In Irland ist der Bloomsday schon ein inoffizieller Feiertag und damit der einzige berhaupt, der an einen Roman erinnern soll. Gewidmet ist der Tag dem Werk Ulysses, geschrieben vom irischen Schriftsteller James Joyce im frhen zwanzigsten Jahrhundert. Das Buch wird nicht selten als der Meilenstein der Moderne, wenn nicht gar als Jahrhundertroman bezeichnet. Kein Wunder also, dass der Bloomsday schon lange auch fernab der grnen Insel zelebriert wird. Jetzt zum ersten Mal auch in Bonn.

Ein Tag in Dublin

Joyce beschreibt in Ulysses die Geschehnisse eines einzigen Tages und das auf gut tausend Seiten. Die Geschichte spielt in Dublin und besagter Tag ist der 16. Juni 1904, daher das Datum des Bloomsdays. Der Name geht auf einen der Protagonisten, Leopold Bloom, zurck. Ulysses ist der englische Name von Odysseus, wobei sich der Roman tatschlich an Homers "Irrfahrten des Odysseus" orientiert: Joyce ordnet jeder Episode des Epos eines seiner Kapitel zu.

In Dublin gibt es am Bloomsday alljhrlich einen regelrechten Touristenansturm. Dem Roman entsprechend hlt man sich an bestimmte Rituale, Fans verkleiden sich, es wird gefeiert. Ganz soweit ist es in Bonn zwar noch nicht gekommen, aber Joyce-Fans sollen auch hier auf ihre Kosten kommen.

Eine etwas andere Lesung

Schon beim Betreten des Theaters im Ballsaal wird deutlich, dass etwas anders ist. Es scheint keine gewhnliche Lesung zu werden. Auf einer groen Bhne liegen Kissen, nur wenige Sthle stehen dort. Die Zuhrer sollen es sich gemtlich machen. Denn genau das tun auch die "Vorleserinnen". Doch die sind eigentlich schon mehr als das.

Auf einem Berg von Decken und Kissen rkeln sich die beiden Damen, die eher schauspielern als lesen. Wir befinden uns im letzten Kapitel des Romans, das den Schlussmonolog von Blooms Frau Molly beinhaltet. Die Darstellerinnen Barbara Wachendorff und Bettina Marugg, Mitglieder des Bonner fringe ensembles, schlpfen zugleich in Mollys Rolle und machen aus dem Monolog einen Dialog.

Mit einem Videoprojektor wird der Text hinter dem Publikum an die Wand geworfen und die Frauen lesen ihn dort ab. Man hat aber nicht das Gefhl bei einer Lesung zu sein. Die schauspielerische Leistung der beiden Mollys ist berzeugend. Auch als der Projektor ausfllt und die Damen zum Skript in Papierform greifen mssen, lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen.

Die doppelte Molly

Wenn man das Buch nicht kennt, ist es nicht leicht der Darbietung zu folgen. Mollys Monolog ist ein Strom von Gedanken. Es geht um ihre Erinnerungen, erotische Erlebnisse und vieles mehr, oft ohne Zusammenhang. Doch gerade diese Komplexitt ist, was Joyces Roman ausmacht und die intime Atmosphre, die Mollys Plaudereien aus dem Nhkstchen erschaffen, wird in der Lesung gut durch die Nhe der Darstellerinnen zum Publikum untermalt. Da verwundert es kaum noch, dass eine der beiden Mollys zwischendurch im Publikum Knabbereien verteilt.

Schon nach einer Stunde endet die Bloomsday-Gemtlichkeit. Barbara Wachendorff und Bettina Marugg bekommen viel Applaus. Und das Publikum fhlt sich wie in Dublin, wobei die Feierlichkeiten dort sicherlich noch sehr viel lnger andauern. Aber daran kann Bonn ja noch arbeiten. Und wie der Rheinlnder wei: Wenn eine Veranstaltung zum dritten Mal stattfindet, handelt es sich um eine Tradition.


Artikel drucken