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Eberhard Straub ist nicht nur Historiker, sondern auch freier Publizist. Freiheit ist ihm da natrlich wichtig. Nicht nur seine eigene, sondern unser aller Freiheit, die Freiheit jedes Einzelnen und im Besonderen der Deutschen und Europer. Direkt bedroht wird diese durch das Streben nach Sicherheit. Und mglich gemacht haben diesen Missstand, so Straub, vor allem die Werte.

Straub galoppiert auf gerade einmal 172 Seiten durch einige Jahrhunderte Geistesgeschichte. Doch trotz der Krze keine Spur von Kurzweiligkeit: Der spontane Wutausbruch des betagten Wissenschaftlers setzt die komplette Zitatensammlung im Kopf frei. Die ist so umfassend, dass man sie gleich als Buch verlegen kann. Wer die Sache ernst nehmen mchte, sollte pro Seite etwa eine Woche Lesezeit veranschlagen. Tiefgrndige Zitate und Sinnsprche reihen sich zwischen unbertrefflich zynische Kommentare zum Weltgeschehen, wodurch der Text sehr dicht wird. Da kann man leicht einmal den berblick verlieren, wann der Autor selber spricht und an was er eigentlich glaubt. Immer wieder steht er unter Nihilismus-Verdacht. Doch zum Glck gibt es eine Sache, die ihn antreibt: Die Freiheit.

Der Mensch heit Mensch, weil er lacht, weil er lebt

Werte habe es nicht schon immer gegeben, man htte sie erst "erfinden" mssen, argumentiert der Autor. Geld bestimme alle Werte, und somit seien die Werte auch erst mit der Durchsetzung des Kapitalismus seit dem spten 18. Jahrhundert in unser Gedankengut eingezogen. Das bezeichnet Straub etwas spter als "britische Tyrannei der Werte" und meint damit den angelschsischen Kapitalismus. Der Mensch bestimme seine Daseinsberechtigung seit diesem Zeitpunkt durch Arbeit, durch seinen wirtschaftlichen Wert. Nach Straub habe der Mensch aber vollkommen unabhngig davon seine Berechtigung, nmlich einfach nur durch sein Dasein. Der Mensch ist Mensch, weil er ist.

Die zahlreichen Rckschlsse des Autors lassen sich am besten in schlichten Leitstzen darstellen: Politische konomie statt irrationale Politik. Kunde statt Brger. Dabei ersetzt Straub das anfnglich Dagewesene durch die negierende Neuentwicklung, um die Parallele zur Verbreitung der Werte nachzuzeichnen. Allgemein ersetzen die Werte die Tugenden. Die Tugenden, wie sie noch von den Dichtern und Denkern geachtet wurden, sind fr Straub rein positiv besetzt. Denn sie verlangen gelebt zu werden, Werte hingegen sind theoretische und indoktrinierte Worthlsen.

Eberhard Straub Zur Tyrannei der Werte

Verlag: Klett-Cotta
Erschienen: August 2010
Genre: Essay/Sachbuch
ISBN: 978-3-608-94615-4
Bindung: Gebundene Ausgabe
Preis: 17,95 Euro
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Die Menschen htten sich von den Werten eine Sicherheit erhofft, die ihnen die Geisteswissenschaften nicht htten bieten knnen. Eine Sicherheit vor dem Nationalsozialismus htten sie aber nicht dargestellt, fhrt Straub aus. Und trotzdem wren die Nachkriegsdeutschen wieder in die Welt der Werte geflohen, in "das Grundgesetz als Wertverordnung". Daraus folgt: Wertordnung statt Rechtsordnung. Political Correctness statt Inquisition.

Freiheit ist das Einzige, was zhlt

Doch letztlich bleiben die Werte fr den Autor reine Fiktion, austauschbar und vor allem auf Individuen angewiesen, die an sie glauben. Freiheit sei zwar eng mit Werten verknpft, aber kein Wert an sich, so Straub. Heute sei Sicherheitspolitik alles, was zhlt. Im Sinne einer Wertegemeinschaft werden immer noch Kriege gefhrt, obwohl es keinen gerechten Krieg gibt: Krieg statt Krieg, Sicherheit statt Freiheit.

Immer wieder gleitet Straub ins Absurde ab. So behauptet er, die "Sexindustrie und das erotische Spagewerbe" ebneten die Geschmacksunterschiede ein, begrndet diese Folgerung aber nicht weiter. Schlielich kommt er auch zu dem Leitsatz: Rauchverbot statt brgerliche Freiheit. Bis auf solche wilden Befunde hat Straubs Kampfschrift nicht viel Neues zu bieten. Dass man "Freiheit nicht mit deren Einschrnkung verteidigt", unterzeichnete Otto Schily schon 1978 im Manifest der Humanistischen Union. Wie schn wre es, wenn Eberhard Straub diese alten Wahrheiten untersttzen knnte, ohne eine Tyrannei der klugen Sprche aufzubauen.



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