen Orientierung nicht selbstverstndlich akzeptiert ist oder zumindest nicht sicher sein kann, dass jeder einen selbstverstndlich akzeptiert. Wenn ich hetero bin, kann ich mich darauf verlassen, dass meine sexuelle Orientierung berall selbstverstndlich akzeptiert wird, ich brauche berhaupt nicht darber nachzudenken. Wenn ich anders bin, kann ich davon nicht ausgehen. Ich muss mit mehr oder weniger offener Diskriminierung, Benachteiligung, Ausgrenzung, sogar mit Feindseligkeiten, mit Psychoterror und handfester Gewalt rechnen. Auch aus meinen Beobachtungen an Schulen wei ich: Kinder knnen sehr grausam sein. Wenn sie meinen, dass ein anderes Kind einen Schwachpunkt hat, sind sie manchmal gnadenlos. Jemanden auszugrenzen hilft ihnen, sich ber eigene Schwchen hinwegzutuschen. Ich finde es wichtig klarzumachen, dass Homosexualitt weder eine Schwche ist noch eine Seltenheit. Kinder und Jugendliche, die ahnen oder wissen, dass sie anders sind als die Mehrheit, sollten ermutigt werden, damit offen umzugehen. Im Unterricht wird viel zu selten ber das Thema gesprochen. Schon das Verschweigen ist meiner Ansicht nach eine Form von Diskriminierung. Wenn z.B. im 8. Schuljahr in Deutsch Liebesgeschichten auf dem Lehrplan stehen, gibt es in den Lesebchern eine groe Zahl von heterosexuellen Liebesgeschichten, aber keine einzige homosexuelle. Und meine Biologie-Kollegen haben mir erzhlt, dass die meisten Bio-Bcher es schaffen, die Homosexualitt sogar beim Thema "Sexualkunde" auszulassen. Da habe ich mich als Lehrerin immer gefragt: Wie fhlen sich junge Lesben und Schwule, wenn sie einfach nicht vorkommen? Ich finde das skandals. Insofern beantworte ich Ihre Frage mit einem klaren Ja. Dabei gibt es heute so gute Anstze. In ehrenamtlichen schwul-lesbischen Schulaufklrungsprojekten wie z.B. SchLAu wird hervorragende Arbeit geleistet. Aber diese Angebote werden von Schulen noch viel zu wenig wahrgenommen.

cw: Wie kam es dazu, dass Sie Ihren Debtroman Mein Onkel Hubert ber Kindesmissbrauch geschrieben haben?

Auf die Idee fr den Roman Mein Onkel Hubert bin ich durch eine Leseerfahrung gekommen. Ich habe Nabokovs Lolita gelesen und war beeindruckt, wie der Autor es schafft, den Leser ber so viele Seiten hinweg fr die Psyche eines wahnsinnigen Triebtters zu interessieren. Das ist schon eine faszinierende Leistung. Was in dem Kind Lolita vorgeht, wird kaum explizit erzhlt. Als Leser muss man sich durch die glitzernden Monologe des Ich-Erzhlers Humbert Humbert, der sich sein Wunschbild von Lolita zurechtphantasiert, hindurcharbeiten, um zu erahnen, wie Lolita das Ganze wohl erlebt. Das brachte mich auf die Idee, eine Geschichte aus der Perspektive eines zwlfjhrigen Mdchens zu schreiben. Diese Geschichte, die mit der Humbert Humberts nur sehr wenige Essentials gemeinsam hat, spielt 1960/61 in der Stadt Wiesbaden, die ich gut kenne, weil ich dort aufgewachsen bin. Es kam mir darauf an, die Nte des Erwachsenwerdens in genau dieser Zeit zu beschreiben, die von Engstirnigkeit, von Verschweigen und Tabuisierungen geprgt war. Das Mdchen Helmi wird als uneheliches Kind ausgegrenzt. Sie hat ein schwieriges Verhltnis zu ihrer Mutter. Ihre Sehnsucht nach einer vollstndigen Familie macht sie besonders anfllig fr die Annherungen von Hubert Fels, der ihre Zuneigung missbraucht. Das Buch erschien 2009, also bevor im Jahr darauf ber die vielen Flle sexueller Gewalt gegen Kinder (Odenwaldschule usw.) in den Medien berichtet und diskutiert wurde. Von diesem ffentlichen Interesse konnte ich nichts ahnen, als ich anfing das Buch zu schreiben.

Lest im zweiten Teil mehr ber Sabine Huttels Schreibmotivation und ihre Verlagsakquise.

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