Campus Web-Bewertung: 4,5/5
   
Die politische Stimme des Folk-Revivals. Die rastlose Rock-Ikone. Der zurckgezogene Familienmensch. Der strmische Wiederkehrer. Der bekennende Christ. Es ist schon einiges ber die vielen Gesichter von Bob Dylan geschrieben worden. Und man steht vor der Frage: Was lese ich denn nun davon? Zu Bob Dylans 70. Geburtstag wurde No Direction Home von Robert Shelton neu aufgelegt. Und dieses fast 700 Seiten starke Werk hat es in sich: Hier bekommt man wirklich die volle Drhnung Dylan!

Robert Shelton war ein Journalist, der Bob Dylan das Sprungbrett zum Plattenvertrag geboten hat. Nach einem seiner euphorischen Artikel in der New York Times soll Columbia Records Dylan angeblich bevor man einen Ton von ihm gehrt hat einen Plattenvertrag angeboten haben. Mitte der 60er kam Shelton dann auf die Idee, die Biographie zu schreiben. Gleichermaen als Freund und Journalist begleitete er Dylan auf seinen Touren und recherchierte akribisch seine Vergangenheit. Dabei lie er keinen Zeitzeugen ungefragt und erstellte so eine Oral History, die ein flchendeckendes Bild von Dylan zeichnet. Auch der Meister selbst kommt hufig zu Wort, wobei er ausnahmslos jedem Journalisten gerne Rtsel aufgibt.

"Als kleiner Junge, wollten sie da Lieder schreiben und ein Snger werden?" - "Nein, ich wollte Platzanweiser im Kino werden. Mein Leben lang ist es mein Ehrgeiz gewesen, Platzanweiser im Kino zu sein, und meiner Ansicht nach habe ich da vllig versagt." Bob Dylan im Interview

Wie bei solchen ausfhrlichen Zeugenbefragungen blich, wird ein Flickenteppich von Informationen zusammengenht: Dabei gehen manche Flicken nahtlos ineinander ber, bei anderen finden sich Ungereimtheiten und beiende Farbkontraste die Geschichten der Personen widersprechen sich hier und da. Das fhrt zu einem paradoxen Effekt: Am Ende wei man zwar viel ber Dylan und doch bleiben mehr Fragen offen als am Anfang. Genau das ist das Faszinierende: Statt harter Fakten gibt es viele widersprchliche Informationen. Und auch wenn man bei Dylan selbst nachfragen kann, heit das noch lange nicht, dass man eine klare Antwort bekommt.

"Dylans groe Strke ist die Art und Weise, wie er Fragen unbeantwortet lsst", entlockt Shelton D.A. Pennebaker, der 1965 den Dylan-Dokumentarfilm Don't Look Back drehte. Ein anderer zitiert zur Erklrung Rimbauds berhmten Satz "Ich ist ein anderer." Dann kommt Dylan selbst zu Wort und sagt: "Niemand wei etwas ber mich. Was wissen die Leute denn wirklich?"

Man hat nicht das Gefhl, dass Shelton irgendeinen Themenbereich der betrachteten Lebensabschnitte auslsst. Er behandelt das Leben von Dylan vom Anfang bis 1978, Dylans groer Welttournee. Neben den Nachforschungen, die er betreibt, schreibt er ausfhrliche journalistische Analysen zu den Alben. Dabei werden Dylans Werke stets in den historischen Kontext gesetzt, mit dem sie fest verwachsen sind. Ein besonders interessantes Kapitel zum Beispiel beschftigt sich mit der Diskussion um Dylan als anerkannte Hochkultur. Shelton befasst sich eingehend mit den Texten, Bchern und Filmen, die Dylan produziert hat keine Tour bleibt unbeachtet. Wer also denkt, dass das Buch nur aus Anekdoten und Mythenbildung besteht, kann beruhigt sein: Es ist in erster Linie das Werk eines Journalisten und das merkt man auch!

Robert Shelton Bob Dylan. No Direction Home. Sein Leben, seine Musik 1941-1978

Verlag: Edel Books
Genre: Biografie
Erschienen: 7. April 2011
ISBN: 978-3-841900654
Bindung: Gebunden
Seiten: 687
Preis: 29,95
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Wenn wirklich etwas an diesem Werk Kritik verdient, dann die Gewichtung der einzelnen Abschnitte. Die liegt eindeutig auf der Zeit zwischen 1961-66, also dem Folk-Revival und der Rock-Revolution. Fr viele ist das wahrscheinlich die interessanteste Zeit, allerdings verblassen ihr gegenber trotz immer noch beachtlicher Informationsflle die Phasen danach.

"Man kann ein Portrt niemals vollenden, man kann es nur aufgeben"

Die Neuauflage dieses Buches war lange berfllig und ist zu 100% zu begren! Es sind etwa 20.000 Wrter neuer Text enthalten, veraltete Stellen wurden gestrichen. Weiterhin ist diese prunkvolle Ausgabe sehr ansehnlich, mit vielen Bildern schn illustriert. Am Ende findet man eine Diskographie und eine ausfhrliche Chronologie der Jahre nach 1978. Selbst wer glaubt, schon alles ber Dylan zu wissen, kann in diesem Buch noch einiges dazulernen! Wer allerdings noch gar nichts ber Bob Dylan gelesen hat, sollte vielleicht erst mal ein einfhrendes Standardwerk lesen wie zum Beispiel Heinrich Deterings Biographie bei Reclam. Darin werden die Eckpfeiler von Bob Dylans Leben gebaut und No Direction Home liefert das restliche Gebude samt detaillierter Innenausstattung!


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