campus-web Bewertung: 4,5/5
   
Der Fan kann durchatmen. Auch wenn der Name von Gitarrist und Snger David Gilmour auf dem Umschlag falsch geschrieben steht: Im Innern dieses Buches wird ein Pink Floyd-Fanatiker nichts zu meckern finden. Falls sich doch ein sachlicher Fehler eingeschlichen haben sollte, findet man schnell genug Ablenkung.

Ein wenig Anspruch sollte man an die deutsche Ausgabe von The Making of Pink Floyd: The Wall aber auch stellen drfen. Schlielich handelt es sich quasi um eine offizielle Verffentlichung aus dem kreativen Umfeld der Psychedelic-Rock-Legende. Geschrieben und visuell zusammengestellt wurde das Werk weder von einem finanziell bedrftigen Musikjournalisten noch von einem akribischen Mchtegern-Experten. Nein, Gerard Scarfe hat wirklich Ahnung, wovon er spricht. Schlielich hat er das Mammutprojekt The Wall als Designer begleitet und ist somit fr die ikonenhaften Designs marschierende Hmmer, monsterhafte Lehrer und Mtter und sogar den Titelschriftzug verantwortlich.

Alles beginnt mit einem Trip

Die Geschichte von The Wall ist somit mehr als ein Auszug aus der Pink Floyd-Biografie. Natrlich steht die Entstehung des legendren 1980er Konzeptalbums und seiner anspruchsvollen Verfilmung im Mittelpunkt. Im Blickwinkel von Scarfes Karriere als Cartoonist und Animationsfilmer erhlt sie jedoch eine vllig neue Facette. Zum Teil ist das Buch damit auch eine Autobiografie des Knstlers, angefangen mit dem experimentellen Zeichentrickfilm Long Drawn-Out Trip aus dem Jahr 1975. Das Wort "Trip" benutzte man damals nicht zufllig; Scarfes Animation zeigte tatschlich die wirren Farben eines Drogentrips. Mittendrin Micky Maus, der mit breitem Grinsen und zerflieendem Krper durch die Landschaft wandelt.

Das Filmchen lief tatschlich im Programm der BBC, und wie der Zufall es wollte, saen zwei Floyd-Musiker vor der Flimmerkiste. Frontmann Roger Waters und Schlagzeuger Nick Mason waren tief beeindruckt, und schon bald wurde Scarfe eingeladen, Animationen fr die Leinwnde der Wish You Were Here-Tour zu gestalten. Als dann die Arbeit an The Wall begann, war Scarfe bereits Haus- und Hof-Knstler; sein Artwork verdrngte den langjhrigen Floyd-Begleiter Storm Thorgerson vollstndig von der Plattenhlle.

Der Hauptteil des Buches geht umfassend auf alle Aspekte des Projekts ein Entstehung des Konzepts im Kopf von Roger Waters, Design der Figuren, Zeichnungen fr die Platte, Bau der Kulissen und Ballonfiguren fr die Bhnenshow. Dann die Arbeit am Kinofilm, an dem die Band sich bernommen hatte: Nicht genug, dass Regisseur Alan Parker die anderen kreativen Kpfe allmhlich aus der Arbeit herausdrngte, nein, auch die Band zerstritt sich zunehmend. Essentiell lsten Pink Floyd sich nach The Wall auf; das folgende Album The Final Cut war praktisch ein Soloprojekt von Roger Waters, und danach bernahm David Gilmour die berreste der Band. Die Ausshnung sollte erst 2005 im Rahmen des Live 8-Festivals erfolgen. Diese Zeit wird von Scarfe natrlich nur noch auf die Nachwehen von The Wall abgeklopft Sonderkonzerte sowie die Solokarriere von Waters, den Scarfe weiterhin knstlerisch begleitete.

Don't look back in anger

Gerald Scarfe The Making of Pink Floyd: The Wall

Verlag: Edel
Genre: Musik/Kunst
Erschienen: 3. Februar 2011
ISBN: 978-3841900616
Bindung: Hardcover
Seiten: 256
Preis: 29,95
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Die Strke des Buches ist die Flle an Material: Unzhlige Zeichnungen und Fotos, Storyboards und Filmszenen, Programmhefte und Merchandise-Andenken werden visuell nett prsentiert. Dazwischen immer wieder Kommentare der noch lebenden Bandmitglieder. Der Autor hat Waters, Gilmour und Mason sowie den Regisseur Parker fr die Entstehung des Buches erneut aufgesucht und die interessantesten Gesprchsfetzen bernommen. Da fllt es kaum auf, dass Scarfes Text gar nicht mal soviel Raum einnimmt; das "Making of" funktioniert fast besser als Bildband.

Das liegt unter anderem auch daran, dass alle Beteiligten so gelassen mit dem Thema umgehen. In Scarfes Anekdoten sprt man jede Menge Sprengstoff zwischen den Beteiligten, Pink Floyd zerbrachen nicht grundlos. In der Gegenwart haben sich die Spannungen jedoch gelegt, und nicht einmal der Auenseiter Alan Parker brstet noch gegen den Strich. Das ffentliche Waschen schmutziger Wsche darf man somit nicht erwarten, stattdessen praktiziert man Don't Look Back In Anger. Liest man da zwischen den Zeilen die lebenserfahrene, weise Botschaft, dass man solchen Kram nicht so ernst nehmen soll? War The Wall etwa doch nur ein "normales Kunstwerk", an dem man mit Abstand auch die Schwchen erkennen kann? Egal, ob der Pink Floyd-Fan diese Botschaft verarbeitet oder nicht Roger Waters hngt selbst immer noch an der Mauer. Das letzte Kapitel zeigt die Vorbereitungen der aktuellen Solo-Tournee inklusive einer noch grenwahnsinnigeren Bhnen-Deko. Scarfe hat wieder geholfen, und wie man inzwischen wei, kam in London sogar der ehemalige Erzfeind Gilmour fr ein Gitarrensolo vorbei.

Und da merkt man: The Wall ist eben doch nicht nur Waters' Kopfgeburt. Seine Geschichte von verstrter Kindheit, Beziehungsngsten, Kriegstreiberei und Faschismus auf den Konzertbhnen ist nun mal keine Autobiografie. Nicht nur "some mad bugger's wall" ("die Mauer irgendeines Bekloppten"), wie es im Finale Outside The Wall heit, sondern ein Kunstwerk mit vielen Beteiligten. Einer von denen heit Gerald Scarfe, und es ist erfrischend, seine Sicht auf den Entstehungsprozess zu lesen. Das "Making of" ist somit nicht nur Fans, sondern auch anderen Musik- und Kunstliebhabern zu empfehlen.


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