campus web-Bewertung: 3/5
   
In seinem bislang dritten Roman entfhrt Sergio lvarez die Leser in das Kolumbien der sechziger Jahre. Selbst in Kolumbiens Hauptstadt Bogot geboren, hat der Autor neun Jahre lang an 35 Tote gearbeitet und recherchiert. Dabei ist ein vielseitiges, detailliertes Buch entstanden, das sich am ehesten noch dem Genre "Abenteuerroman" zuordnen lsst.

Identitt: unbekannt

Von seiner Geburt an begleitet der Leser den namenlosen Hauptcharakter durch sein Leben. Er ist dabei, als die Mutter bei der Geburt stirbt und der Vater aus Perspektivlosigkeit Suizid begeht. Verfolgt jeden Schritt, als er adoptiert von seiner Tante in einer Marxistischen Kommune in Bogot aufwchst. Als diese sich auflst, rutscht er ab in die Kriminalitt. Drogendeals, berflle, Mdchen und Parties bestimmen fortan sein Leben. Doch auch dieser Abschnitt kommt irgendwann zu einem ungeplanten Ende.

Auf der Flucht findet er sich in den unterschiedlichsten Flecken Kolumbiens wieder, mit stets wechselnden Karrieren. Mal als Student der Philosophie, fr den das Studium eher Nebensache ist. Bald darauf als Soldat der Armee - Untersttzer der Regierung, die er als Mitglied der Marxistischen Kommune noch strzen wollte. Den Gehorsam verweigernd landet er schlielich als Yogi in einem hinduistischen Ashram. Wird Puppenspieler, bereist das Land und tritt den Paramilitrs bei.

Angesichts so vieler Vernderungen fhlt man sich an Forrest Gump erinnert. Nur verluft der Werdegang um einiges tragischer. Die zahlreichen Wendungen im Leben des Hauptcharakters haben nicht zuletzt hufig mit der Frauenwelt zu tun. Nach der einen "Jenny" suchend, scheitert der Protagonist letztlich doch immer. Untersttzt durch den mchtigen Faktor Zufall, der ihn immer wieder urpltzlich vor Entscheidungen stellt, die alles erneut auf den Kopf stellen. So beschreibt lvarez am Ende einen Mann, der mittellos und allein im spanischen Exil lebt - an Neujahr.

Wer ist "ich"? Und wenn ja, wie viele?

lvarez verwendet kontinuierlich die Ich-Perspektive. Allerdings schildert er Ereignisse nicht nur aus der Sicht des Hauptcharakters, sondern fgt zwischendurch zahlreiche kleinere Geschichten und Episoden ein, mit wechselnden Protagonisten. Stilistisch innovativ, aber vor allem anfangs sehr gewhnungsbedrftig. Oft stellt man so erst spt fest, um wen es gerade berhaupt geht. Ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, der gerade berichtet. So erfhrt der Leser vom Alltag zweier Taschendiebe, die aber gleichzeitig groe Fuballfans sind. Aber auch von zwei lang getrennten Schwestern, die sich gegenseitig tolle Karrieren vorlgen und tatschlich beide in die Prostitution abrutschten. Gerade diese kurzen Schilderungen lassen den Leser erst richtig eintauchen in die "kolumbianische Welt".

Sex, Drugs and Crime

Etwas schade ist es, dass den vielen Liebschaften, Drogenexzessen und Verbrechen der Hauptfigur so viel Raum gelassen wird. Sicher schildert Sergio lvarez damit Tatsachen, die auch heute hufig vorkommen. Kolumbien ist nach wie vor von Brgerkrieg, Kriminalitt und Drogen geprgt. Allerdings ist die gefhlt zwanzigste Liebschaft des "Romanhelden" nichts mehr wirklich Neues. Dadurch kommt es etappenweise zu deutlichen Ermdungserscheinungen beim Lesen. Unterm Strich ist 35 Tote trotz vieler humorvoller, frhlicher Szenen ein eher dsterer, aber eben knallhart realistischer Roman.

Sergio lvarez 35 Tote

Verlag: Suhrkamp
Erschienen: 14. Mrz 2011
Genre: Kolumbienroman
ISBN: 978-3518462508
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 546
Preis: 14,95 Euro
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