Campus Web-Bewertung: 4,5/5
   
ber Volksdorf geht die Sonne unter. "Es schnurren die Rollden wie Katzen, ein behagliches Summen der Elektromotoren." Am Anfang von Tina Uebels Roman steht die Abschottung von der Umwelt. Das Haus schliet seine Augen. Zu Recht: Last Exit Volksdorf ist ungehobelt, ber-mig und zu nah an der Realitt. Last Exit Volksdorf ist der Gesellschaftsroman unserer Zeit.

Auf dem Roman steht nicht nur ein Hamburger Stadtteil drauf, sondern der ist auch drin samt dort lebender Personen. Was bei denen gar nicht gut ankam. Vorurteile bleiben da nicht aus: Seit Thomas Mann ist es guter Stil ein bisschen Realbotox zu spritzen. Ein Gift, das Unzulnglichkeiten kaschiert.

Volksdorfer Nchte sind herrlich, Volksdorfer Nchte...

Um Fassaden geht es auch in Last Exit Volksdorf. Volksdorf ist kein Dorf, sondern ein Vorort. Horst nicht der Protagonist, sondern ein Wald. Sowieso ist nichts wie es scheint: Der Himmel der Bionade-Biedermeier entpuppt sich als Spieerhlle. Darin brodeln AIDS, Demenz, Pdophilie, Mobbing, Drogen und mehr. Fehlenden Inhalt braucht das Realittsbotox nicht zu verdecken: Das Spektrum angerissener Themen reicht fr ein Lebenswerk. Tina Uebel aber spritzt dem Leser alle Probleme mit einem Schuss. Last Exit Volksdorf ist Rentnerroman, Midlife-Crisis-Roman, Krimi und mehrere Sorten an Jugendroman auf einmal. Statt acht Romane gibt es acht Erzhlstrnge verteilt auf verschiedene Personen dreier Generationen. Eine berdosis beim Leser nimmt die Autorin billigend in Kauf.

Zwangslufig verliert man irgendwann den berblick. Gerade die mnnlichen Personen zu unterscheiden fllt schwer: Christian Jensen oder Michael Lindner Wer ist jetzt noch mal der selbstverliebte Pdophile und wer der Sportlehrer? Einen berkommt das Gefhl, dass man nie wieder aus diesem Buch herausfindet. Aber der Leser hat immer zwei Mglichkeiten: zuschlagen oder weiterkmpfen. Denn Volksdorf ist so viel und eigentlich doch so wenig. Letztlich geht es nur um die ffnung und Schlieung einer Bar. Einem Rattenfnger, der in Pulverform erst Freiheit und einigen Spa, dann den Tod verheit.

Volksdorf sehen und ...?

Die geschlossenen Rollden bieten keinen Schutz, sondern hindern die Protagonisten am Verlassen. Denn sie suchen dasselbe wie der Leser: Auswege. Egal ob mit dem Auto, Medikamenten oder weiem Flohpulver. Letztlich aber gibt es kein Entkommen. Aus der Fliegenfalle Volksdorf fhrt nur ein Weg: Liegend. Mit den Fen voran. Immerhin einen Vorteil haben die Scheinfluchten. Durch sie kann man vergessen. Im Rausch oder Wahnsinn lst sich die Realitt auf. Nur vergisst man dabei auch die Anderen. Im Rausch oder Wahnsinn endet die Gemeinschaft.

Entsprechend sprachlos stehen sich die drei Generationen gegenber. ber Schicksale wird geschwiegen. Probleme werden systematisch vertuscht. Nichts darf die Fassade beschmutzen, auch wenn dahinter der Abgrund ghnt. Die Eltern denken nur an sich. Die Groeltern sind ihre Last, die Kinder ihr Flohpulver. Mittel elterlicher Selbstbesttigung, Zweck zur Befriedigung ihrer Bedrfnisse und Wnsche - im Zweifel auch sexuell.

Letztlich geht es wie immer um Liebe. Nur endet die Sehnsucht nach Zuneigung bei den emotionalen Rudimenten meist im Ficken und gefickt werden. Man schlft miteinander und dringt doch nicht ineinander ein, sondern bleibt sich fremd. Nur noch eine Mitleidnummer, die den letzten Schein von Gemeinsamkeit bietet, das ist Sex in Volksdorf:

"Lindner hat Mitleid und wird geil, er liefert eine kurze, aber rasante Performance, whrend der sie ihn mit aufgerissenen Augen anstarrt, er fickt, sier fickt, sie kommt, er kommt, dann duscht er ein zweites Mal und schafft es noch rechtzeitig in die Stunde, obwohl sein Auto drei Straen weiter parkt und die Straen verflucht glatt sind heute morgen."

Sprachlich wie ein offener Bruch: anziehend und abstoend

Mit dem Hammer schlgt Uebel voll Wut, Abscheu und Zuneigung die Fassaden ein. Sie kratzt die Blmchentapete von den schimmelig gelben Wnden, was gut tut und die Finger bluten lsst. Die sprachliche Form dafr ist hart, manchmal unertrglich. Die Stze wirbeln so lange umher, bis man droht darin zu ertrinken. Eine Sprache wie ein offener Bruch, bei dem aus der eitrigen Wunde ein weiglnzendes Stck Knochen ragt: abstoend und doch muss man immer wieder hinschauen.

berdeutlich und grell werfen die Wrter ein gleiendes Spotlight auf das Verhalten der Menschen und doch sind sie nicht immer eindeutig. Whrend der einvernehmliche Geschlechtsverkehr bis in die Anordnung der Schweitropfen auf der Haut beschrieben wird, bleibt eine Vergewaltigung im Halbdunkeln. Die Autorin wei, wann Lautstrke angebracht ist und wann schlichte Lakonie den richtigen Ton trifft: "Klara ist immer noch tot. Sieht nicht so aus, als wrde sich daran in absehbarer Zeit etwas ndern." Ein Satz wie ein Schwertschlag ein prziser Schnitt durch den ihn umgebenden Morast des Fickens.

Tina Uebel Last Exit Volksdorf

Verlag: Beck
Erschienen: 23. Mai 2011
Genre: Roman
ISBN: 978-3-406-62477-3
Bindung: Hardcover
Seiten: 303
Preis: 19,95 Euro
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Bisweilen gert die Sprache des Romans auch anbiedernd und nervig. Setzt sich der sprachliche Aussto eines Jugendlichen zusammen aus "Spieerfreigelnde", "Mallmuffins" und "Rentnerracing", klingt das, als htte die Autorin aus dem Lexikon der Jugendsprache abgeschrieben. So ist die Jugend heute. Man benennt seine Geschlechtsmerkmale nach Drfern: "Poppenbttel, the Geschlechtsmerkmal formerly known as Schwanz". Glcklicherweise vermag die Autorin es, solche Plattitden in ihrer Sinnentleertheit so lange zu potenzieren, bis die Nervigkeit sich in Absurditt auflst: "Ein Ford ist ein frhzeitiger Samenergu, ein Microsoft ist, natrlich, ein Poppenbttel, der nicht Grohansdorf wird, was mal vorkommt, man nennt ihn brigens auch Calvin Klein."

Der goldene Schuss

Last Exit Volksdorf ist keine glatte Poesieskulptur, die im Museum vor lauter Bewunderung verstaubt, sondern ein Prosaklotz, der mit rohen Schlgen im Steinbruch geschlagen und dem Leser dann direkt vor die Fe geworfen wurde. Innerlich machen die Rolladen des literarischen Geschmacks davor dicht. Aber wenn man sich darauf einlsst, erkennt man, dass der vermaledeite Klotz doch ein Kunstwerk darstellt. Dass der im wahrsten Sinne des Wortes "verfickte Roman" ein Wurf ist und zwar ein groer.

Im fnfaktigen Schema entfaltet sich ein Gesellschaftsportrt. Nicht vor dem Hintergrund einer fr alle Sinne wohltemperierten Idylle, sondern im kalten Stahlverschlag der Pathologie umweht von slichen, den Brechreiz animierenden Gerchen wird unsere Welt mit ihren Problemen gnadenlos seziert. Zu viel, zu laut, zu nah, zu nervig. Zu Recht: Denn so sieht es hinter unseren Fassaden aus manchmal. Aber noch bleiben uns Auswege. Wir sollten mal nach den Rollden schauen.




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