Schwarz, rot, schwarz, rot. Bei der 39. Lesenacht fand sich oberbekleidungstechnisch eine groe Koalition auf der Bhne des Pantheons ein. Kaum verwunderlich, hatte doch der PARTEI-Vorsitzende Martin Sonneborn aus Krankheitsgrnden abgesagt. Doch mit Stromberg-Vater und Comedy-Autor Ralf Husmann, sowie dem Ex-Titanic-Chef Thomas Gsella besorgte die Redaktion doppelten Ersatz. So galt das Motto: Full House im Publikum, aber ein Royal Flush auf der Bhne.

Sich den nachdenklicheren Tnen zu widmen, lautete der Vorsatz von Gastgeber Horst Evers. Doch bei der zu Papier gebrachten Anklage frhmorgendlichen Tutens, die zu einer verzweifelten Suche nach der lautabsondernden Quelle in einer Wohnung voller potentieller Tuter fhrt, amsiert sich das Publikum kstlich. Dafr deckt der Berliner Autor spter mit allzeit sachlicher Stimme die Strategien der Marmeladenmafia auf, deren Versprechen, dass das Rezept der Ingwer-Rosenbeet-Marmelade Gromutters Zeiten entstamme, auf den ersten Blick so glaubwrdig erscheint, wie Werbung fr Webdesign seit 1885. Aber halt: Gromutters Zeiten sind immer, denn es gibt immer Gromtter. Insofern lgt die Marmelade nicht.

Kein Arschtritt fr Astrid

Wo kommen eigentlich die kleinen Dichter her? Dieser Frage verschreibt sich Philipp Scharri und legt in bester Slam-Manier gestenreich und mit variierend modulierter Stimme die Entwicklung dar, welche in einer Katastrophe endet: Der Konfrontation mit einem kahlen Mnnlein, das poltert und qukt und auf der Blechtrommel den Ranitzkimarsch schlgt. Scharris Auftritt hat nur einen Fehler: Er trgt den Text auswendig vor. Und das bei den Vorlesern. Gottseidank korrigiert er dies mit dem zweiten Text, ber den Tag, an dem die schwbelnde Astrid keinen Arschtritt bekam, weil Klein-Scharri den fetten Kindergartendiktator mit gewrztem kospielzeug re-terrorisiert.

Je bekannter die Gste, desto bekannter die Texte. Diese Formel besttigt sich beim Gromeister der Kolumne, Harald Martenstein. Und das liegt nicht daran, dass er im Sitzen liest. Vielmehr entpuppt sich sein mit tonaler Tiefenwirkung in der Stimme vorgetragenes Outing als kreativer Antifaschist fr das Ohr des fleiigen Zeit-Lesers als dort vor Jahr und Tag abgedruckte Kolumne. Was den Hrgenuss aber nicht schmlert. Mit Martenstein ist es wie mit der Bibel: Gute Texte kann man immer wieder hren. Und wer sonst knnte die vom Wahl-o-mat empirisch gesttzte Formel "FDP minus Steuerhhung gleich Tierschutzpartei" prgen? Martenstein ist ein Mann, der etwas bewegt. Deshalb wurde auch das Objekt "Travel Pussy", eine Nachbildung der weiblichen Intimzone, die er auf einer Autobahnraststtte fr drei und bei Amazon fr vier Euro entdeckte, nach Erscheinen der Kolumne bei Amazon reduziert. "Das ist nicht das, was ich als Journalist mal wollte", so der Zeit-Autor und liest den Text trotzdem.

Das Ziel des Schreiberlings: Intimzonennachbildungsrabatt

Brille, Bart, lange Haare. Man knnte denken, Christian Bartel ist Martensteins unehelicher Sohn. Zivildienstroman heit sein Werk, das nach Abschaffung desselbigen zum historischen Roman mutierte. Slamgesthlt ist Bartels Vortrag, aber inhaltlich ist die Rollstuhlfahrerselbsterfahrung eher ausbaufhig. Zumindest den Mienen der Mitvorleser nach zu urteilen.

Zum zweiten Teil kommen zur groen Oberbekleidungskoalition die Farben blau und beige dazu. Denn statt Scharri und Bartel nehmen Husmann und Gsella auf der Bhne Platz. Ersterer hatte eh nix zu tun und berichtet deshalb ausdrucksstark von seinen Erfahrungen mit Frauenabenden, Prchenabenden und Prchenurlaub. Seit Mario Barth wissen wir: Frauenbeschimpfungstiraden kommen immer gut. Es ist einfach logisch zu bestechend, wenn Husmann die mnnliche Kritikunfhigkeit historisiert: ""Du kannst nicht malen, Adolf!" fhrte direkt zum 2. Weltkrieg."

Im Beschimpfen ist auch Gsella gut. Erst nimmt er sich Berufe wie Lehrer, Hausfrau und islamistischer Selbstmordattentter vor, dann mssen Stdte dran glauben. "Bald war vollbracht, was Ekel, Wut und Zorn erdacht", dichtet er ber die Grndung Bielefeld. Auf dem Hhepunkt geielt Gsella die Kanzlerin als "Schlampe". Weil: Bei der Titanic sagt man das so.

Womit die politische Korrektheit, die anfangs zumindest farbentechnisch auf der Bhne sa, endgltig begraben ward. Auch ohne Martin Sonneborn. Aber lustig war es trotzdem. Zumindest wenn man nicht wie Eckart von Hirschhausen im Publikum mehr Zeit dem Handy als der Bhne gewidmet hat.

WDR5-Hrfunk hat den Abend aufgezeichnet. Gesendet werden die Vorleser in der Reihe Streng ffentlich am Samstag, den 2. Oktober, um 20:05 Uhr. Alle Infos gibt es unter www.wdr5.de


Artikel drucken