Wer nicht lgen will, der knnte schlicht die Wahrheit sagen. So Carolin Emcke in ihrem neusten Buch Wie Wir begehren. Eine banale, logische Aussage, wenn man sie liest. Doch wenn man genauer hinschaut, dann wird klar, dass sie alles andere als banal ist, dass es nicht immer so einfach ist, die Wahrheit zu sagen, dass man die Konsequenzen des ehrlich seins betrachten muss Kurzum: dass Lgen manchmal besser ist, als die Wahrheit zu sagen. Die Komplexitt dieses einen Satzes ist stellvertretend fr die Vielschichtigkeit des 4. Werks Emckes. Auch dort wird der Leser mit einfach wirkenden Aussagen konfrontiert und dort zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen das wahre Spektrum an Bedeutungen, die dahinterstecken.

Carolin Emcke wirkt gefasst, als sie den Lesesaal des Literaturhauses in Kln betritt. Ruhig. Es geht in all ihren Bchern um Sprachlosigkeit, so Emcke. Die Verarbeitung ihrer eigenen Sprachlosigkeit, mit der sie sich als Journalistin in Krisengebieten konfrontiert sah. Aber auch mit der Verarbeitung der Sprachlosigkeit von Opfern, denen oft die Fhigkeit fehlt, selbst zu beschreiben, was ihnen passiert ist. In Wie wir begehren geht es um genau diese Thematik, um das Schweigen der Pubertt: Junge Menschen, die ihren Emotionen ausgeliefert sind, noch keine Begriffe haben fr das, was sie empfinden.

Individualitt im gesellschaftlichen Spannungsverhltnis

Es geht auch um das Verhltnis des Einzelnen zur Masse. Um die individuelle Problematik des Entdeckens des eigenen Begehrens, das oft im Spannungsverhltnis zur gesellschaftlichen Normen steht. Um die Diskriminierung von Lesben und Schwulen in der heutigen Gesellschaft. Das Entdecken der eigenen Homosexualitt. Die fehlende Zivilcourage unserer Gesellschaft. Das Verhltnis von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Kurz: Es geht um viel in Emckes 4. Werk. Teilweise um zu viel. Denn die vielschichtige, groe Bandbreite an Thematiken regt zwar einerseits zum Nachdenken an und unterscheidet das Buch von trivialer Unterhaltungslektre. Andererseits wirken die Zusammenhnge zwischen den Themen zum Teil erzwungen und undurchsichtig.

Whrend der Vorstellung ihres Buches wird deutlich, dass es sich aus vielen verschrnkten Geschichten zusammensetzt, die wie die musikalische Form der Fuge daherkommen. Sie stehen fr sich, sind aber doch auf eine Art alle miteinander verbunden. Die Hauptgeschichte handelt von einer Ich-Erzhlerin, die sich im Prozess des Erwachsenwerdens befindet und ihr eigenes, homosexuelles Begehren entdeckt. Andere Geschichten handeln von musikalischer Erziehung, von fremden Kulturen; es gibt auch eine Geschichte eines Jungen, die eigentlich nicht erzhlt wird, da es vielmehr um berlegungen geht, wie man diese Geschichte erzhlen knnte.

Sachlichkeit statt knisternder Erotik

Das Ganze htte ein analytischer Essay werden knnen denn genau so kommt es daher: analytisch. Das Begehren der Protagonisten wird auf wenig erotische Art und Weise dargestellt. Es geht viel mehr um die Reflektion des eigenen Begehrens als um das Begehren an sich. So liegt beim allerersten Kuss das Augenmerk weniger auf die knisternde Spannung, als viel mehr auf der nchterne Tatsache, dass sich zwei Speichelsorten unterschiedlichen Geschmacks miteinander vermischen. Und auch die erste Liebe wird eher als Beschluss und weniger als wirkliches Begehren dargestellt. Es ist jedoch kein analytischer Essay. Emcke erzhlt ihre eigenen Erfahrungen absichtlich in Form von Geschichten, da sich nach ihrer Aussage der Mensch in diesen Geschichten sieht. Er sei abhngig davon, bestimmte Erzhlungen zu kennen, um zu sehen, wie ein Leben sein kann. Quasi Geschichten als Instrument der Selbstfindung.

In diese analytische Erzhlweise tritt immer wieder der Versuch, selbstironisch zu sein. Die Kritik an der Gesellschaft und ihrer Stellung zur Homosexualitt wird durch rhetorisches, ironisches Hinterfragen ausgebt. Einerseits ist es genau das, was den Text kritisch werden lsst. Andererseits fhrt dies auch zu Missverstndnissen, denn teilweise wird diese Ironie vom Zuhrer und Leser unglcklicher Weise als Humor gedeutet - doch kann bei so ernsten Thematiken wie der Diskriminierung von Homosexuellen von Humor nicht die Rede sein.

Anregungen fr die eigenen Gedanken

Emcke selbst sieht ihre Geschichten als Erkenntnismomente. Sie lsst die Frage offen, wie der Prozess des Erwachsenwerdens konkret aussieht, wie wir jetzt eigentlich konkret begehren. Sie schildert viel mehr immer wieder Momente, die dazu beisteuern, ein bisschen erwachsener zu werden. Dabei stellt sie das Weibliche dem Mnnlichen klischeehaft gegenber. Whrend die Schilderungen der weiblichen Pubertt nchtern und distanziert wirken, verbindet sie mit dem mnnlichen Erwachsenwerden die Lust an der Qual, das Aufgeilen an der eigenen Macht, um die eigenen Unzulnglichkeiten der Pubertierenden zu berdecken.

Dabei schwanken die Reaktionen auf dieses Verhalten zwischen Amsement und Entsetzen, die Protagonisten sind hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Oppositionen. Dies ist eine Spiegelung ihrer eigenen Ansicht zum Thema Pubertt. Nach Emcke ist das Beunruhigende an ihr, dass man sich selbst uneindeutig fhlt. Gesellschaftliche Normen stehen der eigenen Vorstellung von dem, der man sein will, gegenber. Man fragt sich immer wieder, ob man in diese Normen hineinpassen will.

Emcke gibt dem Leser in Wie wir begehren Raum fr seine eigenen Gedanken in den Geschichten, regt zum nachdenken an und lsst einen seine eigenen Ansichten und sein eigenes Verhalten in Frage stellen.Und bei all den kritischen Themen, die sie im Buch behandelt, findet man auch noch eine kleine Geschichte des Glcks.

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