"Maeve Brennan? Nie gehrt." Das dachte sich im Vorfeld wohl so manch einer. Wie lohnenswert es ist, sich mit dem Werk der irischen Autorin zu beschftigen, zeigten Corinna Harfouch und Felicitas von Lovenberg im Rahmen einer Lesung der lit.COLOGNE.

Bekannte attestierten ihr "eine Zunge, mit der man Hecken schneiden kann". Die Rede ist von der irischen Autorin Maeve Brennan. Aber wer Corinna Harfouch kennt, wei, dass dieser Satz ebenso gut auf die deutsche Schauspielerin zutrifft. Deren Wahl entpuppte sich als treffsicher. Denn Harfouch ist genauso widersprchlich wie Brennan. Sie wirkt gleichzeitig stark und verletzlich, sprde und gefhlvoll, angriffslustig und schutzbedrftig.

Die gazellenhaft schlanke Harfouch hatte kaum die Bhne der vollbesetzten MS RheinEnergie betreten, als sie auch schon klar machte, nach wessen Regeln dieser Abend verlaufen wrde: Hflich, aber bestimmt, bat sie einige fotografierende Besucher, das Knipsen auf spter zu verschieben, "weil ich dann einfach merke, dass ihr nicht zuhrt und das rgert mich natrlich." Den rger der Harfouch wollte sich keiner zuziehen und so wurden Fotosessions folgsam verschoben.

Sprachliche Sezierungen

Corinna Harfouch las drei Erzhlungen von Brennan mit einer prononcierten, manchmal fast schon zischelnden Stimme. An dramatischen Stellen gewann diese an Lautstrke und Eindringlichkeit. Trotzdem behielt die Schauspielerin immer eine gewisse Zurckgenommenheit bei und berdeckte den sachlich-trockenen Erzhlstil der Texte nie durch zu emphatisches Lesen. Dass sie es vermochte, die Spannung zwischen der sachlichen Form und dem emotionalen Inhalt in eine akustische Form zu gieen, ist eine Glanzleistung. Denn inhaltlich bergen Maeve Brennans Erzhlungen ber unsichere, einsame, verzweifelte Menschen durchaus dramatisches Potential. In einem Interview sagte die Autorin einmal, sie wolle so schreiben als sei die Fotografie nie erfunden worden. Diesem Anspruch wird sie gerecht. Mit sachlicher Sprache seziert die Irin die seelische Verfasstheit ihrer Protagonisten und lsst in einfachen Worten deren ganze Verletzlichkeit aufscheinen.

Schillernde Persnlichkeit

Nicht nur die Texte Maeve Brennans standen im Zentrum des Interesses, sondern auch die weitgehend unbekannte Autorin selbst. Felicitas von Lovenberg, Literaturchefin der FAZ, hatte neben Harfouch auf der Bhne Platz genommen und versorgte das Publikum nach jedem Leseblock mit Informationen zur Schriftstellerin und ihrem bewegten Leben. Wer also war Maeve Brennan? Darauf eine Antwort zu geben, ist gar nicht so leicht. Fest steht, dass die 1917 in Dublin geborene Autorin eine der wichtigsten literarischen Wiederentdeckungen der vergangenen Dekade ist. Dass Brennan und ihr eindrucksvolles Werk berhaupt in Vergessenheit geraten konnten, ist angesichts ihrer schillernden Persnlichkeit verwunderlich. In ihrer Wahlheimat New York galt sie als eine der schnsten und stilbewusstesten Frauen und das will in New York bekanntlich etwas heien. Brennan liebte es, deftig zu fluchen, war berhmt fr ihre eng anliegenden, schwarzen Kostme und ihren dunkelroten Lippenstift, zog permanent um und lebte mit fnf bis zwlf Katzen. Im New Yorker verffentlichte sie zahlreiche Erzhlungen, Kolumnen und Artikel Romane schrieb sie nicht. Am treffendsten fasste ihr Wesen wohl einer ihrer Kollegen zusammen, der resmierte: "She wasnt one of us, she was one of her."

Insgesamt war die Lesung ein Genuss. Schade war nur, dass die Organisatoren das Programm arg berfrachtet hatten: Nach zwei nicht gerade kurzen Leseblcken und den anschlieenden biografischen Ausfhrungen war die Aufnahmekapazitt des Publikums eindeutig an ihre Grenzen gelangt. Den dritten Block, in dessen Verlauf viele Besucher vorzeitig von Bord gingen, htte man sich besser sparen sollen.



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