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Ihre erste Essaysammlung nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises 2009 verrt viel ber Herta Mllers Hintergrnde und Herangehensweise an Literatur. In Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel verffentlicht die 1953 in Rumnien geborene Mller siebzehn ausgewhlte Vortrge, Reden und Zeitungsartikel aus den Jahren 1995 bis 2011. Wie die meisten ihrer Romane behandeln Mllers Essays ihre Erfahrungen in der rumnischen Diktatur bis hin zu ihrer Ausreise 1987. In den Schriften steht zugleich auch der ihr eigene poetische Sprachbezug und ihr Zugang zu den Werken anderer Autoren oder Knstler im Vordergrund.

Poetische Sprachspiele

Wie viele andere Schriftsteller betrachtet Mller den Beweggrund fr ihre Werkschpfungen als berwiegend autobiographisch: Literatur ist ein fades Wort. Der Literatur bin ich keinen Satz schuldig, sondern dem Erlebten. Mir selber und mir allein, weil ich das, was mich umgibt, sagen knnen will. Trotzdem warnt sie an einer anderen Stelle des Buches den Leser davor, ihre Prosa einseitig autobiographisch zu deuten: Erlebtes verschwindet in der Zeit und taucht wieder auf in der Literatur. Aber nie habe ich eins zu eins ber Erlebtes geschrieben, sondern nur auf Umwegen. Dabei hab ich immer prfen mssen, ob das unwirklich Erfundene sich das wirklich Geschehene vorstellen kann.

Ihren schpferischen Hang zu poetischen Sprachspielen veranschaulicht sie an Beispielen u. a. aus ihrer Kindheit, wenn sie ungewhnliche Vergleiche zieht. So schreibt sie ber den Weihnachtsbaum ihrer Kindheit: Als ein Kind, das Hhner schlachten musste, fielen mir zu Weihnachten, wenn ich die Glitzerschnre ber den Tannensten sah, die glnzenden Gedrme im aufgeschnittenen Hhnerbauch ein.
Die meisten Essays in Mllers Sammelband sind voraussetzungsreich. Die studierte Germanistin und Rumnistin beschreibt ihre eigenen Annherungen an das Werk anderer zeitgenssischer Autoren. Dies erschwert einem manchmal den Zugang und lsst das Buch stellenweise wie ein Forschungswerk fr Literaturwissenschaftler erscheinen.

Herumvagabundieren mit Augenhunger und dem Krieg im Kopf

An den Gedichten des sterreichers Theodor Kramer (1897-1958) lobt Mller die konventionelle Ruheform der Strophen, hinter welcher sich der eigentlich traurige Inhalt verberge. In seinen Gedichten behandelt der jdische Lyriker die eigene Angst und seine Emigration in der Zeit des Dritten Reiches. Die melodische Rhythmik seiner Gedichte beschwrt eine Selbstverstndlichkeit, die seiner Zeit genommen wurde. Mller habe seine Lyrik schon in der Jugend geholfen, sich u. a. von ihrem Vater gedanklich abzugrenzen. Wenn ihr Vater, ein ehemaliger SS-Soldat, manchmal in alkoholisierten Rckfllen Nazilieder grlte, fhlte sie sich eher der Trauer der Gedichte Kramers verbunden.

Im Werk des Schriftstellers Jrgen Fuchs (1950-1999) stellt Mller eine Nhe zum Nicht-Gesagten heraus, die beinahe dokumentarisch eine Realittstreue durchhalten wrde: Wenn Jrgen Fuchs erzhlt, wird das Banale erregbar. Jede Winzigkeit kriegt ihren eigenen, antastbaren Nerv. Bei M. Blecher (1909-1938) betrachtet es Mller als radikal, dass Gegenstnde auf ungewhnliche Weise erotisiert wahrgenommen werden und dadurch auch im Verstndnis des Lesers eine neue Bedeutung gewinnen.

'Masse' und 'Macht' - Aber falsch rum war es richtig.

Die Autorin beschreibt ihre Wertschtzung, indem sie den eigenen Zugang u. a. durch das Zitieren von Beispielpassagen belegt. Dies macht neugierig und erffnet zugleich Leerstellen. Leider finden sich im Textanhang keine ergnzenden Angaben zu besprochenen Autoren. Doch es sind nicht nur sogenannte 'vergessene' Autoren, deren Werke Mller in ihren Reden 'ausgrbt'. Sie erffnet auch neue Zugangsweisen zu kanonisierteren Werken. So betrachtet sie Heines Lied von der Loreley (1824) als Klagelied ber die Fluchttoten in der Donau. Das blitzende Geschmeide der Jungfrau deutet sie als die Verlockung zur Flucht: Die Loreley ist auf Rumnisch ein randloser anonymer Friedhof. Bis heute gibt es keine Statistik ber die Zahl der Fluchttoten, nicht einmal eine Diskussion ber dieses Thema.
Herta Mller - Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel

Verlag: Hanser
Genre: Zeitgeschichte
Erschienen: Mrz 2011
ISBN: 9783446235649
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 255
Preis: 19,95
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Fehlende Freiheiten in der rumnischen Diktatur und besonders den sozialen Druck aufgrund des Geheimdienstes nahm Mller als ungeheuerliche Entmachtung der eigenen Selbstbestimmtheit wahr. Es fiel ihr enorm schwer, sich anzupassen: Auf allen meinen Entlassungspapieren als Lehrerin stand das Wort Individualismus. Ich wollte im Singular leben, aber im Sozialismus herrscht der Plural. So war es ihr ein Bedrfnis, durch die Lektre von Elias Canettis Werk Masse und Macht (1960) ihr Wissen ber das Zusammenspiel der beiden titelgebenden Konstrukte zu schulen. Es erstaunte sie selber, dass sie das Werk nur lesen konnte, wenn sie im Kopf bei Textpassagen, in denen die sozialen Kategorien Macht und Masse auftauchten, die Worte vertauschte: Ich wei noch genau: Richtig herum war alles falsch, was er sagte. [...] Canettis Vorstellung von der Masse wurde bei mir immer zur Beschreibung der Macht[.] Ihr 'Vernderungslesen' begrndet Mller damit, dass sie das Gelesene stets an den eigenen Diktaturerfahrungen berprfen musste. Canetti, Literaturnobelpreistrger des Jahres 1981, schrieb sein Werk in den Unruhen nach dem ersten Weltkrieg, wo sich aus der Masse heraus die Macht neu formieren musste. Im Rumnien der Prosa Mllers besteht eine gefestigte Diktatur, die selber Macht auf die Menschenmasse ausbt. Whrend sich bei Canetti Energien der Masse formieren, wirkt bei Mller die Erfahrung der Diktatur als Energie auf die Masse ein.

Jede Angst, die man denkt, macht unterlegen.

In ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises und in vielen anderen Reden spricht Mller ber ihre Freundschaft zu Oskar Pastior und ber seine experimentelle Lyrik. Der einzige bisher unverffentlichte Text des Essaybandes, Aber immer geschwiegen, ist eine Stellungnahme Mllers zu der Spitzelttigkeit des verstorbenen Lyrikers. Nachdem er zuvor selbst vier Jahre berwacht wurde, war Pastior unter dem Decknamen Otto Stein IM der Securitate. In ihrem erfolgreichsten Roman Atemschaukel (2009) beschrieb Mller nach ausfhrlichen Gesprchen mit Pastior meisterhaft das Erwachsenwerden eines Zwangsarbeiters nach dem Vorbild seiner Erfahrungen. Pastior wurde 1945 17jhrig in die Sowjetunion deportiert und dort fr fnf Jahre in Arbeitslagern als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Mller erzhlt in Aber immer geschwiegen von ihrem Grusel ob der Einzelheiten der Geheimdienstakten Pastiors, die September 2010 publik wurden. Dann legt sie jedoch nahe, dass Pastiors 'Tterakte' zum groen Teil eine 'Opferakte' sei, da in den 50er und 60er Jahren tausende Spitzel unter Haftandrohung zur Mitarbeit bei der Securitate erpresst wurden. Sie meint vershnlich, dass Pastior mit ihr vielleicht eines Tages ber den IM Stein Otto geredet htte, wenn er nicht 2006 unerwartet gestorben wre. Mller beschreibt in zrtlichen Worten ihre gedankliche Nhe zu Pastiors experimenteller Lyrik. Sie uert auch ihr Unverstndnis hinsichtlich einiger Germanisten, die meinen, Pastior verweigere durch seine Texte eine Kommunikation. Seine Worte haben ihr stets einen regen gedanklichen Austausch ermglicht.

Einblicke in Herta Mllers Schreibprozesse

Der Essayband Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel gibt dem Leser interessante Einblicke in das Leben Mllers, ihre schriftstellerische Arbeit und in ihre ethische Positionierung. Leicht verstndlich wird aufgezeigt, wo Mller in schriftstellerischen Arbeiten fr sich Werte findet. Auch lsst sich eine gedankliche Nhe zu den Werken anderer Autoren verorten, wenn Mller eine experimentelle Stilistik bei anderen Autoren wertschtzend beschreibt. Oft ist der Blickwinkel, den Mller auf die Werke anderer Autoren wirft, ungewhnlich und er wird von persnlichen Erfahrungen gerahmt. Die Skizzierung des Werkes eines anderen Autors wird von einer persnlichen Anekdote oder einer Geschichte aus der eigenen Vergangenheit begleitet. Die gesammelten Reden und Essays Mllers knnen gedankliche Anregungen geben und verschaffen dem Leser einen Eindruck von der ethischen Grundhaltung Mllers.

Einige der Essays hrte ich bei Vorlesungen vor der Verffentlichung des Sammelbandes. So las Mller Dezember 2010 im Stuttgarter Literaturhaus aus ihrem Essay Welt, Welt, Schwester Welt ber die rumnische Sngerin Maria Tnase. Charlotte Roche las hingegen im Mrz 2011 im Rahmen der Amnesty International Jubilumsgala in Kln aus Mllers Essay Cristina und ihre Attrappe. Schon damals hinterlieen die Essays in ihrer anspielungsreichen Vielschichtigkeit bleibende Eindrcke, auch weil sie stets das Gesprch mit dem Leser suchen: Im Schreiben kann man weder leben noch reden. Schreiben ist nur die Pantomime von beiden. Aber wenn der Satz fertig auf dem Papier steht, ist er tot. Er wird erst wieder zu den beiden Gesprchen, wenn er gelesen wird.

Eine Rezension zu Herta Mllers Roman Der Fuchs war damals schon der Jger findet ihr hier.

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