Da musste man sich in der Schule jahrelang mit etlichen lyrischen Ausfhrungen herumschlagen und dann das: ausgerechnet im Rahmen der lit.Cologne lernt man, dass es auch durchaus Lyrik mit interessanteren Themen als den Frhling und die keusche Liebe gibt. Diesen deftigeren Themen, der Titel sprach sinnigerweise von "Untenrumlyrik", widmeten sich die Schauspieler Jasmin Tabatabai und Jrgen Tarrach im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz.

Das sexuelle Seminar

Moderiert wurde der Abend von Andreas Platthaus, Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, der als Lit.Cologne-Moderatorenlegende angekndigt wurde. Seine Rolle glich jedoch mehr der eines Seminarleiters. Der ganze Abend war wie ein Uni-Kurs aufgebaut, mit Tabatabai und Tarrach als seinen angeblichen Schlern. So wurde auch das sehr gemischte Publikum mit "Liebe Seminarteilnehmer" begrt und sofort mit dem Motto des Abends, beziehungsweise des Kurses, vertraut gemacht: "In jedem steckt ein Poet. Creative Writing untenrum."

Tabatabai bernahm die Rolle der Musterschlerin, da sie mit ihren versauten und direkten Gedichten den Geschmack Platthaus von Anfang an bediente. Ihre Inspiration sei die Volkslyrik, so die Schauspielerin, vor allem der Gedichtband Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins. Darin stehen so schne Zeilen wie: "Alle Mdchen sollen leben, die von selbst die Rcke heben, und den Schwanz mit eigner Hand fhren ins gelobte Land." Deshalb erhob ihn Platthaus flugs zum Kursbuch des Abends.

Volkslyrik vs. Minnesang

Tarrach hingegen war diese Art von Lyrik zu direkt und er besann sich auf den Minnesang zurck. Er trug Gedichte von Reinmar von Hagenau, einem deutschen Minnesnger des 12. Jahrhunderts, vor, die umgehend von Platthaus und Tabatabai fr ihre metaphorische Sprache kritisiert wurden. Auch zu Liebesgedichten von Goethe meinte Tabatabai, dass Tarrach damit keine Frauen aufreien knne. Da gefiel dem Kursleiter und seiner Schlerin der Faust von Goethe schon wesentlich besser. In diesem stellt der Teufel die These auf: "Und suisch bei Nacht // So habt ihrs auf Erden // Am weitesten gebracht."

Die etlichen Gedichte, die die drei Protagonisten vortrugen, lieen keine Wnsche offen. Sowohl der Beischlaf an sich als auch die Geschlechtsorgane im spezifischen und die Onanie wurden thematisiert. Zu letzterem dichtete Tabatabai den Zweizeiler "Hast du Kummer in der Liebe, schalte um auf Handgetriebe." Selbst die Menstruation ist Thema in der Volkslyrik. Behandelt wurden die ungewhnlichen Themen auch von jngeren Dichtergren wie Erich Kstner, Heinrich Heine oder Berthold Brecht.

Kreatives Publikum

Das Seminar zur "Untenrumlyrik" war zweifellos ein Hhepunkt der diesjhrigen Lit.Cologne. Auch wenn man der Veranstaltung durchaus ihre Inszenierung anmerken konnte und vorgeblich improvisierte Gedichte vom Blatt abgelesen wurden, bildete der Abend ein stimmiges Ganzes. Vor allem das Zusammenspiel der drei Protagonisten funktionierte einwandfrei. Selbst der Einbezug des Publikums, der bisweilen eher peinlich wirkt, passte hier und fhrte zu berschwnglichem Applaus. Denn auch die Zuschauer sollten am Ende zu Papier und Stift greifen und ihre geistigen Ergsse zum Besten geben. "Heute bleibt die Mse kalt, denn heute wird anal geknallt" wurde von Platthaus mit einer 1+ belohnt.

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