campus web-Bewertung: 3,5/5
   
Der berhmteste Detektiv aller Zeiten ist zurck. Erneut fhrt der getreue Biograph Dr. John H. Watson den Leser in die Baker Street 221b, in das kontrollierte Chaos jener Rumlichkeiten, aus denen manchmal tief in der Nacht die Klnge einer Stradivari ertnen: Das Heim von Sherlock Holmes. Dieser will in Das Geheimnis des weien Bandes ursprnglich nur einem Galeristen helfen, der sich bedroht fhlt. Eigentlich ein einfacher Fall, kaum der Rede wert. Doch dann wird ein Straenjunge brutal ermordet, Geheimnis um Geheimnis offenbart sich und Holmes sieht sich einer gigantischen Verschwrung gegenber, die selbst einen Mann mit seinem Genie in Bedrngnis zu bringen scheint...

Der neue Holmes mit Erbenprdikat

Schon verschiedentlich haben sich Autoren an den Holmes-Stoff herangewagt und neue Geschichten um den brillanten Analytiker verfasst, darunter Arthur Conan Doyles Sohn Adrian. Doch erst Das Geheimnis des weien Bandes haben die Erben nach Angaben des Insel-Verlags offiziell anerkannt und in den Werkkanon aufgenommen. Gelungen ist dieser Geniestreich Anthony Horowitz, der bislang vor allem mit Jugendromanen ber den 14-jhrigen Geheimagenten Alex Rider Beachtung gefunden hat. Von Rider zu Holmes das ist wie der Wechsel von Cola zu zwlf Jahre altem Whisky. Oder von Plastikgeige zu Stradivari.

Aber: Horowitz macht seine Sache gut. Stellenweise sogar sehr gut. Sein Dr. Watson, der wie schon bei nahezu allen echten Holmes-Romanen als Erzhler fungiert, berzeugt insbesondere in den beschreibenden Passagen, in denen zugleich dem Straenkinder-Millieu sei dank etwas von Charles Dickens anklingt. Horowitz erzeugt dabei eine derart dichte Atmosphre, verleiht Watson einen derart eleganten und dem Doyleschen Original hnlichen Stil, dass man sich dem Roman nur mit Mhe entziehen kann. Doch dann folgen einige Dialoge und der Bann bricht. Sobald die Charaktere, allen voran Holmes, zu sprechen ansetzen, fehlt es an berzeugungskraft.

Sherlock klingt wie Alex Rider

Manchmal klingt gar Alex Rider durch. Dabei sind es oft nur Kleinigkeiten, leichte Misstne in dem viktorianischen Opus: Ein paar fehlende Akzente hier, ein paar zu banale Formulierungen da. Besonders Holmes bleibt zu distanziert, zu knstlich, zu eindimensional, trotz aller Bemhungen Horowitz, dem Meisterdetektiv emotionalen Tiefgang zu geben.

Anthony Horowitz - Das Geheimnis des weien Bandes

Verlag: Insel
Erschienen: 12. Dezember 2011
Genre: Krimi
ISBN: 978-3-458-17543-8
Bindung: Gebunden
Seiten: 350
Preis: 19,95 Euro
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Knstlich erscheint stellenweise auch die Handlung, in deren Verlauf Horowitz tief in die Klischeekiste greift. Bser Mann mit bler Narbe? Check. Zwielichtiger Adeliger? Check. bereifriger, arroganter Polizist? Check. Irische Verbrecherbande, schleimiger Pastor, verrckte Alte? Check, Check, Check. Es ist fast ein bisschen zu viel des Guten. Glcklicherweise hlt Horowitz sich im Zaum und stoppt jedes Mal, bevor der Roman ins Lcherliche kippen knnte. Nur am Schluss gehen die Pferde mit ihm durch: ein Verfolgungsrennen zweier Kutschen und die finale Auflsung der Rahmenhandlung sind doch eher von der Dramaturgie des frhen 21. als von der des spten 19. Jahrhunderts geprgt.

Dennoch: Trotz einiger kleiner Schwchen ist Das Geheimnis des weien Bandes ein faszinierender Roman, der in weiten Teilen Sherlock Holmes zur Ehre gereicht. Und selbst wenn Horowitz' Meisterdetektiv nicht ganz an das Original heranreicht, seine Qualitt nicht ganz der einer Stradivari gleicht, so ist er doch eine gute Kopie. Die schlielich auch begeistern kann.


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