Campus Web-Bewertung: 4/5
   
Die Digitalisierung bewirkt groe Vernderungen. Massenmedien werden berflssig, wenn die Masse Medien macht. Die Autoren des unterhaltsamen Buchs Digital ist besser prognostizieren, dass die Medien, so wie wir sie kennen, eines Tages nahezu vollstndig im Internet aufgehen. Die Brder Kai-Hinrich und Tim Renner wollen ihren Lesern keine Angst machen. Sie beschreiben jedoch anschaulich, wie das Internet Politikern, Boulevardzeitungen und Grofeuilletonisten ihre Deutungshoheit nimmt.
Das Netz beherbergt unter Anderem eine groe Suchmaschine (Google), ein groes Aktionshaus (Ebay), ein groes Lexikon (Wikipedia) und ein groes soziales Netzwerk (Facebook). Diese Unternehmen sind nicht konkurrenzlos und es ist fraglich, ob sie ihre marktbeherrschenden Stellungen dauerhaft behaupten knnen. Jhrlich werden hunderte Millionen Euro in das Netz gesteckt, um durch Verbesserungen und Erneuerung den Status quo zu erhalten. Im Gegensatz zu den etablierten Massenmedien, gibt das Internet seinen Nutzern auch die Mglichkeit, sich vor einer groen ffentlichkeit zu uern. Digital ist besser will eine optimistische Gegenantwort auf das kulturkritische Buch Payback (2009) des FAZ-Feuilletonchefs Frank Schirrmacher formulieren. Das leicht verstndliche und autobiographisch eingefrbte Buch ist chronologisch in drei Hauptteile und dreiunddreiig Kapitel untergliedert. Es beschreibt, wie das Netz alle bereits existierenden Medien inkorporiert.

Fehlende Verdienstmglichkeiten im Online-Journalismus und Internetpiraterie

Die Autoren begren Freiheit und Teilhabe als Grundbedingung der deutschen Demokratie. Trotzdem haben beide ein ambivalentes Verhltnis zu den scheinbar unbegrenzten Mglichkeiten des Internet. Der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner wei, dass sich mit Online-Journalismus bekanntlich kaum Geld verdienen lsst. Verlage stellen seit Mitte der 90er Jahre ihre Inhalte kostenlos ins Netz, ohne dafr ein funktionierendes Geschftsmodell zu haben. Der Autor fr das Hamburger Abendblatt sieht eine Strukturkrise der Zeitungsbranche auch darin begrndet, dass sich das Mediengeschft zunehmend online abspielt. Journalisten nehmen als Leidtragende Gehalts- und Honorareinbuen hin.
Tim Renner verlor hingegen durch Internetpiraterie seinen Job als Vorstandsvorsitzender der Universal Music Group Deutschland. Die einstmals illegale Musiktauschbrse Napster ermglichte seit 1998 im Internet den freien Austausch von Musik. Dies bedeutete einen groen Einnahmeverlust fr die Musikindustrie. Der Branchenumsatz halbierte sich.

Das Versumnis, attraktive legale Download-Modelle zu entwickeln.

In den USA liegt der Marktanteil legal heruntergeladener Musik bei etwa 30 Prozent. In Deutschland waren es 2009 12,5 Prozent. Die Zahl der illegalen Downloads ist in Deutschland prozentual deutlich hher, wie die Gesellschaft fr Konsumforschung in einer Studie auswies. Auch der Umsatz von DVDs wird sich bis 2013 weltweit halbieren, so das Marktforschungsinstitut Strategy Analytics. Die meisten Filme werden oft schon vor der Premiere als Raubkopien vertrieben. Der Verlust kann nach Ansicht des Instituts nicht durch steigende Umstze von Blu-rays ausgeglichen werden. Trotzdem wnschen Kai-Hinrich und Tim Renner sich die Zukunft der Medienwelt auf Werten beruhend.

Legale Downloads knnen auch im kologischen Sinne einen Fortschritt bedeuten. Tim Renner meint so: Im Gegensatz zum physischen Produkt fallen beim Download weder Herstellung noch Lagerhaltung, Transport und gegebenenfalls Rcktransport sowie Vernichtung an. Tim Renner, Professor an der Popakademie Baden-Wrttemberg, uert sich kritisch zum Einsatz von Kopierschutz. Denn kopiergeschtzte Medien sind in bestimmten Gerten nicht mehr abspielbar. Durch den Kopierschutz wird Konsumenten von vorneherein eine betrgerische Absicht unterstellt. Er ist auch keine Hrde fr Hacker, was Wettbewerbe wie Hack SDMI beweisen. Auch Handy-Konzertmitschnitte werden zunehmend illegal in das Internet gestellt. Sie knnten neue Chancen erffnen, die Zivilbevlkerung als Medienproduzenten zu nutzen. Eine Zukunft der Musikindustrie sieht Tim Renner in Streaming-Diensten wie Spotify, die das Zugriffsrecht auf Internetdatenbanken verwalten und die bereits gehrte Songs im Cache des Nutzers ablegen. In Deutschland stehen in dieser Hinsicht noch Einigungen ber die Vergtung mit der GEMA aus.
Kai-Hinrich Renner/ Tim Renner Digital ist besser

Verlag: Campus Verlag
Genre: Marktforschung, Digitale Medien
Erschienen: Mrz 2011
ISBN: 9783940426529
Bindung: Gebunden
Seiten: 246
Preis: 22,00
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Das Buch ist lngst nicht mehr zeitgem, es ist aber der letzte groe Fetisch des Bildungsbrgertums.

Der Online-Shop libreka, gegrndet vom Brsenverein fr den Deutschen Buchhandel, hlt etwa 25.000 Bcher zum Download bereit. Google hat bereits ber sieben Millionen Titel digitalisiert. Eine langfristige Zukunft des Buches liegt im eBook. ber ihr hier besprochenes Werk meint Kai-Hinrich Renner so lakonisch: Dieses Buch hier hat in seiner physischen Form einen PCF von wahrscheinlich 4,02 Kilogramm CO2 [], es ist etwa doppelt so dick wie ein iPad und hat annhernd dasselbe Gewicht. In der Nachnutzung hat es wenigstens einen theoretischen Brennwert, aber zuvor wird es kaum mehr als einmal gelesen werden. Verglichen mit Zeitungen und Zeitschriften ist das sogar ein traumhafter Nutzungswert.
Besonders kurzlebig sind demnach Zeitungs-Printprodukte. Kai-Hinrich Renner kritisiert, dass die Zeitungsverlage auf bezahlte Inhalte im Internet verzichten. Sie begrnden es damit, dass es im Internet weder Druck noch Vertrieb gibt. Ein Online-Abrechnungssystem fr Kleinstbetrge, um im Internet einzelne Artikel zum Verkauf anzubieten, existiert leider nicht. Die Verlage haben sich nicht darum bemht, ein solches System zu entwickeln. Anbieter wie Google haben mittlerweile jedoch erkannt, dass die Mglichkeiten von Werbeflchen im Netz vergleichsweise gro sind. Auch lukrative Rubrikanzeigen werden zunehmend weniger in Zeitungen als auf kostengnstigeren Online-Brsen inseriert. Wer heute sein Auto verkaufen will, eine Wohnung, einen Job oder einen Partner sucht, inseriert zunehmend eher in Online-Brsen.

Qualittsjournalismus in der Blogosphre

Digitale Informationen sind schwer zu schtzen, aber leicht zu kopieren. Die WikiLeaks-Verffentlichungen waren keine Ergebnisse invesigativer Recherchen, betont Kai-Hinrich Renner im Kapitel Das Ende des Herrschaftswissens. Das Online-Portal WikiLeaks machte Schlagzeilen, die von etablierten Zeitungen aufgegriffen werden. Der Medienjournalist Kai-Hinrich Renner sieht die hierarchischen Abstufungen zwischen sogenannten Edelfedern und Online-Journalisten im Wandel begriffen: Allen Krnkungen zum Trotz: Das Verhltnis zwischen etablierten Medien und Netzgemeinde hat sich seit der Verffentlichung der amerikanischen Botschaftsdepeschen zum Positiven gewandelt. [] Damit diese Entwicklung nachhaltig ist, mssen sich Journalisten von dem Irrglauben verabschieden, dass Online-Publikationen, die nicht von etablierten Medien verantwortet werden, per se minderwertig sind.

Wer verstanden werden will, muss erklren, wer er ist.

Ein Multimedia-Angebot mit Bewegtinhalten wird zuknftig die digitalen Medien dominieren, meinen die Autoren schlussendlich. So wird das Internet als Konvergenzmedium auch Geschftsfelder zusammenfhren, die bisher nicht zusammengehrten. Foren geben den Stummen eine Stimme und Communities Schicksalen ein Gesicht. Die komplette Ersetzung der etablierten Medien durch das Internet wird jedoch noch mindestens 40 Jahre dauern, prognostizieren die Brder Renner. Die Renners erwhnen auch die Piratenpartei, die wegen ihres Einsatzes fr die Brgerrechte im Internet erste Wahlerfolge verbuchen kann. Mit keinem Wort erwhnt wird jedoch die 2010 im Bundestag gegrndete Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, die aktuell Einigungen unter anderem in punkto Netzneutralitt vorantreibt. Auch die Neubearbeitung der EU-Datenschutzrichtlinien und die einhergehende Vollharmonisierung des europaweiten Internet-Datenschutzes werden nur in Anstzen drftig diskutiert.

Der Band bietet jedoch einen unterhaltsamen, berzeugenden, manchmal leider etwas zu besserwisserischen berblick ber die digitale Entwicklung der Medien seit den 70ern. Bereichert wird Digital ist besser durch ein Register und eine bersichtliche Gliederung in Kapitel, welche die Krzel des jeweiligen Autors tragen. Sehr angenehm ist auch, dass die theorielastigen Essays meist mit persnlichen Anekdoten aus dem familiren Privatleben der Autoren eingefrbt sind. Insgesamt ist das nach einem Musikalbum der deutschen Band Tocotronic betitelte Buch also sehr lesenswert.

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