Am Donnerstag, den 9. Juni 2011, beehrte der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht das Schauspielhaus Kln, um ber sein jngstes Werk Die Kunst kein Egoist zu sein zu sprechen. Die Benefiz-Veranstaltung fand zugunsten des "Lesementors" statt. Dieses Projekt hilft Kindern und Jugendlichen mit Lese- und Rechtschreibschwchen in Begleitung von Ehrenamtlichen zum Lesen und dem anschlieenden Sprechen ber Bcher zu motivieren.

Schauspielhaus Kln. Vollbesetzter Saal. Gespanntes Publikum. Precht betritt die Bhne. Ein Volksphilosoph, einer von uns. Er wei um die Situation eines Abends, der sich ganz um Moral dreht, Bescheid und befrchtet, dass das Publikum eine Predigthaltung einnimmt: Kopf senken und die Wortlawine vorbeirauschen lassen. Man selbst kann ja nicht gemeint sein. Es sind doch immer nur die Anderen, die schlecht sein sollen. Precht folgert daraus: "Moral ist das, was wir achten und chten."

Eine Predigt wird es heute allerdings nicht. Es sind dutzend Fragen, die die Zeit in Anspruch nehmen: Was ist unsere Motivation, sich fr andere einzusetzen? Warum denkt jeder, er wre gut? Warum ist die Welt dann trotzdem schlecht? Und weshalb ist der Mensch das anscheinend einzige Lebewesen, das moralisch handelt? Neben vielen Denkansten bietet Precht auch eigene Antworten.

Ein Sinn fr Gerechtigkeit

Menschen unterscheiden sich insofern von Schimpansen, dass sie sich nicht gleich an die Gurgel springen, wenn sie in einem Raum eingesperrt sind. Menschen lsen gesellschaftliche Probleme auch nicht wie Bonobos durch Sex. "Menschen spielen soziales Schach", sagt Precht und erklrt den Begriff: Sie denken tglich darber nach, was andere von ihnen denken sie versetzen sich immerzu in fremde Kpfe. Dabei entstehen Erwartungen, woraus wiederum Enttuschungen wachsen. Das ganze Leben besteht aus einem einzigen In-jemanden-anderes-Hineinversetzen als eine Grundvoraussetzung fr das Mitgefhl. Zustzlich besitzen wir nach Precht von Natur aus eine affektive Ttungshemmung. Wir schubsen einen dicken Mann nicht einfach von einer Brcke, auch wenn er einen Zug aufhalten knnte, der gradewegs auf fnf Menschen zurast. Das macht einfach niemand, abgesehen von den fnf modebewussten Frauen im Publikum...

Hinzu fgt sich, so erlutert Precht, noch der angeborene Sinn fr Fairness ach nein, fr Unfairness: Jeder von uns wei, wann etwas ihm gegenber nicht gerecht ist und handelt nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Wir lernen im Alter von 5 8 Jahren uns vorzustellen, dass das, was wir unfair finden, andere auch als unfair beurteilen und es entwickelt sich ein Gespr fr Gerechtigkeit Et voil.

Moral in der Praxis

Diese Basics zum Verstndnis der Moral klingen alle wunderbar, Herr Precht. Warum aber sind wir anscheinend aus biologischer Sicht geschaffene Moralapostel und die Welt ist dennoch eine Katastrophe? Auch hier liefert der Autor eine Antwort, wenn er meint: Menschen sind Egoisten. Unsere Aufgabe als homo sapiens sapiens besteht darin, die Gene weiterzugeben und somit die Menschheit bestehen zu lassen. Das heit, Mnnlein setzt bei der Partnerwahl auf Quantitt und Weibleinsetzt auf Qualitt. Bis auf wenige Ausnahmen kann sich Prechts Theoriein unserem westlichen Kulturkreis aber nicht empirisch besttigen. Er wei, dass es eine andere Haupttriebfeder des menschlichen Daseins gibt. Und die wre?

Precht erklrt sich dieses Phnomen so: Bsheit entsteht nur dann, wenn sich jemand unfair behandelt fhlt. Sobald dies geschieht, ist man doch lieber der Bse als der Dumme. Wir wollen nicht auf den Arm genommen werden. Wir wnschen uns Anerkennung, Liebe, Respekt. Um diese wunderbaren Gefhle zu erhalten, sind wir motiviert zu fairem Handeln. Doch faires Handeln, oder eher gesagt Moral bedeutet fr viele Menschen berforderung. Jemand verlangt etwas von dir. Etwas Unmgliches.

Kleine Worte, groe Gesten

Precht betont, dass es ihm nicht darum geht, moralisches Handeln auf abstrakte Weise wie eine Art Lebensrezept herunter zu leiern. Es kommt ihm vielmehr auf die kleinen Handlungen an, die jeder nebenbei mitbekommt. Denn Worte werden niemals so gewichtet, wie Gesten. Wir mssen nach ihm also aktiv die Zeit nutzen, anderen etwas von unserem guten Leben abzugeben und zu lehren. Lernen fundiert vor allen Dingen durch das Kopieren von Vorbildern. So lobt der Autor alle Lesementoren, die sich mit den Kindern beschftigen und sie dazu bewegen, aktiv zu sein.

Philosophie im Alltag

Hier endet erst einmal Prechts Einblick in sein philosophisches Werk Die Kunst kein Egoist zu sein. Das Publikum ist begeistert und schwer ins Nachdenken versunken. In einer anschlieenden Fragedebatte fordert der Volksphilosoph: Kinder mssen heutzutage auf Aufmerksamkeit geschult werden. Und die Philosophie darf nicht nur als schwieriges Studienfach verstehen werden. Die "Lehre des Alltags" gehrt mitten ins Leben und dient als Ratgeber und Denkansto.

Insgesamt war Prechts Lesung eine rundum gelungene Veranstaltung mit Fragen zum Weiterdenken. Ach und was es mit Prechts finster blickenden Fischen auf sich hat? Sie knnen einfach nicht anders, sie heien Angela und Frank Walter.

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