Nietzsche hatte Recht: Wir haben Gott gettet - brutal und hinterhltig, besonders wir Deutschen. Google liefert den Beweis, von Harvard abgesegnet: Seit 1850 kommt der Begriff "Gott" in der deutschsprachigen Literatur immer seltener vor. Whrend des zweiten Weltkriegs startete man einen Wiederbelebungsversuch. Fast htte es funktioniert, aber Gottes Zustand verschlechterte sich radikal nach Kriegsende. Trsten knnen wir uns damit, dass es dem Osterhasen immer besser geht. Gerade in neuster Zeit erfreut er sich immer grerer Beliebtheit.

Wie genau man zu solch einer Erkenntnis gelangt? Mitte Dezember 2010 hat Google ein neues Tool herausgebracht: den Ngram Viewer. Damit kann man die Hufigkeit und die zeitliche Verteilung von Begriffen aus ca. 5,2 Millionen eingescannten Bchern visualisieren, wobei man sich auf Literatur einer bestimmten Sprache spezialisiert. Konkret heit das, man gibt ein Wort ein, whlt eine Sprache und einen beliebigen Zeitraum von 1500 bis 2008, und lsst sich graphisch anzeigen, wie oft es prozentual vorkommt. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mehrerer Begriffe.

Englische Egoisten, deutsche Feministen

Will man kurz zum Soziologen werden, kann man beispielsweise untersuchen, ob "ich", "du", "er" oder "sie" fter vorkommt. Auf Deutsch gewinnt "sie", gefolgt von "er" und "ich". Schlusslicht ist "du". Auf Englisch sieht die Lage vllig anders aus: "I" ist der klare Sieger, gefolgt von "he", dann "you" und schlielich mit einigem Abstand "she". Liegt das jetzt daran, dass "I" sowohl am Satzanfang als auch im Satz grogeschrieben wird (Der Ngram Viewer reagiert leider auf Gro- und Kleinschreibung!) oder sind die Englnder und Amerikaner einfach Egoisten? Und hat in Deutschland der Feminismus wirklich Frchte getragen, oder liegt der Triumph des Artikels "sie" daran, dass "sie" auch Plural ist?

Eine eindeutige Interpretation ist leider in sehr wenigen Fllen mglich, selbst fr die skurrilsten Theorien kann man Beweise finden. Eigentlich eine gute Sache, oder? Die Forscher der Harvard Universitt drfte dies weniger begeistern. Schlielich wurde der Ngram Viewer von ihnen entwickelt, um zu wissenschaftlichen Ergebnissen im Bereich der Kulturomik zu kommen, deren Ziel die Quantifizierung kultureller Trends ist.

Im brigen stellen sich dem Ngram Viewer noch grere Probleme. Das Einscannen der Bcher durch Google fhrt in nicht unwesentlichem Mae dazu, dass Wrter von dem Programm falsch erkannt und entstellt werden. Auch sind die Werte vor 1800 unzuverlssig, da nicht genug Bcher vorhanden sind. Insgesamt werden "nur" 5,2 Millionen Bcher bercksichtigt, was nach Abschtzungen ca. 4% aller geschriebenen Bcher ausmacht.

Auch die Minimoys sind Literatur!

Hinzu kommt, dass den Google Books der extensive Literaturbegriff zugrunde liegt. Dazu zhlen auch Werke wie "Arthur und die Minimoys", "Dmonomagie", die "Apologie der Illuminaten" und "Goldbrakteaten der Vlkerwanderungszeit".

Trotzdem wird der Ngram Viewer von Wissenschaftlern aus den unterschiedlichsten Disziplinen hoch gelobt. Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts fr Psycholinguistik im niederlndischen Nijmwegen, urteilte gegenber Zeit-online: Das ist eine hervorragende Arbeit, die unseren Erkenntnisstand in einer Reihe von Punkten bereichert. Als Vorteil nennt er unter anderem die Errechnung des englischen Wortschatzes, der laut Ngram Viewer immer grer wird.

Das Schne am neuen Google Tool ist, dass man mit ihm den eigenen Vorlieben eine wissenschaftliche Basis geben kann. Dem "Twilight"-Fan drfte es ziemlich wichtig sein, dass der Vampir angesagter ist als der Werwolf. Und der Fussballfan freut sich sicherlich auch ber die steigende Popularitt seines Lieblingshaselnussaufstrichs.

Was aber macht der Ngram Viewer aus uns: Gtter der Wissenschaft oder doch eher arme Pseudointellektuelle? Dmonomagier, Verschwrungstheoretiker oder viel schlimmer schlechte Redakteure? Das Urteil bleibt jedem selbst berlassen. Wir entscheiden uns fr die frhliche Bejahung eines Programms, das keine absoluten Wahrheiten hervorbringt. Nietzsche htte es so gewollt. Der Google Ngram Viewer ist eine geniale Erfindung, um sich und anderen die Welt zu erklren!


Den Google Ngram Viewer findet ihr hier.

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