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Der Rahmen hrt sich durchaus spannend an: Der Reisebericht eines nicht mehr ganz so jungen Lyrikers, der sich mit einem InterRail Ticket auf den Weg durch Europa macht. 22 Stdte in 31 Tagen. Es geht unter anderem nach Amsterdam, Brssel, Paris, Barcelona, Wien, Budapest, Danzig und Kopenhagen. Der Mann aus der Domstadt hat auf seiner Reise sicherlich so einiges erlebt. Schlielich scheint der Hard-Rock-Liebhaber ein interessanter Mensch zu sein. Wie ist InterRail so, wenn man nicht mehr 20 ist?

Leider hat sich der Autor dagegen entschieden einen erzhlenden Bericht abzuliefern. Aus irgendeinem Grund, der wohl immer im Verborgenen bleiben wird, ist das ganze Buch in Form einer seltsamen "ICQ-Chat-Sprache" verfasst:

"Ich knnte jetzt immer so weiter reisen. Kenne es von vergangenen lngeren Touren: Der Punkt ist erreicht. Was man alles so sieht, erlebt, einfach den lieben langen Tag... Herumstreunend. Und morgen wieder. Morgen wieder. Morgen wieder. Immer ein Morgen. Immer weiter. Als Lebensform zur Kunst passend. Eigentlich wie sonst, nur das Reisen dazu genommen :-) :-)"

Die Stze sind unvollstndig, die Zeichensetzung willkrlich und es gibt sogar Smileys. Ganz viele. Leider immer nur die gleichen. Dieses Experiment hielt Chrizz B. Reuer (eigentlich Christian Breuer Daumen hoch fr dieses Wortspiel!) wohl fr ausgesprochen kreativ. Die Wirklichkeit ist jedoch, dass einem schon nach zehn Seiten der Geduldsfaden zu reien droht. Solche Spielereien kommen vielleicht bei einem Poetry Slam-Publikum gut an, auf Buchlnge ist dies jedoch beinahe eine Zumutung.

So spannend wie die KVB

Bleibt also der Inhalt. Wer auf spannende Abenteuergeschichten hofft, wartet vergeblich. Auch da gibt es nichts zu holen. Geschildert wird ein fortwhrender, innerer Monolog des Reisenden. Dadurch bekommt man einen interessanten Einblick in die Person von B. Reuer. Der Text ist ehrlich, da er betont subjektiv ist. Spannend macht es die Geschichte leider nicht. Meist gibt es Beschreibungen von Jugendherbergen, flchtigen Bekanntschaften und subjektiven Impressionen von den besuchten rtlichkeiten. Ab und an kriegt der Mensch eine SMS aus Kln. Manchmal kommt er mit Leuten im Zug ins Gesprch oder besucht alte Bekannte in Paris, mit denen er sich einige Biere genehmigt. Klingt spannend? Nicht? Richtig! Das Ganze ist fr den Leser etwa so interessant, wie die Broschren der KVB.

Chrizz B. Reuer Der Europa-Trip

Verlag: Edition Oberkassel
Genre: Pop-Literatur
Erschienen: 28. Februar 2011
ISBN: 978-3492054218
Bindung: Broschiert
Seiten: 228
Preis: 16,95
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Dabei hat der Reisebericht durchaus seine Momente. Etwa wenn es ins Detail geht, man von lustigen Zwischenfllen in Gemeinschaftshrslen erzhlt bekommt oder ber das irre Treiben in der Amsterdamer Innenstadt. Doch scheint alles irgendwie angestaubt zu sein. Man merkt dem Autor sein Alter an. Selbst wenn er sich auf Biegen und Brechen bemht "locker und hip" zu klingen. So det ihn die niederlndische Hauptstadt an und auch das Partyleben in Barcelona ist nicht so ganz seins. Dafr denkt er manchmal daran, dass er gerne Sex haben wrde. Oder macht alten Mnnern in der Bahn nicht den Sitz frei, weil er zu mde ist. Immerhin ehrlich.

Alles wirkt irgendwie willkrlich und aneinander gereiht. Der schwierige Schreibstil trgt seinen Teil dazu bei. Die kleinformatigen, schwarz-wei Fotos fgen sich perfekt in dieses Bild ein. Diese sind von minderer Qualitt und meist beeindruckend nichtssagend.

Das Experiment Kreativer Reisebericht ist in diesem Fall leider absolut schief gegangen. Auszugsweise wrde der Text sicherlich funktionieren, auf 228 Seiten gestreckt ist er jedoch kaum zu ertragen. Die 16,95 sollte man sich lieber fr eine InterRail Karte zurcklegen.



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