campus-web Bewertung: 5/5
   
Nuri Hodscha ist der neue Imam einer kleinen trkischen Gemeinde, irgendwo in einem kleinen verschlafenen Stdtchen Deutschlands. Kaum gelandet sorgt er beim Anblick des Hinterhofverschlags, der als Moschee dient, gleich fr polternden Wirbel: eine schne, groe Moschee wolle er erbauen, so liest man am nchsten Tag in der Lokalzeitung. Verstndlicherweise wenig erfreut ist darber Ursel Piepenktter. Schlielich befindet sich die amtierende Oberbrgermeisterin gerade mitten in den letzten Zgen des Wahlkampfes. Und was knnte das Ziel der haushohen Wiederwahl mehr gefhrden, als der Bau eines Minaretts, das der erzkonservativen Stammwhlerschaft eher Angst als Freude bereitet?

Andererseits stellen die trkischstmmigen Muslime einen zahlenmig nicht unbedeutenden Teil der Wahlberechtigten dar. Eine verzwickte Lage: Die Brgermeisterin muss den Spagat schaffen und die zwei gegnerische Whlergruppen gleichzeitig zufrieden stellen. Und dann sitzt ihr ja auch noch die eigene Partei im Nacken.

Doch kein Grund zur Panik: das mit der Dialogsuche kann ja nicht so schwer sein, denkt sich die Piepenktter zuversichtlich. Nur ist Nuri Hodscha leider alles andere als ein demtig-verhaltener Gottesdiener. Schon nach der ersten Begegnung mit dem hitzkpfigen Streithahn ist klar: ein offener Kampf wird unvermeidbar sein. Mit allen erdenklichen, von Allah persnlich abgesegneten Mitteln Erpressung, Spionage, Schlgertrupp liefern die beiden sich einen heien Kampf um Minarett und Wiederwahl. Unvermutet stoen sie dabei auf noch ganz andere Gegner, die sie wohl oder bel nur im Teamwork erledigen knnen. Bis zur Wahl bleiben 42 Tage und die werden fr alle Beteiligten zu einem zynisch-hllischen Spierutenlauf!

Ein zynisch-hllischer Spierutenlauf

"Der humorvollste Zweikampf seit Don Camillo und Peppone" bewirbt der Rowohlt-Verlag selbstsicher den neuen Roman von Birand Bingl, seines Zeichens WDR-Redakteur und durch intensives Eigenstudium mittlerweile Hobbyexperte fr die Themen Migration und Integration. Und dass er mit seinem Buch eindeutig einen Beitrag zur aktuellen "Spalterfrage" in Deutschland leisten will, steht auer Frage. Doch im Gegensatz zu einem Thilo Sarrazin nhert Bingl sich dem Thema auf eine wesentlich charmantere, weil taktvollere Art und Weise. Mit viel Sarkasmus lsst er kaum ein Klischee, das auf der jeweils anderen Seite vorherrscht, auen vor und treibt es auf die Spitze. Derart geschickt verkettet der Autor in locker-flockigen Worten Verdrehungen, Vorurteile und kulturelle Missverstndnisse miteinander, dass man ob des skurril anmutenden Wahrheitsgehaltes tobend vor Lachen am Boden liegt.

Dabei zeigt er genau das auf, was der gemeine Brger alltglich live wahrnimmt: eine skrupellose Politikerin, lokaler "Klngel" in allen Machtbereichen und berngstliche Deutsche. Und auch um den stark aufkeimenden Rechtsradikalismus, der mit purem Populismus Brger zu berzeugen versteht, macht der Autor keinen Bogen. Doch viel interessanter ist Bingls diskreter, aber doch direkter Versuch, den Blick fr die andere Seite zu weiten. Er schreibt von Muslimen, die gefangen zwischen der Vorverurteilung als Islamisten und der tatschlichen Konfrontation mit einigen wenigen Extremisten und Fanatikern stets falsch zu reagieren scheinen, egal wie sie reagieren. Bingl, dessen Anliegen als gebrtiger Deutschtrke in eigener Sache unverkennbar durchschimmert, legt viel Wert auf Information. Dauerbrenner wie etwa das Kopftuch werden von Missverstndnissen befreit, beliebte Zitate des Korans, die dem Islam stets vorgeworfen werden, nher erlutert und ihre vermeintliche Gefahr entkrftet. Bezeichnenderweise scheitert der grundstzliche Dialog jedoch auch im Buch immer wieder neu, da die unsichtbaren Kopfschranken selbst hier nicht abgebaut werden knnen.

Don Camillo und Peppone auf Deutsch-Trkisch

Doch genau das ist es, was Bingls Buch so fesselnd macht: Der Hodscha, die Piepenktter und alles um sie herum erscheint als Spiegelbild der Realitt. So eindrcklich wie in noch keinem anderen Werk zum Thema wird gezeigt, dass es letztlich nach wie vor nur unsere ureigenen Vorurteile sind, die ein Zusammenleben so schwierig machen. Diese Erkenntnis mag nun nach 300 Seiten etwas schlapp klingen, doch ist der Weg zu ihr gepflastert mit allerhand Witz und Ironie, von der man gar nicht genug bekommen kann.

Birand Bingl Der Hodscha und die Piepenktter

Verlag: Rowohlt Polaris
Erschienen: 18. April 2011
Genre: Multikulti-Roman
ISBN: 978-3-86252-015-2
Bindung: Hardcover
Seiten: 288
Preis: 13,95 Euro
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Zwar erscheinen die Mittel, zu denen die Piepenktter und der Hodscha greifen, zeitweilig etwas sehr drastisch, aber Don Camillo&Peppone-Klassiker wie Nuris Zwiegesprche mit Allah persnlich, ein beinhartes Fussballmatch zwischen den Religionsgruppen der Stadt oder der gemeinschaftliche Kampf gegen die Zeilenhure, den schmierigen Sensationsreporter Bob Winter, machen jede spitzfindige bertreibung wieder wett.

Es geht auch anders, Herr Sarrazin!

Alles in allem: Mit Der Hodscha und die Piepenktter hat Birand Bingl den lngst berflligen konstruktiven und zugleich angenehmen Beitrag zur Integrationsdebatte geschaffen, der seine kritischen Untertne gegen beide Seiten schickt. Ein gelungenes Buch, das sich mit Leichtigkeit blitzschnell verschlingen lsst. Empfehlenswert fr alle, die von den gegenwrtigen Dauerschleifen der Dialogversuche die Schnauze voll haben und einfach mal mit Humor an die Sache ran gehen wollen. Und fr Guareschi-Fans ein Muss!

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