Andrea Levy
   
 

   
 

   
Viele Dinge werden herablassend mit dunkler Hautfarbe in Verbindung gebracht. Am 21. Mrz las Andrea Levy zusammen mit Schauspielerin Maria Schrader in der Klner Kulturkirche aus ihren Roman Das lange Lied eines Lebens. The Long Song, 2010 im Original erschienen und fr den britischen Booker-Prize nominiert, erzhlt aus der Sicht einer Haussklavin von den letzten Tagen der karibischen Sklaverei. Im Gesprch mit der Moderatorin Margarete von Schwarzkopf verleiht Levy zu Anfang ihrer Inspiration fr diesen historischen Roman Ausdruck.

Ihre eigenen Eltern wanderten 1948 von Jamaika nach Grobritannien aus und waren dort nach Aussagen Levys viele Jahre als Immigranten Anfeindungen ausgesetzt. Der Roman bedeutet fr die Londonerin zugleich die Suche nach einer eigenen Familiengeschichte. Es gibt wenige Chroniken von Sklaven aus dem 19. Jahrhundert. Die meisten Aufzeichnungen stammen von Weien. Textzeugnisse finden sich u. a. von weien Missionaren, die christianisierten Sklaven in der Karibik den eigenen Glauben vermitteln wollten. Um den Alltag von Sklaven dieser Zeit beschreiben zu knnen, konsultierte Levy viele dieser Aufzeichnungen. Dabei versuchte sie das Erzhlte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Wenn Gutsbesitzer z. B. ber die Faulheit, die Dummheit und die Vielzahl an Krankheiten ihrer Haussklaven klagten, konnte dies auch auf einen Einfallsreichtum der Sklaven hindeuten, sich vor anstrengenden Arbeiten drcken zu wollen.

Erzhlt wird Levys jngster Roman aus dem Blickwinkel der Protagonistin July, die von ihrer Herrin wegen des franzsischen Wohlklangs "Marguerite" gerufen wird. Nach dem Ende der Sklaverei skizziert July 1898 im hohen Alter fr ihren Sohn, einem angesehenen Verleger, die eigene Lebensgeschichte. Der Leser wird mit phantasiereichen Erfindungen und Auslassungen konfrontiert und oft, wie selbstverstndlich, mit "geneigter Leser" angesprochen. Die fingierte Aufschreibesituation mchte dem Empfinden und Sichtweisen der Sklaven dieser Zeit Raum geben. Als Vorbild fr diese Leseranreden nennt die Karibo-Britin im Gesprch mit von Schwarzkopf Jane Austen. Viele der Klassiker aus dem 19. Jahrhundert, u. a. George Eliots Middlemarch (1871-72), las sie in ihrer Schulzeit jedoch mit nur geringer Begeisterung. Sie vermisste in besagten Klassikern die Sichtweise der unteren Schichten und Sklaven, sowie einen Sinn fr Humor, der fr sie zum menschlichen Dasein und somit zu Memoiren dazugehrt.

Die wohlgenhrte 'Missus' pflegen und schtzen

Schilderungen der Unmenschlichkeit gestaltet Levy selber durch Humor ertrglicher. Hier mchte sie sich auch von Gegenwartsautoren, wie u. a. der Literaturnobelpreistrgerin Toni Morrison abgrenzen, die mit einer gewissen Schwere, Melancholie und Tragik und auf noch ausgefeiltere Art von Sklaverei und Rassismus erzhlen. Julys weie 'Missus', Caroline Mortimer, erscheint in The Long Song als besonders groes Opfer der gesellschaftlichen Verhltnisse. Als junge Witwe sucht sie auf der Zuckerplantage ihres Bruders in Jamaika Zuflucht und erfhrt die Schattenseiten des von ihm gepriesenen 'Paradieses'. Sie leidet dort unter fehlenden Perspektiven, Einsamkeit und Langeweile, sowie unter der Abhngigkeit von den Sklaven. Der Genuss exotischer Mahlzeiten wird zu ihrem einzigen Lebenssinn. Da sie sich aufgrund der alltglichen Hitze in Jamaika wenig bewegt, wird sie fett und unbeweglich. July versucht ihre Herrin schlielich vor den Rachefeldzgen der ehemaligen Sklaven nach der Sklavenbefreiung zu schtzen, als diese alleine auf dem herrschaftlichen Gut zurckgelassen wird.

The Long Song ist im Oeuvre Levys der fnfte Roman, der von Umbrchen im Leben Farbiger erzhlt. Eine Verspieltheit in ihrem eigenem Erzhlton wird durch eine Art Singsang erzeugt. Diese "playfulness" wird deutlich, als Levy die Einleitung ihres Romans selber in englischer Sprache mit abgestufter Akzentsetzungen vortrgt. Whrend der kurzweiligen Veranstaltung liest Maria Schrader weitere Passagen des Romans. Eine handelt davon, wie Farbige im Gesprch mit gesellschaftlich Hhergestellten versuchen die eigene Hautfarbe aufzuhellen. Sie geben sich so als Mulatte oder Terzerone aus, um Zugang zu Privilegien zu erhalten.

Schrader und Levy lernten sich anlsslich einer Lesung von Zeruya Shalev bei einer frheren Lit.Cologne kennen. 2005 verfilmte Schrader mit ihrem Regiedebt "Liebesleben" den gleichnamigen Roman der israelischen Autorin Shalev. Levy betrachtet beim Schreiben die Handlungen ihrer Charaktere unter filmischen Gesichtspunkten. Literarische Techniken sind ihr dabei weniger wichtig und erscheinen ihr fr ihre Leser oft zu kompliziert. Ihr vierter Roman Small Island (2004) wurde erfolgreich von der BBC verfilmt. Whrend Shalevs "Liebesleben" von subtilen Machtspielen zwischen einem Paar mit Altersunterschied erzhlt, handelt The Long Song von unmenschlichen Gewalthierarchien Ende des 19. Jahrhunderts.

"Diese grausame Zeit ist nun doch vorbei," meint von Schwarzkopf und eine im Publikum sitzende Afrikanerin ruft aus "and thank god for that!" Die Wunden der Jahrhunderte andauernden Sklaverei sind jedoch noch nicht verheilt. Gegen Ende des anregenden Abends sprechen von Schwarzkopf und Levy darber, wie sich Rassismus heute verndert hat und wie man mit diesem umgehen kann. Levy kndigt an, dass auch ihre neuen Romanprojekte die Lebenswege Farbiger bebildern werden. Wir drfen gespannt sein.

Artikel drucken