Die Kammerspiele als Wrmepilz im Februarbonn. Als Mittwochabendzuflucht von Menschen angestrebt, die schnell im Sitzpolster versinken. Da wo sonst Bhne ghnt ein leeres Loch, dessen Tiefe schwarz begrenzt wird. Einsam, wenn auch schwarz reckt sich ein mikrofonbewehrtes Stehpult. Links davon lungern zwei Sessel hinter einem Tisch. Atmosphre verbreitet eine Wasserkaraffe. "Das passte damals in die Zeit.", wispert es von hinten aus den Polstern. Andere Silben schieben einen Hauch Vergangenes darber: "Als wir jung waren, haben wir ihn gelesen." Klar und nchtern scheiden sich davon die Erwartungen an das Jetzt: "Er kommt ja nur, liest und geht wieder weg."

Walser kommt

19:30 Uhr: Walser kommt. Von rechts. Mit angewirrtem Haar und aufgebuschten Augenbrauen. Der leicht gebeugte Oberkrper schiebt sich voran. Die Fe folgen. Dahinter Intendant Klaus Weise und Moderator Manfred Osten. Vor dem Setzen blickt Walser kurz ins Publikum. Whrend das Sakko geschlossen bleibt, berschlagen sich die Beine. Wie der Intendant vor Freude. Walser verharrt vorgeneigt. Leicht sinkt der Kopf gen Brust.

So verklingt die Einfhrung. Nun soll Walser lesen. Ein suchender Blick vermisst das Pult. Etwas fehlt. "Und wo ist das Buch?" Eilfertig strmt der Intendant von der Bhne. Wo die Mutter wohl sonst dem Sohne helfen wrde, der jetzt entblttert steht. Blo Walser hinter dem Pult. "Auswendig kann ich es nicht." Aufgesttzt versinkt der Freiversuch im ersten Satz: "Es geht an: Es war ein Tag im Mai" Nachgeliefert wird Muttersohn, der Roman. Vom Intendanten, der die Schuldfrage mit sich selber verscherzt: "Ich wollte mir einen zweiten Auftritt verschaffen."

Walser liest

Jetzt aber Lesen. Ab und wann schreckt der Kopf hoch, um sofort wieder gen Buch zu tauchen. Kaum einen Blick versprhend. Das Evangelium nach Walser predigt die Pose. Die Rs rollen mit dem Text voran. Signalwrterchorle werden vorbei gelesen: erzfromm, Predigt, Wallfahrt, Ergriffensein. Offen ruht die Hand auf dem Pult, wenn dazwischen ein Satz schn wie ein Edelstein treibt. Im Zentrum steht Percy, zu dessen Zeugung kein Mann ntig gewesen sei. Alle Stimmen klingen als Walser, aber Namen skandieren die Redeteile und zeichnen die Entwicklung nach: Percy, Susie, Percy, Susie, Fred, Fred, Percy, Fred, Percy. Von ihnen stammen die Glaubensstze: "Glauben, das ist eine Gleichung, die nie aufgeht."

Erneutes Anschwellen der Chorle: Nazareth, Orgel, Wallfahrt, Kirchenraum, Pilgerweg. Schneller fliet die Sprache aus dem Mund. Walser nimmt Flow auf, wozu die Hand luftgleitet. Fast hat man Angst, dass er sich an der berbordend sprudelnden Sprache verschluckt. Wie Ebbe und Flut stockt und beschleunigt der Lesefluss. "Bist du gelegentlich geil?" Kam das gerade aus Walsers Mund? "Wichtig ist doch, wie etwas herauskommt, nicht wie es hineinkommt."

Der Hhepunkt nhert sich, an Ausrufen erkannt: Halleluja! "Er genoss die innige Inhaltslosigkeit." Amen. Und mehrmalig: Kyrie eleison! Selbstironisch treffend wirkt der Ausklang im Dialog von Pfarrer und Percy fort: "Ich werde nie mehr vor Menschen stehen und zu ihnen sprechen." - "Da bin ich gespannt." -. "Und ich erst."

Walser wird besprochen

Zersprochen werden muss nun das Gelesene, meint der Moderator, bundesverdienstbekreuzt. Vor lauter Wissen rutschen in seinen Satztrmen, die mal Fragen waren, Autor und Protagonist ineinander. Fast verzweifelt streicht da Walsers Hand durchs Gesicht. Gestikulierend versucht er zu trennen. Eher freundesgleich gestaltet sich seine Rede von Figuren. "Wennn die Figur mir diesen Satz bringt, dann freue ich mich. Endlich mal einer, der so etwas sagt." Mit tastendem Gleiten der Hand giet Walser die Formel: "Der Autor ist nie in denselben Frequenzen zu beerdigen, in denen die Figuren leben."

Gegen die Wucht von Wort und Wissen des Moderators stellt der Glaubensverfechter die Anerkennung: "Ich darf nix dagegen haben, dass Sie das so sagen." Oder gleich den Rckzug: "Das lassen wir lieber weg."

Pltzlich ein Zeichen. Winken im Publikum - weiblich. "Darf ich" Auf der Bhne walzt der Gesprchsversuch voran. Bis der Moderator doch dem Zeichen sein Ohr leiht. "Sie haben mich sehr beeindruckt, der Inhalt." Das Winken entpuppt sich als Psychoanalytikerin. Whrend Walser die Intervention kaum versteht, bersetzt Osten: "Zustimmend ist das." Weiter gehts. Kurz nach der Wortmeldung geht die Verursacherin.

Walser geht

Die Hand hebt sich zum Gru. Irgendwann geht auch Walser. Den Oberkrper leicht vornbergebeugt. Im Rhythmus der Schritte schwingt das Buch mit. Er hlt es fest in der Hand. Applaus. Ein kurzes Heben des Buches. Dann Abgang. Im Zuschauerraum wispern die Polster wieder. Sie: "Nee, nbisschen das mit den Nebenhhlen." - Er: "Wir nehmen Schler-Salze." Walser wirkt nach.



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